Einen NC von 1,0 schaffen vor allem Akademikerkinder. Falls der NC für Medizin kippt, sollten neue Auswahlverfahren auch den Hintergrund würdigen. Warum nicht eine Quote?

Aktualisierung: Mittlerweile ist das Urteil des Bundesverfassungsgericht gefallen. Es hat den NC in Teilen für verfassungswidrig erklärt.

Das Feindbild der NC-Gegner ist klar: der stille, nerdige 1,0-Abiturient, der nichts kann, als Formeln, Gedichte und Hauptstadtnamen in sein Gehirn zu schaufeln. "Soziale Ader, kommunikative Fähigkeiten, Kreativität? Fehlanzeige! Und so jemand soll Arzt werden? Unvorstellbar!"

Was die Gegner vergessen: Wer in Projektarbeiten und der mündlichen Philosophieprüfung ebenso gut abschneiden will wie in der Physikklausur, muss eben auch zuhören können und ein Gespür haben für die Situation und sein Gegenüber. Eine gute Abiturnote bildet deshalb weit mehr ab als stumpfe Fleißarbeit. Das bestätigen Jahrzehnte psychologischer Forschung zu Ehrgeiz, Persönlichkeitsstruktur und bestimmten kognitiven Fähigkeiten erfolgreicher Schüler (zum Beispiel Schrader & Helmke: 2008).

Noch immer schaffen viel weniger Arbeiterkinder den Sprung ins Medizinstudium.

An diesem Mittwoch nimmt sich das Bundesverfassungsgericht der Frage an, ob der Numerus Clausus verfassungswidrig ist. Die Bundesvereinigung der Medizinstudierenden Deutschlands (bvmd) will, dass die Bewerber auf ihr naturwissenschaftliches Wissen geprüft werden. Auch eine Berufsausbildung oder ein Freiwilligenjahr soll den Bewerbern helfen. Und schließlich sollen deren soziale Kompetenzen getestet werden. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, spricht sogar darüber, Assessment-Center einzurichten.

Alle diese Vorschläge – und auch die Tests, die manche Unis schon durchführen – vernachlässigen jedoch eines: Die bisherigen Zulassungsbedingungen benachteiligen vor allem Bewerber aus bildungsfernen Haushalten. Noch immer schaffen viel weniger Arbeiterkinder den Sprung ins Medizinstudium verglichen mit anderen Studiengängen. Während immerhin fast die Hälfte der Studierenden in Deutschland Eltern hat, die nicht studiert haben, sind es unter Studierenden, die auf Staatsexamen – also Jura, Pharmazie und Medizin – studieren, weniger als ein Drittel. So steht es in der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Nicht einmal jeder zehnte Medizinstudent hatte 2016 eine niedrige Bildungsherkunft, das bedeutet, dass eines oder keines der beiden Elternteile überhaupt eine Ausbildung hat.

Schüler mit niedriger sozialer Herkunft haben im Schnitt deutlich schlechtere Schulnoten als Kinder aus Akademikerfamilien. 96 Prozent der Lehrer sagen einer Allensbach-Umfrage nach, dass das Elternhaus mit darüber bestimmt, wie erfolgreich Schüler sind. 83 Prozent glauben sogar, der Einfluss sei groß oder sehr groß. Wer die Lebensläufe von Arbeiterkindern betrachtet, sieht, dass sie oft erst später im Leben – in ihren 20ern oder 30ern – erfolgreich werden. Sie brauchen länger, um zu kompensieren, dass sie in ihrem Elternhaus vieles nicht gelernt haben, was in Akademikerfamilien normal ist. Deshalb ist der NC zu einem Instrument geworden, das soziale Unterschiede zementiert.