Linke, Feministin und katholisch – Seite 1

Mein linkes Umfeld spricht von Solidarität, aber wenn ich sage, dass ich katholisch bin, endet sie. Warum fragen alle nur nach der Kirche und nie nach meinem Glauben?

Jung und Gott

Eigentlich bin ich 90 Prozent Linke. So hoch war die Übereinstimmung mit der Partei Die Linke, als ich zur Landtagswahl in NRW den Wahl-O-Mat machte. Gewählt habe ich dann zwar links, aber nicht die Linke. Der Grund dafür war ein anderer Teil von mir: mein Glaube.

Denn ich bin nicht nur links, ich bin auch katholisch. Und das scheint für manche ein Problem zu sein. Oute ich mich als Katholikin, wird mir meine Fähigkeit, kritisch zu denken, abgesprochen, Autoritätshörigkeit zugesprochen, Homophobie und Leichtgläubigkeit unterstellt.

Vor einiger Zeit bewarb ich mich bei einer linken WG um ein Zimmer. Die Lebenseinstellungen wie gemeinschaftliches Wohnen, Achtsamkeit, Kritik an einer kapitalistischen Konsumgesellschaft, Freiheit und ökologisches Bewusstsein schienen zu passen. Wir verstanden uns gut. Wir sprachen über Feminismus und patriarchale Strukturen.

Dann sagte ich, dass ich für die katholische Kirche arbeite. "Ihr fragt euch sicher, wie das zusammengeht. Für eine Institution wie die katholische Kirche als Frau arbeiten und gleichzeitig links sein." Das fügte ich direkt an, weil ich schon wusste, was kommt: Ich komme in die Katholikenschublade. Die eine Frau, die kurz vorher noch von einem marxistischen Lesekreis gesprochen hatte, sagte nur: "Ja, schon."

Ich versuchte, meinen Glauben zu erklären. Doch an den Punkt, an dem es wirklich um Glauben geht, um Rituale, um Lebenshaltung, um die Frage wie und warum ich glaube, kam es gar nicht. Ich versuchte noch, zu erklären, dass ich auch kritisch und hinterfragend zur Kirche und meinem Glauben stehe. Währenddessen stand eine der Frauen auf und ging eine rauchen. Die Sache war gelaufen.

Ich war zwar traurig, aber nicht überrascht. Denn die Selbstbezeichnung "katholisch" löst in meinem näheren Umfeld oft heftige Reaktionen aus. Ein Freund, der sich selbst als Anarchist bezeichnet, fragte mich neulich, warum ich bei der Kirche bleibe, warum ich mir nicht einfach was "Eigenes" suche – ohne Tradition, ohne Geschichte, ohne Institution und Patriarchat.

Es tut immer gut, wenn jemand von außen mir meinen eigenen Glauben erklärt und dabei mit Stereotypen um sich wirft.

In einem anderen Gespräch wurde ich gefragt: "Du bist doch Christin. Also glaubst du an die Hölle und bestimmt auch daran, dass ich da hineinkomme." Danke. Es tut immer gut, wenn jemand von außen mir meinen eigenen Glauben erklärt und dabei mit Stereotypen um sich wirft. Danach passiert immer dasselbe: Ich versuche, mich zu rechtfertigen und das bedeutet immer, dass ich nicht über meinen Glauben spreche, sondern die katholische Kirche rechtfertige.

Denn eigentlich läuft alles immer wieder auf dieselbe Frage hinaus: Warum identifizierst du dich mit der katholischen Kirche? In dieser Frage steckt eine einseitige Perspektive auf Kirche, die sie vor allem mit all den Skandalen und Verbrechen identifiziert. 

Natürlich sind mir diese Dinge nicht egal. Und ich kann in der Kirche Ungerechtigkeit ansprechen und so Verantwortung übernehmen. Aber nur weil ich Katholikin bin, heißt das nicht, dass ich für alles verantwortlich bin, was jemals an Unrecht in der katholischen Kirche verübt wurde. Das kann keiner. Und trotzdem wird es mir immer wieder vorgeworfen.

