Aber wie? Philosoph Andreas Urs Sommer über das Fast-Verschwinden der Religion, Angst vor dem Tod und die Frage: Ist uns die Suche nach dem Sinn des Lebens einfach egal?

ZEIT Campus ONLINE: Herr Sommer, es ist doch so: In die Kirche gehen junge Menschen, wenn überhaupt, nur noch an Weihnachten. Vielleicht schicken wir vor schweren Klausuren noch ein Stoßgebet in den Himmel. Aber mehr auch nicht. Ist Religion für uns heute überflüssig geworden?

Andreas Urs Sommer: Überflüssig nicht — jedenfalls nicht für alle. Für viele Menschen unserer pluralen Gesellschaft hat Religion aber tatsächlich als Lebensorientierung jede Bedeutung verloren. Und für nicht wenige ist Religion lediglich ein schönes Accessoire zu feierlichen Anlässen, weil man noch keine überzeugenden säkularen Riten gefunden hat: zur Taufe, an Weihnachten, bei einer Beerdigung.

ZEIT Campus ONLINE: Glauben Sie, solche säkularen Riten werden sich noch entwickeln?

Andreas Urs Sommer, 45, hat unter anderem Philosophie sowie Kirchen- und Dogmengeschichte studiert. Heute ist er Professor für Kulturphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Nietzsche-Spezialist. Er selbst ist agnostischer Skeptiker und rät zu Entspanntheit im Umgang mit religiösen Fragen. © Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Sommer: Eher nicht, denn ich glaube, Religion wird niemals vollkommen erledigt sein, so wie sich das etwa atheistische Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts gewünscht haben. Das ist eine Illusion — zumal das An-den-Rand-Drängen von Religion im menschlichen Leben eine sehr westlich-europäische Erscheinung ist und Religion breiten Bevölkerungsschichten in anderen Erdteilen Halt gibt. Das hat damit zu tun, dass unsere westlichen Gesellschaften dem Individuum weiten Freiraum bei der privaten Sinnstiftung gewähren, während andere Gesellschaften eher auf Sinnvermittlung von oben herab gepolt sind: Man erwartet dort, dass autoritäre Instanzen, als die sich religiöse Anführer gerne gebärden, den Sinn des Lebens vorgeben.

ZEIT Campus ONLINE: Und woran liegt es, dass Religion für uns in westlichen Gesellschaften nicht mehr so wichtig ist?

Sommer: Religion ist seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert permanent unter Beschuss geraten: Alle Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, darf man als gescheitert betrachten. Und die historische Kritik der Bibel und der anderen Offenbarungsschriften hat gezeigt, dass diese Werke von Menschen für Menschen geschrieben worden sind. Und zwar in einem bestimmten Kontext. Deswegen können wir einen Brief des Apostels Paulus, das Buch eines alttestamentlichen Propheten oder eine Sure aus dem Koran heute nicht mehr ohne Zurechtbiegung als Lebensanweisung für unsere Gegenwart verstehen. Diese historische Kritik ist zwar auch wesentlicher Teil der Arbeit kritischer Theologen. Sie ist aber für Religionen brandgefährlich, weil sie nicht nur den Glauben an die Schriften, sondern auch an die Institution der Kirche zersetzt. Heute haben wir außerdem säkulare Antworten auf unsere Sinnfragen gefunden und das Gefühl, unser Leben selbst im Griff zu haben. Der Mensch der westlichen Moderne braucht keine höhere Instanzen mehr, auf die er hofft, denen er sich ausliefert und die seine Weltsicht bestimmen.

"Uns ist relativ egal, was nach dem Tod passiert."
Andreas Urs Sommer

ZEIT Campus ONLINE: Und welchen Sinn des Lebens haben wir für uns erkannt?

Sommer: Sinn ist heute etwas, das wir selbst machen, statt es von höherer Warte zu empfangen: Wir müssen kein gottgefälliges Leben führen, um ins Himmelreich zu kommen. Sondern ein zentrales Element unserer modernen Ideologie ist: Wir schaffen unser eigenes Paradies auf Erden, wenn wir uns nur genug anstrengen. Solche Sinnantworten gab es schon in der antiken Philosophie, heute heißt es: Mach etwas aus deinem Leben! Wir sind frei — und dazu verurteilt, diese Freiheit zu nutzen. Natürlich kann diese Sichtweise nicht die ganze Welt von A bis Z erklären, wie die Religion es tut.

