Junge Menschen haben weniger Sex, als ihre Eltern hatten, ergaben US-Studien. Kann das sein? Ein Therapeut, eine Beraterin, eine Forscherin und eine Klofrau antworten.

Eigentlich gibt es ja nichts mehr, was es nicht gibt. Lea macht’s mit Lena und Lukas mit Tom – und wenn sie mögen, auch alle vier zusammen. Im Netz erzählen Vlogger und Podcaster freimütig von ihrem letzten Analverkehr, ein One-Night-Stand ist heute so leicht abrufbar wie das Abendessen auf Foodora. Apps wie Tinder, Happn und Grindr verheißen, dass jeder zu jeder Zeit mit jedem überall Sex haben könnte. Könnte, genau, Konjunktiv.

Tatsächlich haben junge Menschen heute weniger Sex als noch vor 25 Jahren – zumindest behaupten das Studien aus den USA. Während Amerikaner 1989 im Schnitt noch 60 Mal Sex hatten, waren es 2014 nur noch 52 Mal, berichtet die Fachzeitschrift Archives of Sexual Behaviour. Sexmüde seien die Amerikaner unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Beziehungsstatus geworden – besonders aber die, die nach 1990 geboren sind: Sie haben in ihren Zwanzigern weniger Sex als ihre Eltern und Großeltern im selben Alter.

Sind die Amerikaner einfach prüder? Oder haben auch die Deutschen verlernt, miteinander zu schlafen? ZEIT Campus ONLINE hat einen Sexualtherapeuten, eine Toilettenfrau, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und eine YouTuberin gefragt. Warum Sex anstrengend sein kann, erklärt Sexualtherapeut Christoph Joseph Ahlers.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Ahlers, haben wir heute weniger Sex als früher?

Christoph Joseph Ahlers: Das kann man so nicht sagen. Meistens wird Sex als Synonym für Geschlechtsverkehr verstanden und verwendet. Penis-vaginale Penetration ist aber nur eine Form von Sex. Vor allem junge Männer haben viel Sex in Form von sexueller Selbstbetätigung und womöglich weniger Geschlechtsverkehr innerhalb ihrer Partnerschaft. Wenn Leute zu mir in die Praxis kommen, ist es meistens so, dass der eine mehr Sex will als der andere. Das war schon immer so. Was neu ist: Heute sind es immer häufiger die Männer, die nicht mehr mit ihren Frauen schlafen. Das gab es bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nicht, da wollten Männer immer nur das eine. Jetzt hat sich das gedreht: Immer mehr junge Männer vermeiden Sex mit ihrer Partnerin, haben aber eine ausgeprägte sexuelle Selbstbetätigung mit Stimulation durch multimediale Internetpornografie, von der die Partnerinnen in der Regel nichts wissen.

ZEIT Campus ONLINE: Das heißt, sie befriedigen sich lieber selbst, als mit ihrer Frau zu schlafen?

Ahlers: Ja, Sex mit sich selbst ist für sie vielleicht nicht schöner als der mit ihren Frauen, aber einfacher: Eine Partnerin will zuhören, Zuwendung, Zuneigung, Aufmerksamkeit, Auseinandersetzung, Anteilnahme. Der Bildschirm gibt supranormale sexuelle Stimulation und will nichts.

"Pornos gucken bedeutet, Superman beim Sex zuzugucken."

ZEIT Campus ONLINE: Haben junge Menschen heute also vielleicht weniger Sex als früher, weil sie so viele Pornos gucken?

Ahlers: Wir wissen noch nicht, ob es wirklich eine Veränderung des Sexualverhaltens gibt, die mit dem uneingeschränkten Zugang zu Internetpornografie zu tun hat, denn das Phänomen ist gerade mal 15 Jahre alt. Die sogenannten Wendekinder, also ungefähr ab Geburtsjahrgang 1990, wurden als erste Generation primär über Internetpornografie sexualisiert. Die sprichwörtliche Generation Porno! Dass das Folgen haben kann, ist vorstellbar: Kinder und Jugendliche werden expliziter Pornografie ausgesetzt, noch bevor sie eigene sexuelle Erfahrungen sammeln konnten und ohne zu wissen, was das ist, was das bedeutet und wie sie das verarbeiten sollen. Gleichzeitig ist es noch nie so einfach gewesen, über Apps und Internetportale unbekannte Leute für unverbindlichen, beziehungslosen Sex zu daten.

ZEIT Campus ONLINE: Könnten Pornos und Tinder nicht auch dazu führen, mehr statt weniger Geschlechtsverkehr zu haben?

