Die jungen Briten waren die größten Verlierer des Brexit, nun haben sie wieder die Wahl. Über eine Entscheidung zwischen Schock und Hoffnung auf ein zweites Referendum

Nach dem Brexit-Referendum gab es in Europa wohl niemanden, der so sehr bemitleidet wurde wie die jungen Briten: Hätten nur die 18 bis 34-Jährigen gewählt, hätte es eine überwiegende Mehrheit für einen Verbleib in der EU gegeben. Doch jetzt ist für viele nur noch die Frage, wie der Brexit aussehen soll – und wie groß die Mehrheit der Konservativen sein wird. Nachdem es im vergangenen Jahr nur zwei Seiten gab, müssen sich Briten jetzt entscheiden, wer ihre Interessen am besten vertreten kann, denn am 8. Juni 2017 wird das Parlament neu gewählt.

Die amtierende Premierministerin Theresa May sagt, dass sie lieber keinen Deal mit der EU hätte als einen schlechten. Gleichzeitig wirbt sie dafür, sie zu unterstützen, um mit einer breiten Mehrheit im Parlament die Verhandlungsposition Großbritanniens zu verbessern. In Umfragen lag ihre Partei, die konservativen Tories, lange deutlich vorne, zuletzt holte die Labour-Partei auf.

Die traditionell größte Oppositionspartei Labour hat sich in den letzten Monaten vor allem mit sich selber beschäftigt, während Teile der Partei Jeremy Corbyn die Parteiführung streitig machen wollten. Sie sind gescheitert, aber Corbyn bleibt eine umstrittene Persönlichkeit: Viele Studierende mögen seine kompromisslos linke Politik und laut Umfragen werden mehr als die Hälfte von ihnen Labour unterstützen. Doch für das Establishment der Partei und ehemalige Remain-Supporter aus dem konservativen Lager ist er zu radikal.

Die britischen Liberaldemokraten hoffen, dass sie von Labours Schwäche profitieren können und inszenieren sich als einzige EU-freundliche Partei. Bei den vergangenen Wahlen 2015 waren sie nach fünf Jahren an der Regierung fast vollkommen aus dem Parlament verschwunden. Am meisten Vertrauen hatten sie bei jungen Briten verloren: Entgegen ihren Wahlkampfversprechen unterstützen die Liberaldemokraten als Teil der Regierung eine Erhöhung der britischen Studiengebühren. 

Wie werden sich die jungen Briten entscheiden? Vier von ihnen erzählen.

"Im Großen und Ganzen ist die Welt in Ordnung"

Emma, 22, glaubt, dass eine starke Opposition wichtig ist, aber kann sich nicht vorstellen, für eine andere Partei als die Konservativen zu stimmen. Sie ist in London aufgewachsen und hat in Oxford studiert.

Als die Ergebnisse letztes Jahr verkündet wurden, waren alle geschockt. Meine Mitbewohner hatten auch für Remain gestimmt, genau wie meine Eltern und meine ganze Familie – ich bin zu einer SMS meiner Mutter aufgewacht, die nur "Fuck!" geschrieben hatte. Ich selber kannte keine einzige Person, die für Leave war.

Ich stimme meistens dafür, Sachen so zu lassen, wie sie sind – im Großen und Ganzen ist die Welt ganz in Ordnung. Außerdem habe ich die Leave-Kampagne nicht verstanden: Sie haben immer von den ganzen EU-Verboten geredet, aber die EU hat mich noch nie daran gehindert, irgendetwas zu tun. Und sie haben Versprechen gemacht, die einfach keinen Sinn ergeben – wenn wir die EU verlassen, haben wir mehr Geld für unser Gesundheitssystem? Es gibt keinen Zusammenhang zwischen diesen beiden Punkten.