ZEIT Campus ONLINE: Ist das nicht frustrierend?

Sommer: Nein, nicht mehr. Wir haben gelernt, einen überbordenden Anspruch an Sinnfragen zurückzuschrauben und sind bescheidener geworden: Wenn ich mein eigenes Leben gestalte, löse ich damit nicht die Frage, woher der Kosmos kommt und wohin er geht. Muss ich aber auch nicht. Ich finde diese Einstellung heilsam: Der Atheismus des 19. Jahrhunderts litt noch stark darunter, auf die großen Fragen des Lebens keine Antworten geben zu können, so wie die Religion das tat. Dieses Leiden am Ungenügen der bescheidenen Antworten von kurzer Reichweite hat sich weithin verflüchtigt. Heute trifft man selten Menschen, die tagtäglich unglücklich durch die Gassen irren, weil sie keine letzte Antwort finden.

ZEIT Campus ONLINE: Sind uns diese großen Fragen der Menschheit einfach egal?

Sommer: Das nicht. Aber wir sind nicht mehr darauf gepolt, sie als zentral für unser Leben zu betrachten. Selbst, wenn wir uns etwa in der Pubertät fragen, was der Sinn unseres Lebens ist, finden wir im Laufe des Erwachsenwerdens eigene Antworten. Auch mit dem Thema Tod gehen die meisten Menschen relativ entspannt um: Für unsere letzten Lebenstage vertrauen wir der Medizin und danach schauen wir mal, was kommt. Ein Grund für diese Gelassenheit ist auch, dass wir keine Angst mehr haben. Uns ist relativ egal, was nach dem Tod passiert: Wenn die Christen recht haben, gibt es ein Jenseits. Besonders schlimm kann’s aber nicht werden, denn wir sind ja schließlich keine Sünder, die im Fegefeuer schmoren müssen. Die für das Christentum einst fundamentale Vorstellung, erlösungsbedürftig zu sein, ist uns heute vollkommen fremd geworden. Gehen Sie mal in die Kirche: Da spricht niemand von "Verdammnis" oder "Hölle". Selbst dort geht es nicht mehr um die letzten Dinge.

"Das Christentum hat sich gewissermaßen selbst überflüssig gemacht."
Andreas Urs Sommer

ZEIT Campus ONLINE: Also haben sich auch die Kirchen an den Zeitgeist angepasst?

Sommer: Vollkommen. Es herrscht ja auch oft eitel Einigkeit zwischen Katholiken und Evangelischen: Man macht das, was die meisten für nett, gut und richtig halten, engagiert sich für den Frieden und die Umwelt. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Aber das kann auch eine atheistische Marxistin oder ein Maoist. Ursprünglich war das Christentum nicht auf solche Themen, sondern auf das Ende der Zeiten ausgerichtet und davon spricht heute niemand mehr. In gewisser Weise hat das Christentum sich also mit den Großkirchen selbst überflüssig gemacht. Warum sollten die Leute in die Kirche gehen, wenn da ohnehin nur Banalitäten verkündet werden?

Darf ein echter Atheist Weihnachten feiern?

ZEIT Campus ONLINE: Oft gehen Gespräche über Religion heute so: "Glaubst du an Gott?" — "Nee, bin Atheist." Gehen wir zu leichtfertig mit dem Begriff "Atheist" um?

Sommer: In der Tat kann der Atheismus als eine Lehre, die die Existenz Gottes leugnet, auch dogmatisch sein. Etwa, wenn der britische Autor Richard Dawkins in seinem Bestseller über den "Gotteswahn" behauptet, der moderne Mensch müsse Atheist sein, weil man Gott nicht beweisen kann. In der Gesamtgesellschaft herrscht aber eher eine religiös indifferente Haltung vor, als militanter Atheismus. Ob man diese Indifferenz als Atheismus bezeichnen kann, lasse ich mal dahingestellt. Aber ich finde, sie ist durchaus gerechtfertigt. Es ist eben ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, die Nicht-Existenz Gottes zu beweisen: Dass etwas nicht ist, lässt sich kaum belegen; es könnte ja immer noch irgendwo in den Weiten des Alls versteckt sein. Außerdem ist die Gottesfrage dem Menschen nicht von Natur aus einprogrammiert, sondern historisch entstanden und somit kann sie auch wieder verblassen.