Das macht mich manchmal wütend, weil es in diesen Gesprächen nie um Glauben geht, sondern immer um die Institution. Weil ich verkürzt werde in dem, was mir wichtig ist. Weil mein Glaube, das, was mir wichtig ist, gar nicht gesehen wird. Es wird auch nicht gesehen, dass ich in dieser Institution diesen Glauben leben und entwickeln darf, dass ich dort Menschen treffe, die ihn mit mir teilen.

Ich komme in Erklärungsnot

Ja, ich bin links, ja, ich bin katholisch, und ja, das erzeugt auch für mich Spannungen. Ich komme in Erklärungsnot, wenn ich sage, dass ich Feministin bin und mich für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen einsetze. Denn meine Haltung wird von anderen angezweifelt, da gerade das in der Kirche nicht sichtbar wird. Aber es wird dauern, bis es so weit ist, es bedeutet viel Arbeit und erfordert Umdenken. Gerade in einer Kirche, die eine weltweite Institution ist. 

Ja, da sind Widersprüche, aber ich versuche, meine Identitäten zusammen zu leben.

Genauso ist es beim christlichen Gottes- und Menschenbild: Wenn neben der Liebe zu Gott die Liebe zum Menschen steht, dann folgt daraus viel. Es bedeutet etwa, dass immer zuerst der Mensch als Wesen steht, nicht sein Geschlecht, seine sexuelle Orientierung oder seine Herkunft. Das wird in der Kirche teilweise anders gelebt – aber nicht immer sichtbar. Das bringt mich und andere, die innerkirchlich diese Ansicht teilen und leben, in eine hilflose Wut.

Ja, da sind Widersprüche, aber ich versuche, meine Identitäten zusammen zu leben. Und ja, das geht! Denn es gibt wichtige Aspekte des Katholischen, die mit meiner linken Identität zusammengehen: Wenn Papst Franziskus zum Erhalt und Schutz der Umwelt oder den Einsatz für die Ärmsten der Armen aufruft, ist das eine linke Forderung. Es gibt unzählige Aufrufe in der Bibel, dass die Ärmsten diejenigen sein sollten, die die Güter erhalten und nicht die Reichen. Wenn ein Bischof namens Tebartz-van Elst mit seiner goldenen Badewanne als Beispiel für die katholische Haltung gilt, macht mich das wütend und widerspricht meiner Vorstellung davon, wie einfach und schön Glaube ist.

Mir ist Solidarität wichtig, besonders mit denjenigen, die ihrer Stimme beraubt sind oder die Anfeindungen ausgesetzt sind. Deswegen arbeite ich daran, Gelegenheiten zu schaffen, in denen Menschen sich begegnen und ihre Fremdheiten wie Ähnlichkeiten aufeinandertreffen. Zum Beispiel im interreligiösen Gespräch und im Austausch mit Atheisten. Ich wünsche mir, dass wir uns alle weniger in Kategorien packen und mehr nachfragen.

Vor Kurzem habe ich zwei andere Frauen getroffen, die ebenfalls eine linke Einstellung haben und christlich sind bzw. auf der Suche danach. Sie erzählten von ähnlichen Vorurteilen. Ich hoffe, dass man diese auflösen kann. Eine Möglichkeit besteht für mich darin, dass wir mehr über gemeinsame Ziele und mögliche Wege dorthin sprechen. Das wäre konstruktiv. Denn mein Glaube bestärkt meine politische Haltung. Und meine politische Haltung fordert meine Zugehörigkeit zur Kirche heraus.

Wenn man links und nicht gläubig ist, akzeptiere ich das. Von "den Linken", um das Label mal zu verwenden, wünsche ich mir das auch gegenüber meiner Einstellung. Niemand muss meinen Glauben und meine Interpretation dessen teilen, aber endlich akzeptieren: Ja, frau kann links und katholisch sein.