Sie kann nur Fillon loyal sein, er fühlt sich mit seinen Problemen im Banlieue allein gelassen: Junge Franzosen erzählen, warum sie gar nicht oder ungültig wählten.

Von einer "Schicksalswahl" war die Rede. Doch während mancher in Europa zitterte, ging ein Viertel der Franzosen gar nicht erst wählen. Die Wahlbeteiligung war so gering wie seit fast 40 Jahren nicht mehr. 

Besonders selten konnten oder wollen sich die jungen Wähler entscheiden: Mehr als 30 Prozent der Franzosen unter 34 blieben fern, mehr als in jeder anderen Altersgruppe. Dazu kommen noch diejenigen, die einen weißen oder einen ungültigen Stimmzettel abgaben.

Drei junge Französinnen und Franzosen erzählen, warum sie für keinen der beiden finalen Präsidentschaftskandidaten gestimmt haben:

Flora, 23: "Ich bin François Fillon treu"

Flora, 23, aus Versailles, studiert im Master Wirtschaft und Politik und leitet die Gruppe "Jeunes avec Fillon" in der Region Yvelines bei Paris. © privat

Jemand anderes als François Fillon zu wählen, wäre ein Verrat gewesen. Ich leite die Jugendorganisation "Jeunes avec Fillon" in der Region Yvelines und habe unter mir ungefähr 250 junge Unterstützer, mit denen ich einen sehr harten Wahlkampf geführt habe. Ich habe seinen Wahlkampf unterstützt, bin für ihn von Tür zu Tür gegangen. Habe jungen Leuten erklärt, warum sie gerade nicht Emmanuel Macron und Marine Le Pen wählen sollen. Und dann soll ich einen von den beiden wählen? Das ist für mich nicht kohärent. Wir haben an einen Präsidenten mit dem Namen François Fillon geglaubt, ihm bin ich treu. Im schlimmsten Sturm verlasse ich nicht das Schiff. Deshalb bin ich gar nicht wählen gegangen.

Ich kann nicht verstehen, warum Politiker meiner konservativen Partei Les Républicains dazu aufgerufen haben, Emmanuel Macron zu wählen. Sie haben meiner Meinung nach den Kontakt zu ihren Wählern verloren.

Viele meiner Parteifreunde sprachen davon, dass gerade wir konservative Wähler Marine Le Pen verhindern sollten, indem wir gegen sie stimmen. Ich finde, sie war die Kandidatin einer republikanischen Partei. Wenn die Mehrheit der Franzosen sie gewählt hätte, dann hätte sie ihre Legitimität gehabt.

Ich persönlich wollte sie aber nicht wählen. Denn Marine Le Pen ist eine Populistin, sie hat versucht mit viel zu einfachen Antworten Wähler zu fangen. Die Probleme Frankreichs sind komplexer. Ein Ausstieg aus dem Euro würde die Inflation vorantreiben. Den Mindestlohn zu erhöhen würde unheimlich viel Geld kosten. Ihr Wirtschaftsprogramm ist nicht finanzierbar. Es wäre schrecklich für Frankreichs Wirtschaft gewesen, wenn sie Präsidentin gewesen wäre. 

Wir Wähler sollten uns aber frei entscheiden können, wem wir statt unserem Wunschkandidaten Fillon unsere Stimme geben oder ob wir uns enthalten wollen. Nicht zu wählen ist meiner Meinung nach auch ein starkes politisches Zeichen. Es zeigt, dass man sich von keinem der beiden Kandidaten in der Stichwahl vertreten fühlt. Außerdem: Eine Stimme weniger für Macron schwächt seine Legitimität als Präsident und stärkt die Opposition – in diesem Fall meine Partei Les Républicains.

Gegen die Homo-Ehe

Ich stehe 100 Prozent hinter dem Programm von François Fillon. Ich bin dagegen, dass Homosexuelle heiraten dürfen und finde eine liberale Wirtschaftspolitik gut, in der sich der Staat nicht zu viel einmischt. Auch abgesehen davon, dass ich François Fillon treu bin, kam es für mich darum nicht in Frage, für Macron oder Le Pen zu stimmen.

Am Sonntag habe ich den ganzen Tag in einem Wahlbüro geholfen, bis halb zehn waren alle Stimmen ausgezählt. Dass Emmanuel Macron gewonnen hat, war für mich keine Überraschung. Die wichtigste Arbeit liegt jetzt vor ihm. Die Franzosen erwarten viel.

Frankreich braucht harte Wirtschaftsreformen, um die Arbeitslosigkeit zu senken. So wie sie in Deutschland von Gerhard Schröder durchgeführt wurden. Ich denke, dass der neue Präsident Macron diese Reformen zu halbherzig anfassen wird. Er stilisiert sich zwar als unabhängiger Präsident, aber in Wirklichkeit ist er ein Geschöpf der sozialistischen Partei. Er war Wirtschaftsminister unter dem Präsidenten Hollande und viele seiner neuen Unterstützer sind ehemalige Sozialisten. Er steht für mich nicht für eine neue Politik, sondern für eine Kontinuität der letzten fünf Jahre.

Ich denke bereits jetzt schon an die nächste Wahl. Bei den Parlamentswahlen im Juni kann ich wieder meine Stimme für einen Kandidaten abgeben, hinter dem ich wirklich stehe. Und meine Partei Les Républicains weiter unterstützen.