Sie dachten: Die FDP verhindert den Mindestlohn. Oder: Die Grünen sind rebellisch. Und: Die AfD ist gar nicht so schlimm. Sechs Wechselwähler über ihre Wahlentscheidung

Von der SPD zur FDP

Ich bin vor knapp vier Jahren in die SPD eingetreten. Inzwischen weiß ich, dass das die falsche Entscheidung war. Anfangs gefielen mir die Sozialdemokraten sehr gut, sie bekamen bei der Bundestagswahl 2013 meine Erst- und meine Zweitstimme, auch bei der Europawahl ein Jahr später habe ich sie gewählt. 2013 bin ich dann Mitglied in unserem Ortsverein geworden. Ich wollte den alten, konservativen Herren in unserem Ort etwas entgegensetzen. Mir gefiel Helmut Schmidt genauso wie die SPD-Forderung nach niedrigen Studiengebühren. Auch die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs war mir wichtig. Bei den Jusos, dachte ich, sei ich richtig aufgehoben. Doch das sollte sich ändern.

Alles, was nicht links ist, ist rechts – so die Logik.
Michael

Zum ersten Mal war ich befremdet, als auf der Juso-Fahrt gemeinsam die Internationale gesungen wurde. Meine Eltern kommen aus der Ukraine und wissen, in welche Abgründe der Kommunismus geführt hat. Auf Sitzungen des Ortsvereins wurde nicht richtig diskutiert, sondern Meinungen von oben einfach angenommen. Als ich mal kritisch nachhakte, kam die Gegenfrage, ob ich wirklich in der richtigen Partei sei. Als es um das Bildungssystem ging, fiel mir das erste Mal Gleichmacherei in der Partei auf. Argumentiert wurde vor allem mit der Moral. Da kam ich mir teilweise vor wie bei den Grünen. Offene Kritik, zum Beispiel am Islam, war eigentlich nicht möglich – sonst kam direkt die ganze Truppe, um einen zu diffamieren. Alles, was nicht links ist, ist rechts – so die Logik.

Irgendwann wurde es mir zu viel. Multikulti funktioniert nicht, mit Identitätspolitik und Political Correctness kann ich nichts anfangen, es gibt Wichtigeres als Gendering – ich hatte mich fließend entfremdet. Und auf bundespolitischer Ebene hatte mich die SPD bei der Vorratsdatenspeicherung enttäuscht, weil sie mehrheitlich dafür gestimmt hat. Anfang des Jahres trat ich aus.

Ich denke, dass Sozialdemokraten viel zu idealistisch sind. Das habe ich besonders gemerkt, als bei einer Sitzung im Ortsverein das Thema Inklusion aufkam. Für mich war es selbstverständlich, dass geistig behinderte Kinder eine spezielle Förderung brauchen. Aber bei der SPD war die Hauptsache lediglich, systematisch Gleichmacherei durchzuziehen.

Bei den Liberalen gibt es kein moralisches Argumentieren.
Michael

Die CDU ist mir mit ihrem konservativen Denken nicht fortschrittlich genug. Das ist eine reine Zumutung. Zur AfD: Wirtschaftspolitisch bin ich mit der Partei oft einer Meinung. Auch bezüglich der Islam- und EU-Kritik gibt es bei der AfD viele Punkte, denen ich zustimmen kann. Aber sie kann sich nicht genug von rechtsaußen abgrenzen und pauschalisiert zu oft gegenüber Ausländern. Die Linke ist ein Auffangbecken für Jusos, die einfach nicht erwachsen werden wollen und die Realität nicht mehr im Auge haben.

Während ich zweifelte, begann ich zeitgleich, mich für Wirtschaftstheorie zu interessieren. Ich las Hayek, Friedman, kam mit Liberalen ins Gespräch. Bei den Liberalen ist der Diskurs anders, es gibt kein moralisches Argumentieren, auch bei unterschiedlichen Standpunkten kann man zu einer Einigung kommen. Jetzt habe ich vor, in die FDP einzutreten. Mir ist Individualismus und Freiheit wichtiger als Solidarität. Es würde so viel mehr Fortschritt entstehen, wenn man die Menschen und den Markt einfach mal machen ließe und der Staat nicht überall eingreifen würde. Dass FDPler spießige verwöhnte Bonzen sind, konnte ich bisher nicht feststellen. Viele kommen schon aus gutem Elternhaus, aber gute Freunde von mir, die auch FDP wählen, kommen aus eher einfachen Verhältnissen wie ich. Ich war überrascht, dass die Partei doch so vielfältig ist. So kommt es zu Diskussionen, die ich schmerzlich vermisst habe.

Mit dem Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins meiner Heimat pflege ich immer noch ein gutes Verhältnis. Er ist einer der Sozialdemokraten, die noch auf dem Boden geblieben sind. Er war enttäuscht, als ich gegangen bin, hatte aber auch Verständnis. Ich bekomme immer noch Mails von den Jusos und muss immer wieder darüber schmunzeln. Um mich wiederzugewinnen, müsste die ganze Partei weg von der ganzen modernen Gleichmacherei, dem Umverteilungsgedanken und der Kontrolle über den Bürger. Aber dann wäre es wahrscheinlich nicht mehr die SPD.