"Willst du alevitisch wie Papa oder evangelisch wie Mama sein?", fragten meine Eltern, als ich neun war. Ich wurde keins von beidem, sondern alles.

"Yasmin, wir möchten noch mit dir reden." Meine Eltern traten langsam an mich heran. Es war 1998, ich war neun Jahre alt, meine Beine baumelten vom Bett und ich überlegte: Mein Zimmer war aufgeräumt, meine Hausaufgaben gemacht, worüber wollten die beiden mit mir reden? Mein Vater setzte sich links von mir auf die Bettkante, meine Mutter rechts. Die Matratze sank ein wenig. Zwei Augenpaare schauten mich ernst an. "Yasmin, was willst du sein? Evangelisch wie die Mama oder alevitisch wie der Papa?" Ich hatte keine Ahnung, was ich antworten sollte. Oder was evangelisch und alevitisch überhaupt bedeuten.

Unser Haushalt war nicht besonders religiös. Glauben war bei uns Folklore: Kleine Sprüche wie "Lieber Gott mit dir" vor langen Autofahrten aufsagen oder die islamische Segensformel Basmala – "Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes" – vor dem Essen in den Teller flüstern. Mehr Religion gab es bei uns im Berlin der Neunzigerjahre nicht. Ich bin zwar getauft worden, war aber nie Mitglied einer Kirche. Meine Eltern beteten nie, trotzdem schien ihnen an diesem Tag ein Glaubensbekenntnis wichtig. Ob es wirklich so war, weiß ich bis heute nicht. Die Frage "Wer bist du und wie glaubst du?" begleitet mich aber seither.

"Yasmin, wer weiß, wie oft du schon gelebt hast"
Mutter

Das ging soweit, dass ich schon beim Puppenspielen schwer existenzielle Fragen im Kopf hatte. Während ich meine Barbiepuppe mit Ken ins Barbie-Dreamhouse einziehen ließ, fragte ich mich, was wohl nach dem Tod passiert und wie es wohl ist, keinen Hunger und Durst mehr zu haben. Versuchte mir vorzustellen, wie mein Arm oder meine Finger einmal zu Staub werden würden. Wenn ich solche Überlegungen meiner Mutter mitteilte, antwortete die: "Yasmin, wer weiß, wie oft du schon gelebt hast, dass du so intensiv darüber nachdenkst."

Meine Mutter ist evangelisch-lutherisch, aber vor allem esoterisch. Wiedergeburt, Kartenlegen, Spiritualität – all das habe ich durch sie kennengelernt. Von ihrer Kartenlegerin kam sie oft mit neuen Erkenntnissen nach Hause, manchmal sogar mit Warnungen: "Yasmin, wenn du in der elften Klasse bist, sollst du mit Alkohol aufpassen!" sagte sie mal, als ich 14 war. Sie stellte ihre Handtasche auf dem Küchenstuhl ab und schaute mich eindringlich an. Wie nach jeder Tarotkartensitzung wirkte sie entschlossener, irgendwie klarer. Das beeindruckte mich: "Wieso? Welche Alkoholsorte genau? Oh Gott, werde ich Alkoholikerin?" Meine Mutter lächelte dann meist und versuchte, meine Nachfragen zu beantworten.

Sie glaubte an "die Karten", ließ sich aber immer Handlungsspielraum. Es war möglich, dass ich Alkoholikerin werde – aber auch nicht in Stein gemeißelt, immerhin hatte sie mich ja nun gewarnt. Noch heute lebt meine Mutter einen Mix aus Protestantismus und Spiritualität, der mich geprägt hat. Mein erster Alkoholrausch mit billigem Limoncello auf unserer Klassenfahrt 2006 hat mich bis dato allerdings genauso davor bewahrt, ernsthaft Alkoholikerin zu werden.

Wow, eine Kreuzkette, wie sie Popsängerin Jeanette Biedermann immer trägt.

Auch mein Vater ist bis heute eher religiöser Relativist. Einmal servierte meine Mutter uns Schweinefleisch zum Abendessen. Als sie den Teller vor ihm abstellte, wurde es still am Tisch: Mein Vater schaute auf das Essen vor sich und zögerte kurz. Alle schauten ihn gespannt an. Dann sagte er eben die Basmala, die islamische Segensformel, etwas lauter auf und schon war das Abendessen vertretbar. Diese Flexibilität gefiel mir. Mein Vater ist in einer alevitischen Familie aufgewachsen.  

Der eher pantheistisch gelagerte Glauben der Aleviten gilt als weitgehend undogmatisch. Es muss nicht fünfmal am Tag gebetet werden, dafür gibt es andere religiöse Pflichten. Als mein Vater mit 17 Jahren aus der türkischen Provinz nach Ostfriesland kam, lernte er durch meine Mutter das Evangelentum kennen. Meiner Taufe stimmte er zu, später erfuhr er aber vom Pfarrer, dass sich ein paar Gemeindemitglieder darüber beschwert hatten, einen Nicht-Christen wie ihn über das Taufbecken gelassen zu haben. Mein Vater war getroffen und ließ später meinen jüngeren Bruder nicht mehr taufen. Trotzdem zog er sich jedes Weihnachten einen roten Mantel und den fusseligen, weißen Bart über und fragte meinen Bruder und mich mit türkischem Akzent, ob wir auch schön brav gewesen seien.

So wenig präsent das Thema Glauben bei uns auch war, Stoff für Streitgespräche bot es allemal. Wie an einem Sommertag 2001, als meine ostfriesische Großmutter mir ein Geschenk machte. 
Sie war evangelisch und hielt eine feine, goldene Kette mit einem Kreuzanhänger in ihrer rechten Hand. Als sie die dünne Kette in der Hand hielt, schaute sie ein bisschen so, als würde sie sich selbst beschenken. Dann kam mein Vater in die Küche. Er sah die Kette zwischen den langen Fingern meiner Großmutter hängen und wurde wütend: Gerade erst hatte er mir einen Anhänger mit dem islamischen Nazar Boncuk, dem blauen Auge zum Schutz vor dem bösen Blick, besorgt.

Schwer atmend stürmte er aus der Küche, meine Großmutter hinterher. Die beiden fingen an zu diskutieren. Ich hörte Gesprächsfetzen: Dass er mein Vater wäre, dass sie ja immerhin meine Großmutter sei. Währenddessen begutachtete ich mich im Spiegel, mit der Kette um den Hals und dachte: "Wow, eine Kreuzkette, wie sie Popsängerin Jeanette Biedermann immer trägt." Ich war zwölf und in diesem Jahr war Popkultur meine Religion.

Zwischen diesen beiden unorthodoxen Varianten von Religiosität sollte ich mich also positionieren. Wer was glaubte, war zwar jedem selbst überlassen, aber ich hatte mich gefälligst zu entscheiden, an was ich eben so halb glauben würde. Keine leichte Aufgabe. Es musste doch möglich sein, dachte ich mir, etwas zu finden, woran ich so richtig glauben konnte. Also suchte ich weiter.