Lotfi, 23: "Wir dürfen jetzt nicht pubertär reagieren"

Obwohl ich Wirtschaft studiere finde ich, dass die Wirtschaft in dieser Wahl eine zu große Rolle spielt. Es bleibt kein Platz mehr für das, was wirklich zählt, für die großen politischen Gedanken. Ich habe mir für Frankreich einen Präsidenten gewünscht, der sich nicht nur den Umständen anpasst, sondern eine große Vision hat. Deshalb habe ich im ersten Wahlgang Mélenchon gewählt.

Er ist der einzige Kandidat, der den Wählern ein globales Projekt vorgeschlagen hat. Er stimuliert den Geist, auf seinen Veranstaltungen liest er Gedichte. Er ist ein Mann des Buches, im Gegensatz zu Macron, der eher ein Zahlenmensch ist, einer, der sich immer nur den Gegebenheiten anpasst.

Auch 2012 habe ich im ersten Wahlgang für Mélenchon gestimmt, beim zweiten für Hollande. Dieses Jahr war Mélenchons Kampagne allerdings ganz anders als bei der letzten Wahl. Zwar hat ihn die kommunistische Partei weiter unterstützt, aber am Ende seiner Veranstaltungen wurde nicht mehr die Internationale gesungen, sondern die Marseillaise. Er hat sich von den Zwängen der Parteien befreit und seine Bewegung parteiübergreifend ausgerichtet, das hat mir gefallen.

Schon vor dem ersten Wahlgang war ich mir sicher, dass ich für jeden stimmen würde, der gegen Marine Le Pen antritt. Ich vermute, dass die Unterstützer von Bernie Sanders, die sich bei der Präsidentschaftswahl enthalten haben, heute ärgern, weil sie nicht Hillary Clinton unterstützt haben.

Emmanuel Macron stehe ich recht neutral gegenüber. Die Werbung für ihn scheint sich vor allem auf sein Alter zu beziehen. Ich erkenne einige Strategien aus Obamas Wahlkampf wieder: Der freundliche, elegante Präsident, der sich gerne mit Referenzen aus der Popkultur an die Jugend wendet. Das ist mir zu amerikanisch, es passt nicht zu Frankreich.

"Wir müssen uns fragen, was uns wichtiger ist: Der Kampf gegen den Liberalismus, oder der gegen den Rechtsextremismus."
Lotfi

Zwischen ihm und dem konservativen François Fillon sehe ich keine großen Unterschiede. Beide vertreten eine liberale Politik. Wäre Fillon in die Stichwahl gekommen, hätte ich auch für ihn gestimmt. Ich hätte jeden Kandidaten gewählt, um Marine Le Pen zu verhindern. Deshalb stimme ich am 7. Mai für Macron.

Denn wir müssen uns fragen, was uns wichtiger ist: Der Kampf gegen den Liberalismus, oder der gegen den Rechtsextremismus. Ich möchte lieber in einem wirtschaftsliberalen Frankreich leben, wie es zu Zeiten des Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing aussah, als in einer französischen Variante von Victor Orbáns Ungarn. Für Macron zu stimmen bedeutet für mich nicht, dass ich meine Werte verrate. Ich warte noch ab, was in den nächsten fünf Jahren passiert. Für mich steht noch nicht fest, wen ich dann wähle. 

Was mich traurig macht ist, dass die Wähler von Mélenchon pubertär reagieren, wenn es darum geht, strategisch zu denken. Die erste Reaktion eines Teils der Bewegung war am Wahlabend, sich an den Platz der Republik zu begeben und ihre Wahlausweise zu verbrennen. Sie glauben, dass ein paar Stimmen und eine Bewegung ausreichen, um die Legislative zu erobern und irgendwann auch den Premierminister zu stellen, aber nicht, dass dasselbe auch für eine Marine Le Pen möglich ist. Ich bin traurig, dass Mélenchon es nicht geschafft hat. Aber unsere Republik zu schützen ist wichtiger, als zu Hause zu sitzen und sich im Recht zu fühlen.