Mit 13 sieht er diese Wangenknochen in einer Werbung. Wenn er auch so aussähe, würden die Leute ihn mögen. Jahre später kämpft Raimund noch immer mit der Magersucht.

Die Reporterin Barbara Schmickler hat Raimund und einen anderen jungen Mann monatelang auf ihrem Weg mit der Kamera begleitet. Die Dokumentation "50 Kilo bei 1,89 Meter – Wenn Männer magersüchtig sind"  läuft am Donnerstag ab 22.40 Uhr im WDR-Fernsehen und steht online in der Mediathek. Hier berichten Raimund und seine Familie von den Stationen seiner Krankheit, die lange im Verborgenen blieb. Denn das gibt es doch gar nicht, Magersucht bei Männern. Oder?

Teil 1: Die Werbung

Raimund wuchs am Niederrhein auf, ein schüchterner Junge, der sich oft zurückzog.

Raimund: In meiner Schulklasse habe ich versucht, das kleine graue Mäuschen zu sein. Wenn ich mich neben ein Mädchen setzen musste, habe ich einen knallroten Kopf bekommen. Mit 13 Jahren habe ich im Fernsehen diese Frau in einer Werbung gesehen, ihre Wangenknochen stachen heraus. Ich hab gedacht: Das ist ein Schönheitsideal, das will ich auch so. Ich wollte abnehmen, als schön gelten, dann würden mich die Leute mögen. Ich habe angefangen, Mahlzeiten auszulassen: statt drei Kartoffeln zum Beispiel nur noch zwei. Diese Werbung hat sich in meinen Kopf eingebrannt. Vor allem beim Essen habe ich noch Jahre später daran gedacht.

Raimunds Bruder: Beim Mittagessen ist mir mal aufgefallen, dass er immer weniger isst, nur eine Kartoffel, nur eine halbe Bratwurst. Da habe ich mir überlegt, dass da was nicht stimmen kann. Aber ich habe es nicht weiter beachtet.

Raimund: Meine Strategie war, die Magersucht komplett geheim zu halten. Als meine Freunde anfingen, feiern zu gehen, bin ich zu Hause geblieben. Ich habe mich einfach nicht getraut. Stattdessen habe ich im Bett gesessen und Spiele auf meinem Handy gespielt, die Zeit totgeschlagen. Als unter der Woche Freunde vorbeikamen und etwas mit meinem Zwillingsbruder gemacht haben, bin ich in meinem Zimmer geblieben. So musste ich auch nicht mit den anderen essen. Am Familienleben habe ich nicht teilgenommen. Über meine Probleme beim Essen habe ich nie mit meinen Eltern oder meinem Bruder gesprochen. Ich habe immer versucht, die für mich selbst zu regeln. Es heißt oft: Der Mann ist stark und hat keine Probleme. Ich glaube, aus dem Grund verheimlichen Männer diese, weil sonst die Umgebung sagt, der hat was, der ist krank, der ist nicht ganz koscher.

Raimunds Bruder: Ich habe ihn gesehen, im Sommer beim Schwimmen. Ich bin schon dünn, aber Raimund war richtig dünn.

Raimund: Ich konnte alle Rippen sehen, die Wirbelsäule ist stark hervorgetreten. Ich war mager. Wenn ich schwimmen gegangen bin, habe ich mich geschämt. Diese Momente habe ich versucht auf ein Minimum zu reduzieren. Ich habe mich unwohl gefühlt, weil ich so dünn war. Aber mehr essen wollte ich auch nicht, weil ich Essen als etwas Schlechtes angesehen habe. Ich habe mich fast nicht im Spiegel angeschaut. Wenn doch, habe ich mir gesagt: Du bist hässlich. Du musst noch weniger essen. Nach Streits mit meinem Zwillingsbruder habe ich danach kein Ventil gefunden.

"Ich habe mich mit Essensentzug bestraft."
Raimund

Erst habe ich versucht, mich selbst zu bestrafen, habe zum Beispiel meinen Kopf gegen die Hauswand geschlagen oder mir Haare ausgerissen. Und weil ich mir das selber angetan habe, habe ich mich noch mal bestraft: mit mehreren Tagen Essensentzug. Die Essstörung ist nach so einem Streit noch schlimmer geworden.

Raimunds Bruder: Wir hatten aber auch viele schöne, glückliche Momente.

