Kippt der Medizin-NC? Drei Studenten, die kein 1,0-Abi haben, erzählen von Jahren des Wartens, drei Ausbildungen und Hochzeiten, die helfen können.

Aktualisierung: Mittlerweile ist das Urteil des Bundesverfassungsgericht gefallen. Es hat den NC in Teilen für verfassungswidrig erklärt.

43.184 Abiturienten wollten ab Oktober Medizin studieren, Studienplätze gab es 9.176. Zugelassen werden nur die Jahrgangsbesten. Um sofort eine Zusage zu bekommen, braucht man in 14 von 16 Bundesländern ein Abitur von 1,0. Am Mittwoch verhandelt das Bundesverfassungsgericht über die Frage, ob der Numerus Clausus verfassungsgemäß ist. Den Hintergrund dazu gibt es in diesem Text. Drei Studenten, die keinen 1,0-Schnitt hatten, erzählen, wie sie versucht haben, dem Arztberuf trotzdem näherzukommen:


"Ich habe drei Ausbildungen gemacht"

Moritz, 29

In der Schule fiel es mir unglaublich schwer zu lernen. Für die Abiturprüfungen bereitete ich mich überhaupt nicht vor. Mit einem Schnitt von 2,8 kam ich irgendwie durch. Hätte ich mehr gelernt, hätte ich vielleicht direkt einen Studienplatz für Medizin bekommen. So musste ich darauf sieben Jahre warten. Meine Idee, etwas in Richtung Medizin zu machen, entwickelte sich ganz langsam. Als 16-jähriger, sportbegeisterter Schüler stieß ich auf der Suche nach hilfreichen Büchern zum Krafttraining auf Anatomiebücher. Die dicken Atlanten erklärten mir, wie der menschliche Körper beim Sport funktionierte: Die Beinmuskeln beim Laufen und die Rückenmuskulatur beim Gewichtheben. 

Am Ende schloss ich meine Ausbildung als Klassenbester ab.
Moritz

Nach dem Abitur wollte ich mich weiter mit der Anatomie des menschlichen Körpers beschäftigen. Medizin kam mit meinem schlechten Schnitt natürlich nicht infrage. Also begann ich stattdessen eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Zum ersten Mal in meinem Leben lernte ich mit Ehrgeiz für etwas. Vor allem die neurologischen Vorlesungen zur Komplexität der Entstehung von Krankheiten wie Parkinson faszinierten mich. Am Ende schloss ich meine Ausbildung als Klassenbester ab.

Ich fühlte mich bestätigt in meiner Leidenschaft und der Gedanke, Medizin zu studieren, war wieder da. Ich fuhr also aus Berlin zum Universitätsklinikum Rostock, wo ich mir durch die dortigen Zulassungsbedingungen mit meiner Ausbildung die besten Chancen auf einen Studienplatz erhoffte. Doch der Mitarbeiter im Studienbüro lachte mich nur aus, als ich mit meinen sechs Wartesemestern vorsprach. Ich war frustriert und beschloss, den Wunsch des Medizinstudiums endgültig aufzugeben. Damals war ich 21 und dachte: Bald bin ich eh zu alt, um noch ein so langes Studium anzufangen.

"Du bist doch die ganze Zeit unterfordert."
Moritz' Mutter

Stattdessen entschied ich mich für eine weitere Ausbildung. Diesmal: Osteopath. Von Montag bis Donnerstag arbeitete ich als Physiotherapeut im Krankenhaus, übte mit frisch operierten Kniepatienten das Gehen und mit Intensivpatienten das Aufstehen. Am Wochenende lernte ich für die Ausbildung. Osteopathie ergänzt die Schulmedizin und arbeitet dabei nur mit bloßen Händen. Das hat mich begeistert. Aber es war frustrierend, im Krankenhaus mit den Ärzten zusammenarbeiten zu müssen und dabei immer der Untergebene zu sein. Obwohl ich zwei Ausbildungen besaß, behandelten sie mich herablassend. Ich wollte selbstständig arbeiten und begann eine dritte Ausbildung: zum Heilpraktiker. Aber auch das erfüllte mich nicht richtig. Oft war ich gereizt und unglücklich bei der Arbeit.

Irgendwann, zum Ende der Ausbildung, sagte meine Mutter: "Moritz, du bist doch die ganze Zeit unterfordert." Das war der Moment, in dem ich merkte, dass es doch Medizin sein muss. Ich wollte verstehen, wie Krankheiten entstehen und im Anatomiesaal stehen. Mittlerweile hatte ich 13 Wartesemester angesammelt.