Ich glaube aber auch nicht, dass Leave-Unterstützer rassistisch oder schlecht informiert waren. Ihre Entscheidungen basieren auf ihren Lebenserfahrungen, die meisten hatten ihre Gründe. Ich lebe im Südosten Englands, mir geht es relativ gut und ich werde vermutlich nie einen Job an EU-Immigranten verlieren. Wahrscheinlich würde ich anders über Einwanderung denken, wenn ich einen schlechteren Schulabschluss hätte und nicht zur Uni gehen würde.

Ich mag die EU und Europa als sonniges Reiseziel – aber ich fühle mich anderen Europäern nicht besonders verbunden.

Für mich hat sich das vergangene Jahr über nichts geändert. Ich hatte mir Sorgen gemacht, dass wir als Gesellschaft zerrissen sein würden, aber das scheint nicht passiert zu sein. Alle haben die Entscheidung akzeptiert. Ich würde mich auch nicht für ein zweites Referendum einsetzen – wir haben für die Politiker in Westminster gestimmt, es ist ihr Job, sich die ganzen langweiligen Dokumente durchzulesen und dann in zwei Jahren aufgrund dieser Informationen die richtige Entscheidung zu fällen.

Der Brexit spielt bei meiner Entscheidung für die Wahlen keine große Rolle. Kein vernünftiger Politiker, sei es Corbyn oder Tim Farron von den Liberaldemokraten, würde den Brexit verhindern. Ich mag die EU und Europa als sonniges Reiseziel – aber ich fühle mich anderen Europäern nicht besonders verbunden. Aus wirtschaftlichen Gründen müssen wir mit anderen Staaten kooperieren, aber der Zug mit der EU-Mitgliedschaft ist abgefahren. Der Fehler ist gemacht und wir werden die EU verlassen. Ganz abgesehen davon würden die EU-Staaten uns jetzt vermutlich auch nicht mehr zurückhaben wollen.

Ich bin die schlimmstmögliche Wählerin.

Bei den Lokalwahlen habe ich konservativ gewählt und werde das Gleiche im Juni tun. Bei mir zu Hause würde eh nie jemand anderes ins Parlament kommen. Und ich bin die schlimmstmögliche Wählerin: Ich bin nicht besonders gut über Politik informiert, ich wähle einfach immer konservativ, genau wie meine Eltern.

Bei den letzten Wahlen habe ich etwas genauer über meine Entscheidung nachgedacht. Ich bekomme Mobilitätszuschüsse von der Regierung und auf einmal hieß es, ich sei nicht behindert genug. Ich musste innerhalb von wenigen Tagen ein 50 Seiten langes Formular ausfüllen und mich dann vor einem Tribunal rechtfertigen. Ohne meine Mutter hätte ich es nicht geschafft, weil ich mitten in der Vorbereitung für meine Abschlussklausuren steckte.

Aber letztendlich setzen sich die Tories für meine Interessen ein, zum Beispiel wenn es um niedrige Steuern geht. Labour hätte mich vielleicht etwas besser behandelt und meine Zuschüsse nicht so stark gekürzt. Aber auch eine Labour-Regierung müsste letztendlich Geld sparen.

Ich denke durchaus, dass wir eine starke Opposition brauchen. Ich mag Theresa May, aber irgendjemand muss die Dame ein bisschen im Zaum halten. Die Konservativen sagen, "Hey, es ist super, dass Labour verschwunden ist", aber für das Land ist es nicht gut, irgendjemand muss kritische Fragen stellen. Leider ist Jeremy Corbyn dabei eine absolute Katastrophe. Ich weiß es zu schätzen, dass er sehr prinzipientreu ist, aber das bringt nichts, wenn du die größte Oppositionspartei anführst. Ich kann mir auch einfach nicht vorstellen, für Labour zu stimmen.

Den Liberaldemokraten traue ich nicht über den Weg – sie wollen einfach an der Macht sein und stehen für gar nichts. Vor ein paar Jahren standen sie kurz für niedrigere Studiengebühren, aber als sie Teil der Regierung sein konnten, haben sie auch das Prinzip sofort aufgegeben. Jetzt wissen sie, dass sie niemals an der Macht sein werden, und versprechen das Blaue vom Himmel herunter.