Raimund: Ja. Wenn mein Bruder und ich mit Freunden schwimmen waren. Dann haben wir ein Wettrennen ins Wasser gemacht. Wer ist zuerst von der Wiese im schweinekalten Wasser? Meistens war ich derjenige, der nur bis zur Hüfte rein ist. Erst wenn die anderen mich nassgespritzt haben, bin ich ins kalte Wasser.

Teil 2: Die Scheißzeit

Mit 17 begann Raimund eine Ausbildung zum Koch, blieb unzufrieden mit sich.

Raimund: Zu Beginn der Ausbildung habe ich mich Hals über Kopf in ein Mädchen verknallt. Aber unglücklich. Sie hat mir von Anfang an gesagt, dass das mit uns nichts werden würde. Trotzdem sind wir beste Freunde geworden. Wir sind spazieren gegangen, waren im Kino oder schwimmen. Wir waren wie ein Pärchen, nur nicht zusammen. Sie hat das irgendwann ausgenutzt. Ich bin morgens extra früher aufgestanden, habe sie von zu Hause abgeholt, zur Schule gefahren und bin danach erst selbst zur Arbeit gefahren. Wenn wir zusammen bei einer Party waren und ich mit anderen Mädels ins Gespräch kam, hat ihr das nicht gepasst. Da hat sie sich eingemischt und geschaut, dass das nichts wurde. Das war eine Scheißzeit. Die einzige Kontrolle, die ich hatte, war über meinen Körper. Wenn ich alleine war, habe ich nichts gegessen. Ich habe das Essen nur als Notwendigkeit angesehen, um nicht einen kompletten Kollaps zu bekommen. Nachts hatte ich Krämpfe in den Beinen und wusste, ich muss essen. Das habe ich dann auch gemacht, aber nicht viel. Ich habe mich an einer Grenze entlanggehungert. Was auf einen Teller passt, habe ich im Zeitraum von drei Tagen gegessen.

Raimunds Bruder: Wenn ich Hunger habe, habe ich schlechte Laune. Bei Raimund ist das ausgeblieben. Er hat trotzdem nichts gegessen. Ich erinnere mich noch, wie er sich einmal in seinem Ärger und seiner Wut konzentriert hat. Er saß da ein paar Minuten lang ganz ruhig auf einer Bank in einer Ecke. Dann hatte er auf einmal keinen Hunger mehr und hat nichts mehr gegessen. Da schrillten die Alarmglocken bei mir. Ich habe versucht, mit ihm zu reden, aber er hat das nicht an sich herankommen lassen.

Raimund: Es gab eine Situation, die alles noch viel schlimmer gemacht hat. Ich hatte ein halbes Jahr lang mit einem Mädchen Kontakt, wir haben aber nur geschrieben. Christina hieß sie. Irgendwann habe ich herausgefunden, dass sie gar nicht existiert. Eine Arbeitskollegin hatte sich das alles mit ihren Freunden ausgedacht. Sie haben mich nach Strich und Faden verarscht. An dem Abend, an dem ich das erfahren habe, habe ich mich das erste Mal in den Graben gesetzt. Da habe ich meinen Gefühlen freien Lauf gelassen.

"Ich habe gedacht, irgendwann setzt Raimund sich vor einen Baum und ich war nicht da, um das zu verhindern."
Raimunds Bruder

Raimunds Bruder: Raimund hatte früher einen alten Peugeot. Jedes Mal, wenn er unterwegs war, hatte der Peugeot eine Macke mehr. Dann dachte ich mir: Fährt der so scheiße Auto, ist der nachtblind oder was macht der da? Ich wollte ihm helfen, wenn nötig auch mit der Brechstange. Hauptsache, er kommt da raus. Ich habe immer gefragt: Wo willst du hin? Mit wem? Wie lange? Manchmal bin ich ihm hinterhergefahren. Das war das Zeichen von mir, dass ich mir Sorgen mache. Ich habe gedacht, irgendwann setzt Raimund sich vor einen Baum und ich war nicht da, um das zu verhindern.

Raimund: In der Kindheit habe ich mich immer hinter meinem Bruder versteckt. Er war derjenige, der vorgehen musste. Aber später ist mir dieses Bemuttern auf die Nerven gegangen. Ich habe mich beobachtet gefühlt. Sobald ich weg war, habe ich einen Anruf von meinem Bruder bekommen, der wissen wollte, wo ich bin. Und wer kommt dann später um die Ecke? Mein Bruder. Wenn so etwas passiert ist, haben wir uns gestritten. Ich habe aber auch nie darüber nachgedacht, wie er sich fühlen könnte.