Fast jeder Dritte bricht sein Studium ab. Dass Studenten unmotiviert sind, liege auch an Dozenten, meint Ulrich Heublein. Er hat die Gründe für den Abbruch untersucht.

Abi machen, Studium anfangen, Studium abbrechen? Noch immer bricht ein Drittel der Studenten ihr Bachelorstudium ab. Ulrich Heublein hat zusammen mit anderen Wissenschaftlern in einer neuen Studie die Ursachen untersucht. Er fordert vor allem ein Umdenken in der Lehre.  

ZEIT Campus ONLINE: Herr Heublein, als zwei der wichtigsten Gründe für einen Studienabbruch nennen die Studenten in Ihrer Studie Leistungsprobleme und mangelnde Motivation. Provokativ gefragt: Sind einige Studenten zu dumm oder zu faul für das Studium?

Ulrich Heublein: Nein. Es ist weniger eine Frage der Intelligenz oder des Fleißes, sondern mehr eine Frage, wie die Studienanfänger von der Schule auf diese Herausforderung vorbereitet werden – und wie sie sich als Studierende auf diese Vorbereitung einlassen. Studienanfänger bringen oft nicht die notwendigen fachlichen Voraussetzungen mit. Gerade in Fächern wie den Ingenieurwissenschaften müssen sie sofort höchste Anforderungen bewältigen, gleichzeitig aber das aufarbeiten, was ihnen aus der Schulzeit noch fehlt. Für manche stellt das eine Überforderung dar.

ZEIT Campus ONLINE: Überfordert scheinen viele zu sein: Im von Ihnen untersuchten Jahrgang hat ein Drittel sein Bachelorstudium wieder abgebrochen. Wer ist schuld daran?

Heublein: Das klingt, als wäre ein Studienabbruch etwas Schlimmes. Wir wollen jungen Leuten doch Flexibilität und Neuorientierung ermöglichen. In einem offenen Bildungssystem ist ein Studienabbruch nicht ungewöhnlich.

ZEIT Campus ONLINE: Also ist es gut, dass es so viele Studienabbrecher gibt?

Heublein: Nein. Denn wir sehen auch, dass viele ihr Studium abbrechen, obwohl sie die richtigen Voraussetzungen dafür mitbringen. Dann haben wir ein Problem und das muss verhindert werden.

ZEIT Campus ONLINE: Was könnte besser laufen?

Heublein: Erstens müssen wir die schulische Vorbereitung verbessern. Zweitens müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Studienbewerber eine souveräne Entscheidung bei der Wahl ihres Fachs treffen können. Dazu gehört auch, dass wir die Studienberatung ergänzen sollten, indem wir mehr Informationen über berufliche Ausbildungen anbieten. Drittens muss man die Studenten dazu bringen, die Angebote auch richtig zu nutzen.

ZEIT Campus ONLINE: Universitäten bieten doch bereits Tutoren, Mentoren, Infotage, Studienberater und noch viel mehr. Was sollen sie denn noch alles tun?

Heublein: Studienabbrecher sind oft nicht in der Lage, mit diesem Angebot umzugehen. Es ist nicht so, dass sich Studienabbrecher besonders häufig an die Beratungen wenden. In anderen Ländern sind solche Angebote deswegen Vorgaben.

ZEIT Campus ONLINE: Also müsste es eine Pflicht geben, sich beraten zu lassen?

Heublein: Ja, das wäre eine Möglichkeit. Schauen Sie zum Beispiel auf die Brückenkurse für Mathematik. Nicht wenige Studienbewerber, die diese Kurse eigentlich bräuchten, nehmen an ihnen nicht teil.  Man könnte sie verbindlich machen.

ZEIT Campus ONLINE: Und der andere?

Heublein: Wir könnten Studenten beibringen, wie sie einen eigenständigen Lernstil entwickeln. Das erfordert natürlich eine bestimmte Betreuung, zum Beispiel Mentoren oder Lerngruppen, in denen sich Lehrende auch engagieren.

ZEIT Campus ONLINE: Wie würde das in der Praxis aussehen?

Heublein: Die Betreuung müsste viel mehr in den Fokus rücken. Wir haben an Hochschulen nach wie vor eine starke Forschungsorientierung. Die Bedeutung von Lehrenden bemisst sich noch stark an ihren Forschungsleistungen. Das ist natürlich richtig, aber es bedarf der Ergänzung, dass auch das Unterrichten ein wichtiger Teil der Arbeit eines Hochschullehrers ist.

"Motivation lässt sich beeinflussen, und da sehe ich die Lehrenden in der Pflicht."
Ulrich Heublein

ZEIT Campus ONLINE: Also müssten Hochschullehrer ihre Studenten erziehen?

Heublein: Ja, das kann man so sagen. Vor allem ist eines wichtig: Auch ein Student, der mit fachlichen Defiziten ins Studium kommt, kann diese mit der entsprechenden Motivation und Begeisterung für das Fach überwinden. Manche bringen das von selbst mit. Andere sind wankelmütiger, sie erleben ihr Fach vor allem über ihre Lehrenden. Wenn sie also einen Dozenten vor sich haben, der Maschinenbau für die spannendste Sache der Welt hält, dann lassen sie sich von der Begeisterung anstecken. Motivation lässt sich beeinflussen, und da sehe ich die Lehrenden in der Pflicht.