In ihrer Heimat wird in Gottes Namen Krieg geführt, auf der Flucht ertranken sie fast – was macht so viel Leid mit dem eigenen Glauben? Drei junge Flüchtlinge erzählen.

Safi und Issam saßen wegen eines Krieges, der im Namen Gottes geführt wurde, in Schlauchbooten, in denen sie fast ertrunken wären. Derya wurde im Namen Allahs zu Hause eingesperrt und fühlte sich trotzdem gerade dann frei, wenn sie zu ihm betete.

Was passiert mit dem Glauben, wenn im Namen des eigenen Gottes Krieg geführt wird und man deshalb aus seiner Heimat fliehen muss? Kann noch an Gott glauben, wer Krieg und Vertreibung erlebt hat? Wir haben drei junge Flüchtlinge gefragt, wie sie religiös erzogen wurden – und was die Flucht mit ihrem Glauben gemacht hat.

Safi R., 25, Druse

Ich bin in Syrien in einer christlichen Kirche aufgewachsen, war aber immer umgeben von Sunniten, Schiiten, Alewiten, Christen sowie Drusen. Nur im Religionsunterricht wurden die Muslime von den Christen getrennt. Ich verstand das nicht und fragte meinen Lehrer damals, warum wir nicht zusammen lernen könnten. Darauf antwortete er mir, dass das Christen- und das Drusentum zwei völlig verschiedene Religionen seien. Seine Antwort stellte mich nicht zufrieden, also ging ich zum nächsten Lehrer, doch er antwortete das Gleiche. 

In diesem Moment veränderte sich etwas in mir. Ich wollte nicht mehr, dass Gott in Religionen gespalten ist, er sollte für mich überall sein. In Syrien haben alle Muslime immer wieder gesagt, dass Allah für alles verantwortlich sei: "Allah im Himmel hat es getan", sagten sie. Aber ich konnte nicht mehr so denken, ich glaubte nicht mehr, dass es nur Allah als einzigen Gott gibt. Gott ist nicht nur Schwarz und Weiß oder Gut und Böse. Es gibt nicht nur Himmel oder Hölle.

In Syrien war es schwer, sich von diesen Gedanken zu befreien. Die Traditionen der Religion sowie die Familie spielen eine sehr starke Rolle. Hier in Deutschland kann man frei denken, in Syrien ging das nicht. Ich konnte nicht denken und machen was ich wollte. Das galt insbesondere in der Öffentlichkeit. Wenn ich offen gesagt hätte, dass ich Allah als den einzigen Gott infrage stelle, dann hätte ich mit vielen Menschen Probleme gekriegt.

Das Paradoxe ist nur, dass die Menschen in Syrien trotzdem heimlich Haram begehen.

In Syrien dominiert die Religion alle Lebensbereiche. Es wird immerzu von allen Seiten gepredigt, dass man wie ein anständiger Moslem zu leben hat. Und das ist man nur, wenn man nicht sündigt, also Haram begeht. Ich durfte in einer größeren Stadt zum Beispiel keine Frau einfach auf der Straße ansprechen, wenn sie mir gefällt. Das Paradoxe ist nur, dass die Menschen in Syrien trotzdem heimlich Haram begehen. Wenn jemand in Deutschland Haschisch raucht, steht er (meistens) dazu. In Syrien rauchen sie auch, aber keiner spricht darüber. In unserem Land muss alles Halal oder Haram sein, sogar in Behörden fragen sie dich danach. Als ich zum Beispiel mal einen neuen Ausweis beantragen wollte, fragte mich der Beamte, ob ich gesündigt hätte.

Wenn du öffentlich zugibst anders zu denken, dann bist du der Fremde. Doch mir gefällt es, anders zu denken. Eigentlich gehöre ich der religiösen Minderheit der Drusen an. Man wird Druse, wenn man drusische Eltern hat. Zum drusischen Glauben zu konvertieren, ist nicht möglich. Unsere Religion stammt vom schiitischen Islam und wurde von einem persischen Missionar gegründet. Allerdings unterscheiden wir uns sehr von Muslimen im eigentlichen Sinne. Wir glauben beispielsweise daran, dass unsere Seele nach dem Tod in einen anderen Körper wandert. Je öfter das passiert, die Reinkarnation, desto reiner werden wir.

