Politiker und ihre Unterstützer erzählen im Wahlkampf immer, warum man sie wählen soll. Aber was, wenn man fragt, warum man sie auf keinen Fall wählen sollte?

"Wählen Sie uns besser nicht" hört man im Wahlkampf nie. Warum eigentlich? Wahlkampf heißt Lächeln und Loben, auch wenn der Frust manchmal groß ist. Jetzt ist der Wahlkampf fast vorbei. Und darüber sind nicht nur die Kandidaten froh – auch die Basis ist erschöpft. Für Merkel oder Schulz zu werben heißt "Gemeinsam erfolgreich" und "Es ist Zeit". Aber welche Probleme sehen Mitglieder in der eigenen Partei? Zwei Unterstützer der Kanzlerkandidaten haben uns anonym und getrennt voneinander erzählt, was sich verändert – oder realistischer gesagt: verändern könnte – wenn man ihre Partei eben nicht wählt.

SPD: Man sollte die SPD am Sonntag nicht wählen, weil sie zu harmlos geworden ist. Unsere Mitglieder haben mal in Straßenschlachten für ihre Meinung gekämpft. Die Partei war eine Arbeiterpartei, aber sie hat ihre Zielgruppe aus den Augen verloren. Wir sollten unsere Politik heute wieder für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gestalten, da wir ihnen historische verbunden sind. Die SPD muss ihren alten Markenkern neu erfinden, um erneut wählbar zu werden.

CDU: Man sollte am Sonntag auf keinen Fall die CDU wählen, weil wir endlich neue Ideen für dieses Land brauchen. Und die gibt es mit uns nicht. Bis jetzt war meine Partei immer erfolgreich, wir brauchten nichts zu tun und die Umfrageergebnisse sanken trotzdem nicht. Es geht uns zu gut und deshalb trauen wir uns nichts mehr. Wer also wirklich was verändern und nicht in kleinen Schritten vorangehen will, sollte uns nicht wählen. 

Wir haben uns konkrete Erfolge, wie die Einführung des Mindestlohns, einfach aus der Hand nehmen lassen.
SPD-Politiker

SPD: Die Rechte von Arbeitnehmern zu stärken, kostenlose Bildung – das waren immer Themen, für die sich die SPD eingesetzt hat. Aber wir haben uns diese Themen und auch konkrete Erfolge, wie die Einführung des Mindestlohns, einfach aus der Hand nehmen lassen. Das ist die eine Seite. Und auf der anderen Seite müssten wir Themen wie die Digitalisierung konkret gestalten. Die Arbeitswelt steht vor einem inhaltlichen und strukturellen Wandel und den muss man steuern, aber da haben wir nur wenig anzubieten. Wie wird sich Arbeit verändern? Wie müssen Arbeitnehmer vertreten werden? Das werden Fragen der Zukunft sein. Aber wir haben darauf aktuell kaum Antworten. Ein Beispiel könnte die Einführung einer gesetzlichen Regelung zum Nicht-Erreichbar-Sein außerhalb der Arbeitszeit sein, um die Belastung von Arbeitnehmern zu senken. 

CDU: Die CDU motiviert niemanden mehr – es ist ja alles gut. Wenn ich links etwas verändern wollte, würde ich jetzt in die SPD eintreten. Oder in die FDP, um wieder liberale Ideen in den Bundestag zu bringen.

SPD: Zuerst war ich bei den Jusos und bin vor zehn Jahren in die SPD eingetreten. Themen wie soziale Gerechtigkeit und Gleichheit lagen mir immer am Herzen. Als Jugendlicher war ich in der Kirche aktiv und diese Werte habe ich nur in der SPD gefunden. Klar, die CDU würde da zuerst natürlich näher liegen. Aber eine Partei, in der ein Teil der Mitglieder aus der Schwesterpartei CSU eine Obergrenze für Flüchtlinge fordert, ist für mich nicht christlich. Damals ging es mir um lokale Fragen, wie das Jugendzentrum, nicht die große Bundespolitik. Ich hatte das Gefühl, aus der Partei heraus etwas bei mir in der Umgebung beeinflussen zu können.

Da sind manche Mitglieder seit 30 Jahren dabei, die eben glauben, dass ihre Meinung die einzig richtige ist.
SPD-Politiker

CDU: Ich komme aus einem unpolitischen Haushalt und habe mich selbst entschieden, in eine Partei einzutreten. Politisch interessiert war ich schon immer und wurde dann von einem Freund zur Jungen Union mitgenommen. Die war der einzige politische Verband in meinem Ort – ich hatte da gar keine wirkliche Auswahl. Es war für mich klar, dass die Inhalte der bürgerlichen Mitte entsprechen sollten, aber ich habe nicht bewusst die Vor- oder Nachteile der einen oder anderen Partei abgewogen. Im Endeffekt bin ich dann einfach dabeigeblieben. Politische Leitlinien ändern sich auch, bestes Beispiel ist die Ehe für Alle. Das hat mir immer Hoffnung gemacht. Die Partei und ich haben uns im Laufe der Zeit einfach aufeinander zubewegt.

SPD: Es kotzt mich an, dass frische Ideen kein Gehör finden. Da sind manche Mitglieder seit 30 Jahren dabei, die eben glauben, dass ihre Meinung die einzig richtige ist. Eigentlich sollte man auch ein gemeinsames Ziel haben. Aber anstatt mal auf eigene Macht zu verzichten, um in der Sache voranzukommen, wird auf kleinster Ebene schon um jeden Posten gekämpft. Bei mir war die Partei im Kleinen immer relativ offen für Anregungen. Aber wenn man als Einziger gegen 40 Leute ankämpfen muss, ist das schwierig. Und wenn man es jungen Leuten nicht ermöglicht, ihre Ideen und Meinungen umzusetzen, dann wird es langfristig auch keine engagierten Mitglieder in der Partei geben.

Wenn kein Parteitag ansteht, auf dem man Anträge einreichen kann, kommt man als Einzelner schwer durch.
CDU-Politiker

CDU: Politik machen in der CDU die, die schon zehn bis 15 Jahre auf dem Konto haben – aber das merkt man erst später. Dann sitzen dort Leute, die sagen: Das Thema Radwege hatten wir ja schon vor zwei Jahren, da habe ich gerade keine Lust drauf. Wir machen jetzt mal was anderes. Oder es kommen eben aktuelle Themen: Wann werden aus den Flüchtlingsheimen wieder unsere Turnhallen? Damit macht man Punkte bei den Wählern. Dieses System ist nicht demokratisch, denn was am Ende zur Sprache kommt und abgestimmt wird, zum Beispiel auf dem Parteitag, entscheiden einige wenige mit guten Netzwerken. Wenn kein Parteitag ansteht, auf dem man Anträge einreichen kann, kommt man als Einzelner schwer durch. Oder man schreibt eben genau diese Anträge, reicht sie ein – und dann kommen sie ganz am Ende und werden einfach abgelehnt oder verwiesen, bis keiner mehr Lust hat.