"Ich kann antike griechische Skulpturen wertschätzen, ohne an Zeus zu glauben."
Andreas Urs Sommer

ZEIT Campus ONLINE: Was zeichnet denn dann einen echten Atheisten aus? Darf ich als Atheistin noch Weihnachten feiern?

Sommer: Vielleicht würden Sie sich passender als religiös indifferent oder als Agnostikerin bezeichnen, die sagt: Ich weiß nicht, was sich in den höchsten Sphären abspielt und das ist auch nicht weiter schlimm. Prinzipiell finde ich es aber absolut legitim, eine Art von Kulturreligiosität aufrechtzuerhalten, ohne bekenntnisreligiös zu sein. Man kann selbstverständlich bestimmte Feiertage praktizieren oder an Weihnachten und Ostern einen Gottesdienst besuchen, ohne damit das Gleiche zu verbinden, wie fromme Christen. Besonders deutlich wird das bei religiöser Kunst: Würde ich als beinharter Atheist jegliche Malerei mit christlichen Motiven oder die wunderbaren Kantaten von Bach von mir weisen, entginge mir sehr viel. Ich kann schließlich auch antike griechische Skulpturen oder Literatur wertschätzen, ohne an Aphrodite und Zeus zu glauben.

ZEIT Campus ONLINE: Sie haben eine Anleitung zum skeptischen Denken geschrieben. Wie sollte oder kann man Religion kritisch hinterfragen?

Sommer: Die klassische Religionskritik fragt beispielsweise, ob es Gott wirklich gibt. Und die historische Kritik der Bibel zeigt: Es handelt sich hier um eine antike Schrift, die keine besondere Verehrung verdient, bloß, weil sie das von sich behauptet. Ein philosophischer Skeptiker würde sagen: Ich weiß einfach nicht, was die Welt im Allerinnersten zusammenhält und werde es wohl nie erfahren. Ein Skeptiker hinterfragt auch die Sinnfragen selbst und sagt: Ich muss die Frage nach den letzten Dingen weder stellen noch beantworten. Ich sollte versuchen, herauszufinden, was ich mit meinem eigenen Leben anstellen will. Aber dafür ist irrelevant, wie das Universum insgesamt organisiert ist. Und wenn ich eine vorläufige Antwort darauf finde, reicht das auch.

ZEIT Campus ONLINE: Machen mich skeptische Fragen automatisch zur Atheistin?

Sommer: Nein, keineswegs. Ich kenne sehr viele redliche Intellektuelle, die die Hypothese, es gebe einen Gott, für die plausibelste halten und religiöse Menschen bleiben. Gewisse dogmatische Atheisten finden, intellektuelle Gewissenhaftigkeit führt zwingend zum Atheismus. Aber das scheint mir vermessen.

"Die sogenannten christlichen Werte sind ein höchst unbestimmtes Sammelsurium."
Andreas Urs Sommer

ZEIT Campus ONLINE: Religionsbefürworter argumentieren oft, christliche Werte seien zentral für unsere Gesellschaft. Haben sie recht?

