Leg doch mal das Ding weg

Leg doch mal das Ding weg! Will man ja. Aber wie kommt man vom Handy weg? Und wann wird es gefährlich? Acht Antworten für alle, die ein Smartphone besitzen. Also alle.

Auch zu viel am Handy? Unter 30-Jährige sind täglich vier Stunden online – vor allem übers Smartphone. Ist das noch normal? In der aktuellen Ausgabe von ZEIT CAMPUS war Redakteurin Viola Diem in einem Camp in San Francisco unterwegs, in dem gestresste Silicon-Valley-Mitarbeiter lernen wollen, ohne Handy, Computer und Internet auszukommen.

Weil nicht jeder in ein Digital-Detox-Camp fahren kann, haben wir einen Experten eingeladen, der weiß, wie man vom Handy weg kommt: Gordon Schmid von der Beratungsstelle Lost in Space berät Computer- und Internetsüchtige.

Er hat am Dienstag live auf Facebook Eure Fragen beantwortet. Hier seine leicht gekürzten Antworten auf die acht wichtigsten Fragen. Und unten das ganze Interview zum Nachschauen im Video.

1. Ich hänge jeden Tag mindestens vier Stunden am Smartphone. Habe ich ein Problem?

Gordon Schmid: Das ist Definitionssache: Manche Eltern kommen zu uns und sagen: "Unser 16-Jähriger hat ein Problem: Er zockt jeden Tag drei Stunden Egoshooter." Der junge Mann selbst dagegen sagt vielleicht: "Das gehört für mich als Ausgleich zur Schule dazu." Per se würde ich nicht sagen: Jemand, der vier Stunden am Tag sein Smartphone nutzt oder acht Stunden täglich am Rechner sitzt, hat ein Problem. Auch ich verbringe an meinem Arbeitsplatz häufig acht Stunden am Computer und würde trotzdem nicht sagen, ich bin excelabhängig. Die Zeit allein ist nicht das einzige Kriterium für eine Sucht.

2. Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, zu viel Zeit am Handy zu verbringen?

Gordon Schmid: Sich Offlinezeiten einrichten: nachts das Smartphone ausschalten oder es nicht neben das Bett legen; sich tagsüber mal zwei Stunden offline gönnen; im Urlaub einen halben Tag offline sein oder das Handy gar nicht erst mitnehmen. So wird man sich seines Konsums bewusst.

3. Brauche ich eine App, die misst, wie und wofür ich mein Smartphone nutze?

Gordon Schmid: Es ist auf jeden Fall gut, eine Sensibilität dafür zu schaffen. Ich hatte auch mal so eine App auf meinem Handy, hab sie dann aber wieder deinstalliert. Selbst mich hat es wirklich erschrocken, wie viel Zeit ich online und auf irgendwelchen Apps verbringe — das hatte ich anders eingeschätzt. Solche Apps können also durchaus helfen, sich Gedanken zu machen: Ist das der Konsum, den ich möchte? Und dann kann man auch gegensteuern.

4. Sind ein paar Stunden WhatsApp oder Facebook-Messenger am Tag in Ordnung?

Gordon Schmid: Das kommt drauf an. Man muss sich fragen: Sitze ich nur zu Hause und schreibe nur Whatsapp-Nachrichten mit Menschen, die ich aus meinem Leben oder aus dem Internet kenne und bewege mich nicht mehr nach draußen? Das würde ich als sehr problematisch betrachten. Aber bei jemandem, der viel über Messenger kommuniziert, aber auch die Kontakte im echten Leben pflegt, würde ich nicht von Sucht sprechen. Trotzdem  kann man sich natürlich immer fragen: Muss ich jetzt eineinhalb Stunden hin- und herschreiben – oder ist es nicht schöner, sich mal auf einen Kaffee zu treffen?

Und wenn mein Partner sein Smartphone lieber mag als mich?

5. Ab wann wird es gefährlich?

Gordon Schmid: Das hängt sehr davon ab, wie sehr man auch im echten Leben eingebunden ist. Die Süchtigen, die zu uns kommen, haben einen hohen Leidensdruck: Die sitzen täglich zwischen acht und 14 Stunden vor dem Laptop, hauptsächlich um Spiele zu zocken, und schaffen es nicht mehr, raus zu gehen, zu arbeiten oder zu studieren. Wer eher zurückgezogen ist, wenig Freunde hat und möglicherweise auch unter einer Depression oder Angsterkrankung leidet, rutscht eher in eine Onlinesucht und gleicht negative Stimmungen mit dem Smartphone aus.

6. Warum kleben wir so am Smartphone?

Gordon Schmid: Weil es uns so viel anbietet: Wenn ich irgendwo sitze, mich langweile und ein Spiel mit gelben Elefanten spielen will, werde ich das wahrscheinlich finden. Wenn ich Lust habe, etwas zu kaufen, hab ich es eine Minute später gekauft. Man hat also auf alles relativ leicht Zugriff. Durch diese schnelle Bedürfnisbefriedigung wird mein Belohnungssystem aktiviert und das ist verantwortlich für eine Suchtentwicklung. Die Befriedigung löst chemische Prozesse im Gehirn aus, wir fühlen uns wohl. Unser Gehirn gewöhnt sich daran und will immer mehr davon haben. Deswegen greifen wir immer häufiger zum Smartphone, in der Hoffnung, schnell befriedigt zu werden.

7. Wenn ich das Gefühl habe, süchtig zu sein: Reicht es, die Apps, die ich zu viel verwende, zu deinstallieren?

Gordon Schmid: Ja, erste Schritte kann man alleine gehen: Die Fritzbox umprogrammieren oder mobile Daten am Smartphone ausstellen. Wer aber merkt, dass es ihm nicht gelingt und er trotz guter Vorsätze rückfällig wird, sollte sich Hilfe bei Suchtberatungsstellen suchen.

8. Was kann ich tun, wenn sich mein Partner abends immer mit dem Smartphone beschäftigt, statt Zeit mit mir zu verbringen?

Gordon Schmid: Man sollte ihm ganz klar sagen, dass einen das stört. Und dann, wenn es möglich ist, Zeiten vereinbaren: Wir beide legen jeden Abend das Smartphone weg und machen etwas miteinander. Vielleicht stecken ja auch andere Themen dahinter, wenn etwa die anfängliche Verliebtheit und die rosa Brille weg sind. Um eine Beziehung wiederzubeleben, ist ein Smartphone jedenfalls keine Hilfe.

Das Interview zum Nachschauen: