Als Kind war ihm der Religionsunterricht nicht strikt genug, heute betet seine Familie, dass er wieder zu Gott findet. Über einen langsamen Ausstieg aus der Freikirche.

Während seine Mitschüler sich mit Mädchen trafen und ihren ersten Vollrausch hatten, stritt Samuel sich mit seinem Religionslehrer über die Auslegung der Bibel. Noch mit 16 glaubte Samuel fest daran, dass es Himmel und Hölle gibt. Elf Jahre später saß er zum letzten Mal in einem Gottesdienst. 

Samuel ist 32 Jahre alt und in einer Baptistengemeinde in Süddeutschland aufgewachsen – einer von gut 800 Gemeinden, die sich zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland zusammengeschlossen haben. Hier erzählt er von seinem langen Weg vom superfrommen Jugendlichen zum zweifelnden Erwachsenen. Samuel möchte nicht von seiner Familie oder anderen Gemeindemitgliedern erkannt werden, deshalb haben wir seinen Name und einige Details verändert.

Einer von den Superfrommen

Glaubst du, du bist ein Sünder?
Ja, das glaube ich.
Ist Jesus für dich auferstanden und sind deshalb alle Sünden vergeben?
Ja, das glaube ich.

Ich war sieben Jahre alt, als mir diese Fragen bei einer der vielen Evangelisationsveranstaltungen unserer Gemeinde gestellt wurden. Ich hatte keine Ahnung, was ich da eigentlich sage. Alles was ich wusste ist: Jeder Mensch kommt als Sünder zur Welt. Menschen, die Sünder bleiben, kommen in die Hölle. Menschen, die sich bekehren, in den Himmel. Als Kind ist diese Vorstellung sehr beeindruckend. Ich wusste: Wenn ich das nicht mache, gehöre ich nicht dazu und werde auch nicht gerettet.

Ich bin in einer Baptistengemeinde in Süddeutschland aufgewachsen. Die Bekehrung, also das Anerkennen unserer Sünden und Jesus als unseren Retter, ist für Baptisten die Grundlage für alles. Manche meiner Freunde hatten so große Angst vor der Hölle, dass sie sich gleich mehrmals bekehrt haben.

Während meiner Kindheit waren alle meine Freunde aus der Gemeinde, mit den meisten war ich sogar verwandt. Andere Freunde brauchte ich gar nicht. Wir hatten ein sehr lebendiges Gemeindeleben. Bis zu vier Mal die Woche ging ich in die Kirche: zur Gebetsstunde, zur Bibelstunde, zu den Jungschar-Treffen und zum Sonntagsgottesdienst. In die Bibelstunde kamen eigentlich nur die Erwachsenen. Meine Brüder und ich waren da aber regelmäßig, weil wir besonders fromm waren. Manchmal war ich auch das einzige Kind. Ich war einer von den Superfrommen.

Vormittags ging ich auf eine normale Realschule. Da hatte ich auch Freunde, aber eben nur Schulfreunde. Ich gehörte weder zu den supercoolen Kids in der Schule, noch war ich ein Außenseiter. In der siebten Klasse haben viele von uns sich vom Religionsunterricht abgemeldet. Die meisten weil sie keinen Bock auf Reli-Unterricht hatten. Ich habe mich abgemeldet, weil mir das nicht fromm genug war.