Dann verschärften sich die Zulassungsbedingungen – statt zwölf Wartesemestern brauchte ich nun 14 für einen Studienplatz. Hieß also: Noch mal ein halbes Jahr warten. In der Zwischenzeit ließ ich mich in verschiedenen Studienbüros beraten. Denn was viele nicht wissen: Auch mit der nötigen Zahl Wartesemester zählen noch weitere Kriterien bei der Studienplatzvergabe. Der Notenschnitt bleibt entscheidend. Mit einem Schnitt von 2,8 kann man natürlich nicht punkten. Wo man studieren darf, wird aber auch mithilfe des sogenannten Sozialkriteriums entschieden.

Bewerber mit Wartesemestern werden in vier Kategorien eingeteilt: In Kategorie eins sind alle ohne jegliche Ortsbindung, in Kategorie zwei alle mit unbefristetem Job, in Kategorie drei alle Bewerber mit Kind, eingetragener Lebenspartnerschaft oder Ehe, Kategorie vier sind Schwerbehinderte. Geben zwei Bewerber mit der gleichen Abiturnote und der gleichen Zahl an Wartesemestern die gleiche Universität als Wunsch an, wird der Bewerber in der höheren Kategorie bevorzugt. Ich hatte 14 Wartesemester und einen unbefristeten Arbeitsvertrag in Berlin – also war ich ein Bewerber der Kategorie zwei. In der Universität in Berlin wurden aber nur Bewerber der Kategorie drei angenommen. Nur an einer Uni in Deutschland hätte ich Chancen auf einen Studienplatz gehabt. Meine drei Ausbildungen brachten mir keinen Vorteil.

Eine Kommilitonin ist eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen.
Moritz

Damit ich in Berlin Medizin studieren konnte, haben meine Freundin und ich dann geheiratet. Das klingt erst mal extrem, ist aber nicht ungewöhnlich: Eine Kommilitonin von mir ist mit ihrer besten Freundin eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen, um ihre Chancen auf einen Studienplatz zu verbessern.

Mittlerweile bin ich 29 Jahre alt und studiere endlich. Ich bin jetzt im fünften Semester. Als die Zusage zum Studium kam, konnte ich es erst kaum glauben. Die erste Zeit im Studium kam es mir sehr unwirklich vor, Vorlesungen zu besuchen und studieren zu dürfen. Mit der Zeit wird das selbstverständlicher. Ich merke aber oft, dass ich schon mehr Erfahrungen als meine Kommilitonen habe und besser einschätzen kann, was vom Lernstoff wirklich wichtig ist. Das Grundverständnis für Medizin ist durch die Ausbildungen schon da.

13, 14, 15 Wartesemester

"Es war ein Wettlauf, den ich nicht gewinnen konnte"

Tobias, 27

Als ich die Zusage für den Studienplatz bekam, saß ich gerade bei der Arbeit im Stationszimmer und kochte Tee für das Frühstück. Dann machte mein Handy "pling" und da war die Mail der Charité Berlin. In der Betreffzeile stand schon: "Herzlichen Glückwunsch". Sieben Jahre habe ich auf dieses "pling" gewartet. Ich konnte es kaum fassen, vor Aufregung war mir schlecht. Mit in Ruhe Frühstücken war es dann erst mal vorbei. Ich habe sofort der Pflegeleitung Bescheid gesagt, dass ich einen Studienplatz bekommen habe. Das war mir unangenehm, denn wegen des Pflegemangels wird jeder gebraucht. Erst als ich das hinter mich gebracht hatte, konnte ich mich richtig freuen und habe meinen Freunden eine Nachricht geschrieben.

Die Briefe mit den Absagen habe ich alle ungeöffnet in die Schublade gepackt.
Tobias

Während der Frühschicht ist mir immer wieder eingefallen, dass ich bald studieren werde. Es kam mir sehr unwirklich vor. Denn Medizin möchte ich schon seit sechs Jahren studieren. Mittlerweile bin ich 27 Jahre alt und mein Abitur ist acht Jahre her. Die Zahl der nötigen Wartesemester stieg während dieser Zeit immer weiter: Als ich 13 gewartet hatte, brauchte man 14 Wartesemester. Als ich 14 gesammelt hatte, wurden 15 verlangt. Es war ein Wettlauf, den ich nicht gewinnen konnte.