Die Kommunikation zu Gott ist bei uns auch anders, wir haben da andere Regeln. Auch ist Mohammed nicht unser Prophet und wir legen den Koran nicht so aus wie strenge Muslime. Ich konnte beispielsweise zu Hause in Syrien auch mit Frauen sprechen. Natürlich immer sehr respektvoll. Aber ich musste ihnen nicht gleich einen Ring an den Finger stecken.

Aber ich sehe mich nicht als Druse. Mein Glaube besteht aus einem Mix der Religionen, mit denen ich bei mir auf dem Dorf aufgewachsen bin. Alle diese Religionen stellen doch dieselben Fragen: Wo ist dieser Gott? Wer ist dieser Gott? Ich habe angefangen, viele Bücher über Gott zu lesen. Zuletzt eines, in dem es darum ging, ob es Gott gibt oder nicht. Das hat mich sehr bewegt; es ist natürlich schwer zu beantworten, woher gewisse Dinge kommen und was mit mir nach dem Tod passiert. Ich denke zwar nicht, dass Gott alles steuert, aber ich glaube trotzdem an ihn. Eine Hand dirigiert hier auf dieser Welt, daran glaube ich fest. Wir sind jedoch für vieles selbst verantwortlich.

Ich war jedoch der Einzige, so kam es mir vor, der in diesem Moment nur dachte: Allah kann mir nicht helfen.

Während meiner Flucht nach Deutschland hatte ich viele Momente, in denen ich an Gott gedacht habe und in denen ich ihn schon verlassen hatte. Als wir mitten auf dem Meer, umgeben von großen Wellen, auf dem Weg nach Griechenland in einem Schlauchboot saßen, haben alle zu Allah gebetet. Ich war jedoch der Einzige, so kam es mir vor, der in diesem Moment nur dachte: Allah kann mir nicht helfen. Gott kann nicht alles steuern, und für Krieg sind die Menschen verantwortlich. Das haben wir uns als Menschheit selbst zu verdanken.

Die nächste Probe für meinen Glauben kam in Deutschland. In Syrien habe ich ein sehr gutes Leben geführt. Ich arbeitete als Ingenieur und hatte mein eigenes Haus mit 23 Jahren. Auf einmal befand ich mich jedoch in einer riesigen Turnhalle in Berlin mit Hunderten von Männern. Wir alle schliefen in dieser Halle eng nebeneinander, manchmal konnte man tagelang nicht duschen. An einem Tag habe ich gleich drei Mal geduscht, als sich die Gelegenheit geboten hat. Das war so wundervoll, jeder will doch hygienisch und sauber leben.

In diesen drei Monaten habe ich meinen Glauben verloren. Ich war ein Wrack nach der Flucht und der Ankunft in einem neuen Land. Alles war anders hier. Ich habe keine Bücher mehr gelesen, ich habe kein Basketball mehr gespielt, obwohl ich in Syrien Spieler und Trainer gewesen bin, ich hatte die Lust an meinen Interessen verloren. Es war eine sehr schwere Zeit für mich. Danach kam ich in ein neues Heim, in dem ich bis heute wohne. Es hat ein gutes System, jeder hat sein eigenes Zimmer und wir teilen uns die Küche und das Bad. So kann ich leben.

Jetzt lese ich wieder viel über Gott und möchte mich auch in Zukunft darin weiterbilden. Die Frage nach seiner Existenz ist sehr aufregend für mich. Für mich gehört der Glaube zu meinem Leben. Seit der Flucht habe ich mich jedoch innerlich verändert. Manchmal finde ich Gott und manchmal finde ich ihn einfach nicht. Doch ich glaube fest an eine höhere Energie, mit der wir zusammen agieren können. Wie und wann, das weiß ich allerdings noch nicht.