Ahlers: Pornos gucken bedeutet, Superman beim Sex zuzugucken. Pornografie ist Fiktion! Genau das können aber vor allem sexuell unerfahrene Jugendliche kaum realisieren. Sie konsumieren Pornos als idealtypischen Sex. Dass das einen Einfluss auf die Sexualität der Jugendlichen haben kann, liegt auf der Hand. Junge Menschen müssen sich erst mal orientieren: Was will ich eigentlich selbst? Diese Generation wird geflutet von sozial-normativen Anforderungen im Sexuellen: Die macht das mit dem auf diese Weise. Sie sollen alle Praktiken kennen und können. Viele überfordert das. Junge Menschen stehen unter dem Druck von Selbstoptimierung und Multioptionalität. Auch im Sexuellen. Viele sagen dann: Das will ich alles nicht mehr. Treue und Verbindlichkeit spielen eine viel wichtigere Rolle als in früheren Geburtskohorten und Sex findet vor allem für viele Jungen vor in Form von sexueller Selbstbetätigung statt, weil ich da im Internet auf eine "geilere" Welt stoße als "in echt" und weil ich da nichts bringen, können und besorgen muss.

ZEIT Campus ONLINE: Früher gab es diesen Druck, alles richtig zu machen, also nicht?

Ahlers: Früher ging es mehr darum: Ab wann darf man? Wie schafft man es, eine Situation zu erzeugen, wo es klappt. Im Auto? Im Schrebergartenhäuschen? Zu Hause war undenkbar. Heute wächst die erste Generation heran, die in sexueller Hinsicht mehr darf, als sie will. Das ist neu.

Für die Statistik ist ein One-Night-Stand nicht viel

Nicht nur Pornografie hat sich ins Internet verlagert, auch Aufklärung findet heute im Netz statt. Für den öffentlich-rechtlichen Jugendsender Funk erklärt Kristina Weitkamp, wo der G-Punkt liegt, warum Ausfluss nichts Schlimmes ist und gibt Tipps für den perfekten Handjob.

ZEIT Campus ONLINE: Kristina, du redest im Internet über Analsex und Selbstbefriedigung. Reden wir heute nicht schon genug über Sex?

Kristina Weitkamp: Ich glaube, wir reden viel über Sex, aber nicht über den, den wir selbst haben. Sex war nie so präsent wie jetzt, sei es durch Werbung, Pornos oder Sprache. Dabei haben wir oft weniger Hemmungen als unsere Eltern und tun immer so megaoffen, wenn es um den Sex anderer Leute geht. Aber wenn es um unseren eigenen Sex geht, verunsichert uns dieses Überangebot. Wir denken, wir müssten alles wissen und können. Wir denken, der andere erwartet, dass wir alles wissen und können. Weil wir uns nicht die Blöße geben wollen, sagen wir lieber nichts. Außerdem haben viele Leute Angst, den Partner zu verletzen, wenn sie ihm sagen, dass sie nicht mögen, was er macht.

"Sex im Kinderzimmer war für mich keine Option."

ZEIT Campus ONLINE: Kann es sein, dass wir heute offener sind und trotzdem weniger Sex haben?

Kristina: Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Wir können unsere Sexualität häufiger und vor allem selbstbewusster allein ausleben. Für einen Orgasmus brauche ich keinen Partner. Es liegt aber auch daran, dass sich unsere Eltern einfach viel früher fest gebunden haben. Das erhöht natürlich die Chance auf regelmäßigen Sex. Meine Eltern haben mit 23 geheiratet, wohnten zusammen, haben ihr erstes Kind bekommen. Mit 23 habe ich noch zu Hause gewohnt – und Sex in meinem Kinderzimmer war für mich keine Option.

ZEIT Campus ONLINE: Dafür haben wir Tinder: Es war doch noch nie so einfach, viel Sex zu haben?

Kristina: Jein. Es ist definitiv einfacher, Leute kennenzulernen. Auch Leute, mit denen man schlafen könnte. Aber oft bleibt es beim Onlinekontakt. Man sitzt auf dem Sofa und schreibt, statt sich zu treffen. Weil man meistens auch mit mehreren Leuten gleichzeitig schreibt und sich nicht auf eine Person konzentriert. Häufig verlaufen sich solche Kontakte dann, bevor es zum Treffen kommt. Oder man trifft sich und schläft einmal miteinander. Weil man sich nicht festlegen möchte, noch heartbroken an jemand anderem hängt oder weil es einfach nicht passt, bleibt es bei dem einen Mal. Dann hatte man ein Mal Sex. Das ist für die Statistik nicht viel.