Die Briefe mit den Absagen, die man zusätzlich zur Mail immer zwei Tage später bekommt, habe ich alle ungeöffnet in die Schublade gepackt. Es hätte zu sehr wehgetan, die Absage zweimal zu lesen. Nach jedem weiteren Nein habe ich mit mir gerungen, ob ich mir den ganzen Frust noch mal antun und mich wirklich noch einmal bewerben soll. Immer wieder war der Gedanke da, Biochemie oder Pflegewissenschaften zu studieren. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, etwas anderes als Medizin zu machen. Also habe ich mich jedes Semester wieder beworben.

Die Idee, Arzt zu werden, hatte ich das erste Mal während des einen Semesters, in dem ich direkt nach dem Abitur Medizinische Physik studiert habe. Dort merkte ich aber schnell, dass der Studiengang nichts mit Physik in der Schule zu tun hat. Richtig faszinierend fand ich nur die Mikroskopiekurse, in denen wir Gewebeproben zum Beispiel der Prostata, des Herzens oder der Haut untersucht haben. Der Professor war Mediziner und hat oft Geschichten von seinen Patienten erzählt. Dabei habe ich gemerkt, dass mich der viele Kontakt zu Menschen und die Vielfältigkeit der medizinischen Probleme sehr reizen.

Die Hälfte meines Kurses wollte eigentlich Medizin studieren.
Tobias

Eine Freundin, die Krankenpflegerin ist, hat mich auf die Idee gebracht, ein Praktikum in der Pflege zu machen, um auszuprobieren, ob die Arbeit mit Kranken wirklich etwas für mich ist. Ich war im Herzzentrum in Berlin, wo viele Patienten auf ein Organ gewartet haben und komplett an Maschinen gefesselt waren, die die Organfunktion ersetzt haben. Den Patienten dort die Wartezeit ein bisschen zu erleichtern, indem man für sie da ist und sie pflegt, hat mir viel gegeben: Ich wurde gebraucht. Ein jüngerer Patient, der sich durch seine langjährige Krankheit sehr gut auskannte, hat mir anhand seines eigenen Röntgenbildes erklärt, wie seine Maschine über Elektroden und Drähte mit seinem Körper verkabelt ist. Es hat mich fasziniert, wie viel die Medizin leisten kann.

Nach dem Praktikum habe ich mich das erste Mal auf einen Studienplatz beworben, aber ich wusste natürlich, dass meine Chancen mit meinem Abiturschnitt von 1,7 nicht besonders gut sind. Deshalb begann ich nach dem Praktikum direkt die Ausbildung zum Krankenpfleger. Mich überraschte, dass die Hälfte meines Kurses eigentlich Medizin studieren wollte und mit der Ausbildung nur die Chancen auf einen Studienplatz verbessern wollte. Unseren Ausbildern hat das natürlich nicht gefallen. Ich habe deshalb nicht an die große Glocke gehängt, dass ich den gleichen Plan habe.

Dieses Semester ist zum ersten Mal die Zahl der nötigen Wartesemester völlig überraschend nicht gestiegen.
Tobias

In meiner Ausbildungszeit hat mir dann vor allem die Arbeit auf der Intensivstation viel Spaß gemacht. Dort kamen nur wenige Patienten auf einen Pfleger, dadurch konnte ich eine Beziehung zu den Patienten aufbauen und sehen, wie sie Fortschritte machen. Außerdem stand ich im engen Kontakt mit der Familie der Patienten, gerade auch bei ernsten Fällen konnte ich sie unterstützen und ermutigen. Viele haben Angst und brauchen Hilfe im Umgang mit ihren schwer kranken Angehörigen.

Nach der Ausbildung habe ich auf der Intensivstation als Pfleger angefangen. Wahrscheinlich hätte ich dort noch lange gearbeitet, wenn ich die Zusage nicht bekommen hätte. Ich hatte eigentlich nicht mehr mit einem Studienplatz gerechnet. Aber ich hatte Glück: Dieses Semester ist zum ersten Mal die Zahl der nötigen Wartesemester völlig überraschend nicht gestiegen. Es wurden 15 Wartesemester verlangt – und ich hatte 15 Wartesemester gesammelt. Dadurch habe ich einen Studienplatz bekommen. Ganz verlassen werde ich die Intensivpflege trotzdem nicht: Als Aushilfe kann ich weiter zwei bis drei Dienste im Monat auf meiner alten Station machen, wenn ich im Oktober endlich anfange zu studieren.

