Ariane, 28: "Ich stimme gegen Le Pen, nicht für Macron"

Am Abend der Wahl saß ich mit anderen jungen Mélenchon-Wählern und Leuten von der Linkspartei in Hamburg beisammen, wir haben gemeinsam die Ergebnisse erwartet. Natürlich waren wir sehr enttäuscht. Wir hatten eine tolle und sehr aktive Bewegung mit France Insoumise. Aber wir dürfen nicht einfach nur traurig sitzen bleiben. Bald treffe ich mich wieder mit meiner Gruppe, dann organisieren wir uns für die Stichwahl. Wir bleiben solidarisch und wir wollen alle motivieren, auch beim zweiten Wahlgang ihre Stimme abzugeben. Für Macron.

Mélenchon hat noch keine Richtung vorgegeben. Ich persönlich finde das schlecht, er sollte seine Anhänger auffordern, für Macron zu stimmen. Marine Le Pen ist eine große Gefahr. Ihre Partei Front National war von Anfang an antisemitisch und rassistisch, das geht für mich gar nicht. Für sie ist jeder mit Migrationshintergrund kein Franzose, das betrifft zum Beispiel auch mich. Damit schadet sie unserer Demokratie. Sie ist die Repräsentantin eines Frankreichs der Angst.

Wenn mich jemand fragt, werde ich ihnen deswegen empfehlen, genau wie ich für Macron zu stimmen – obwohl er für nichts steht, das mir wichtig ist.

"Macron ist nur Marketing: Er hat einen guten Slogan und ist jung. Um die jungen Franzosen kümmert er sich aber überhaupt nicht."
Ariane

Die Europäische Union ist mir zum Beispiel wichtig. Ich kenne ihre Vorteile, schließlich lebe ich zur Zeit in Hamburg und nicht in Frankreich. Das wäre ohne die EU nicht so einfach möglich. Aber Probleme haben wir in der EU ebenfalls zahlreiche. Ich erlebe das bei meiner Arbeit im Kulturbereich. In Frankreich haben wir viele Gesetze, die unsere Künstler schützen, es gibt zum Beispiel einen Festpreis pro Buch. Die EU möchte solche Schutzregeln abschaffen. Mélenchon ist der Einzige, der Lösungen für solche Probleme anbietet, die mir gefallen.

Macron ist dagegen nur Marketing: Er hat einen guten Slogan und ist jung. Um die jungen Menschen in Frankreich kümmert er sich aber überhaupt nicht. Für mich ist es zum Beispiel schwierig Arbeit zu finden, obwohl ich jung bin. Macron sagt, das sei meine Schuld. Er ist nicht sozial, sondern extrem liberal. Die Medien stellen ihn als den neuen Wind in Frankreich dar, aber das wäre nur Mélenchon gewesen.

Ich verstehe die vielen Leute, die in der Stichwahl gar nicht abstimmen werden, auch wenn ich es falsch finde. Bei jeder Wahl spielen wir wieder dasselbe Spiel. Für mich ist es trotzdem wichtiger, Le Pen zu verhindern. Deswegen werde ich bei dem zweiten Wahlgang auf jeden Fall Macron wählen, auch wenn ich ihn überhaupt nicht mag. Es ist keine Stimme für Macron, sondern eine gegen Le Pen.