Jugendliche fangen später an

Auch in Deutschland gibt es Statistiken über das Sexualverhalten von jungen Menschen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) befragt seit 1980 Jugendliche ab 14 Jahren zu den Themen Sex, Aufklärung und Verhütung. Angelika Heßling leitet die Studien zur Jugendsexualität.

ZEIT Campus ONLINE: Frau Heßling, haben deutsche Jugendliche auch weniger Sex als früher?

Angelika Heßling: Wir fragen in unseren Studien nicht, wie häufig junge Menschen Sex haben. Dafür erfassen wir, wann sie damit anfangen. Es ist ein beliebtes Vorurteil, dass junge Leute immer früher Sex haben. Das stimmt aber gar nicht. In unseren Studien zur Jugendsexualität sehen wir, dass sich das erste Mal ein bisschen verschiebt – und zwar nach hinten. Jugendliche fangen später an. Wir haben bei den 17-Jährigen heute einen höheren Anteil von Leuten, die noch keinen ersten Sexualkontakt hatten. Bei den 17-jährigen Mädchen hatten 2005 schon 73 Prozent ersten sexuellen Kontakt, 2015 waren es nur noch 65 Prozent.

ZEIT Campus ONLINE: Woran könnte das liegen?

Heßling: Junge Menschen haben heute, das zeigen unsere Studien auch, einen verantwortungsvolleren Umgang mit Sexualität. 1980 haben beispielsweise noch gut 20 Prozent der weiblichen und 29 Prozent der männlichen Befragten beim ersten Geschlechtsverkehr nicht verhütet, heute sind es nur noch acht Prozent der Mädchen und sechs Prozent der Jungen. Das haben wir der Sexualaufklärung zu verdanken. In den Grundschulen, in der 6. oder 7. Klasse und dann noch mal in der 10. Klasse. Außerdem gibt es flächendeckend 1.600 Beratungsstellen wie zum Beispiel profamilia, die kostenlos über Verhütung beraten.

ZEIT Campus ONLINE: Mehr Verhütung bedeutet aber nicht zwangsläufig weniger Sex, oder?

Heßling: Es gibt auch einen Wandel in der Einstellung. 80 Prozent der jungen Frauen sagen, dass Treue absolut notwendig ist. Und 67 Prozent der jungen Männer. Auch die Bekanntheit mit dem Partner des ersten Geschlechtsverkehrs steigt. Das heißt, die Jugendlichen sind mit den Personen, mit denen sie zum ersten Mal Sex haben, vertrauter als früher. Sie sind insgesamt umsichtiger und vorsichtiger.

"Wir sind hier doch nicht im KitKatClub"

Also alle prüde geworden? Quatsch, sagt Birgit, die seit 23 Jahren auf Berliner Toiletten als Klofrau arbeitet, davon 13 in einem Club in Berlin Mitte. Ihre Schicht fängt um 23 Uhr abends an und endet, wenn die Letzten am Morgen wieder gehen. Viel Zeit, um die Menschen und ihre Bedürfnisse zu beobachten.

ZEIT Campus ONLINE: Sex auf der Toilette, gibt’s das noch?

Birgit: Na klar, manchmal glaubst du, die Leute können gar nicht anders, als sofort Sex zu haben. Da fangen die schon bei mir vor der Toilette auf der Sitzbank an. Da sage ich dann immer: Wir sind hier doch nicht im KitKatClub, geht nach Hause oder auf die Parkbank. Manche probieren es erst auf der Männertoilette, dann bei den Frauen. Wenn ich sehe, wie die zu zweit in die Kabine wollen, lasse ich sie nicht durch. Aber manchmal schaffen sie es natürlich trotzdem. Und wenn die Kammer zu ist, dann ist die Kammer zu. Da gehe ich nicht dazwischen. Wenn die zu zweit rauskommen und selig grinsen, frag ich auch mal: Na, hat’s wenigstens Spaß gemacht?

ZEIT Campus ONLINE: Kam das früher öfter vor als heute?

Birgit: Ach Quatsch, das war doch schon immer so. Da hat sich nichts verändert. Verändert haben sich nur die Männer. Die sind eitler geworden. Früher standen ja nur die Frauen vorm Spiegel und haben ihren Lidstrich nachgezogen. Jetzt gucken auch die Männer stundenlang in den Spiegel und richten sich die Haare. Einer wollte sich neulich mein Haarspray ausleihen. Naja, wenn's hilft.