Wenn 1,7 nicht reicht

"Ich hatte einen Schnitt von 1,7"

Nele, 20

Immer Anfang Oktober und Anfang Februar habe ich Angst vor meinem E-Mail-Postfach. Vor dem Moment, in dem ich die Mail öffne, in der der Bescheid über die Studienplatzvergabe im neuen Semester steckt. Es ist jedes Mal wieder hart, zu lesen, dass man in der Rangliste der Bewerber auf Platz 8.000 ist und die Grenze, bis zu der man einen Platz erhält, bei 1.000 liegt. Ich bewerbe mich seit drei Jahren auf einen Studienplatz für Medizin, mittlerweile habe ich also sieben Wartesemester angesammelt. Die Ungewissheit ist schwer auszuhalten: Vielleicht kann ich nächstes Semester studieren – vielleicht aber auch erst in ein paar Jahren.

Der Numerus Clausus errechnet sich daraus, wie gut die Noten der anderen Bewerber sind. Seit einiger Zeit werden die stetig besser, immer mehr Abiturienten haben ein Einser-Abi. Dadurch sinkt der NC weiter, die Liste der Wartenden wird länger und es wird schwieriger, einen Studienplatz zu bekommen. Mein Abischnitt liegt bei 1,7. Der NC für Bewerber aus Niedersachsen, wo ich Abitur gemacht habe, liegt aktuell bei 1,1.

Ich hätte meinem Bruder gerne geholfen – aber das konnten nur die Ärzte.
Nele

Für mich war immer klar, dass ich Ärztin werden möchte. Beim zweiwöchigen Schulpraktikum in der Pathologie durfte ich Gewebeproben aus Haut und aus Organen schneiden, in Alkohol und Färbelösungen präparieren und mikroskopieren. Ich konnte durch die Zellgröße oder Färbung des Gewebes genau sehen, ob das Gewebe gesund oder krank ist. Das hat mich sehr beeindruckt. Noch mehr fasziniert mich dieses einzigartige Gefühl, dass man mit dem richtigen Wissen Menschen heilen kann: Während meiner Schulzeit erkrankte mein großer Bruder an Krebs. Hilflos dazustehen, während er unter der Chemotherapie litt, war schwer auszuhalten. Ich hätte ihm gerne geholfen – aber das konnten nur die Ärzte.

Mein Bruder überlebte. Das war ein Moment, in dem ich gemerkt habe: Ich möchte etwas tun können und nicht nur zuschauen. Deshalb habe ich im Abi Biologie, Physik und Mathe als Leistungskurse genommen. Nicht gerade die leichtesten, aber für Medizin eben wichtige Fächer. Weil ich in der Abizeit Hockey auf Leistungsniveau gespielt habe und oft Lehrgänge mit der Jugend-Nationalmannschaft hatte, war mein Schnitt dann "nur" bei 1,7.

Budapest ist der letzte Ausweg.
Nele

Leider hatte ich Pech und gerade im Jahr meines Abiturs verschob sich die Zulassungsgrenze auf 1,6. Ich wurde abgelehnt. Das war erst mal ein Schock. Es hat mir aber auch gezeigt, wie sicher ich mir in meiner Entscheidung für Medizin bin. Seitdem habe ich auf einer Kinderstation als Pflegepraktikantin kleine Patienten gewickelt, gefüttert und gewaschen. Ich habe im Herzkatheterlabor assistiert und bei OPs zugeschaut, sechs Monate lang im Anästhesiezentrum Zugänge gelegt und dort auch bei Intubationen und Narkosen geholfen. Schließlich habe ich eine Ausbildung zur Arzthelferin in einer kardiologischen Praxis gemacht.

Nur Medizin darf ich immer noch nicht studieren. Für die Zulassungsverfahren nützt es nichts, dass ich schon so viel im medizinischen Bereich gearbeitet habe, es zählt vor allem der NC. Wie es bei mir weitergeht, ist noch unklar. Vor drei Wochen habe ich angefangen, in Budapest Medizin zu studieren. Für viele ist das der letzte Ausweg. Aber das Studium ist teuer und ich finde die Idee frustrierend, im Ausland für viel Geld zu studieren und zum Arbeiten nach Deutschland zurückzukommen – in das Land, das mich als Studentin nicht will, obwohl überall Ärzte fehlen. Vielleicht werde ich nach einem Semester zurückkehren und mich weiter in Deutschland bewerben. Aber dass ich eines Tages Ärztin werde, weiß ich auf jeden Fall.