Sommer: Man spricht zwar so selbstverständlich von "christlichen Werten", aber wenn man genauer hinsieht, fällt auf: Der Begriff wurde im 19. Jahrhundert ausgerechnet von einem Philosophen geprägt, der mit dem Christentum sehr wenig am Hut hatte, nämlich von Friedrich Nietzsche. Für ihn waren "christliche Werte" nichts Positives, sondern Selbsterniedrigung, Jenseitsorientierung und das Schlechtreden der Welt. Die Christen haben diese Formulierung erst in Anspruch genommen, als ihre felsenfesten Überzeugungen sich im 20. Jahrhundert verflüchtigten. Seitdem sind "christliche Werte" ein höchst unbestimmtes Sammelsurium von allem Möglichen, das man auf biblische Grundlagen zurückführen kann  — oder auch nicht. Eigentlich ist die neutestamentliche Ethik äußerst radikal und fordert, man solle sich völlig von der Welt abwenden, sich selbst aufgeben, keinen Privatbesitz haben: "Eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich." So wird sie aber von keiner unserer Großkirchen umgesetzt. Stattdessen hat die Kirche eine Sozialethik entwickelt, die sich nicht grundsätzlich von dem unterscheidet, was griechische Philosophen oder römische Staatsmänner auch gelehrt haben: Formen der Rücksichtnahme, der Gerechtigkeit, der Gleichheit vor dem Gesetz. Dafür braucht man kein Christentum.

ZEIT Campus ONLINE: Das heißt, eine Gesellschaft aus Atheisten könnte ebenfalls gut funktionieren?

Sommer: Das Argument, nur eine religiöse Gesellschaft habe einen wirklichen Zusammenhalt, ist alt. Es geht davon aus, dass Religion stärker bindet, weil sie Sanktionen hat: Aus Angst vor einem strafenden Gott verhalte ich mich so, wie es die religiöse Ethik vorschreibt. Für säkulare Ethiker ist so eine Vorstellung ein Unding. Menschen sollen Gutes tun, weil sie es als das Gute erkannt haben — jenseits von einem strafenden oder belohnenden Gott. Eine Gesellschaft aus Atheisten, die so handeln, könnte also theoretisch perfekt funktionieren.

"Unsere Gesellschaften funktionieren sehr gut ohne Religion."
Andreas Urs Sommer

ZEIT Campus ONLINE: Ist das nicht eine Utopie?

Sommer: In der Tat. Und Sie würden zurecht sofort einwenden, dass die meisten Menschen sich nicht gut verhalten, weil sie das Gute erkannt haben. Man kann dann natürlich die Religion aus der Mottenkiste ziehen. Ich sage aber: Unsere Gesellschaften funktionieren sehr gut ohne ein gemeinsames religiöses Band und auch ohne, dass wir alle vernünftige, aufgeklärte Atheisten sind und Gutes tun. Ganz im Gegenteil: Wir müssen ständig damit rechnen, auf Menschen zu treffen, die religiös ganz anders ticken als wir. Deswegen klammern wir diesen Bereich aus und sagen: "Wenn wir uns nicht sehr gut kennen, lassen wir das mal mit der Religion und versuchen, uns über die Putzordnung im Treppenhaus auf ganz säkulare Weise zu verständigen." Und, oh Wunder, es scheint zu klappen. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem and’ren zu. Diese goldene Regel reicht für unser Zusammenleben normalerweise vollkommen aus.

ZEIT Campus ONLINE: Die Welt kann also auch ohne Religion funktionieren. Wäre die Welt ganz ohne Religion besser dran?

Sommer: Es ist schwierig, bei diesem Gedankenexperiment die Güter abzuwägen: Einerseits gibt es positive Seiten, wie zum Beispiel das karitative Engagement der Religionen, die Menschen versorgen, ganz unabhängig von ihrer Leistung. Für das Selbstverständnis des aufgeklärten Christentums ist es sehr wichtig, dass der Leistungsgedanke keine Rolle spielt und jeder akzeptiert wird als das, was er ist. Auf der anderen Seite ist natürlich nicht zu verkennen, dass Religionen auch negativ behaftet sind. Die Religionskriege in den letzten 2000 Jahren waren mannigfaltig und blutig. Erst, als den Religionen der Zahn des dogmatischen Absolutheitsanspruchs gezogen wurde, gingen sie in unseren Breiten nicht mehr brutal gegen Andersdenkende vor. Man könnte jetzt versuchen, die Blutbilanz und die karitative Bilanz gegeneinander aufzurechnen, aber ich maße mir nicht an, hier ein Urteil zu fällen. Dafür fehlt mir der umfassende Standpunkt Gottes, an dessen Existenz ich zweifle.