Als wir uns in der Schule für eine zweite Fremdsprache entscheiden mussten, versuchte mancher Lehrer, uns von Russisch zu überzeugen: Das könnten wir doch später sicher gebrauchen. Irgendwann, sagten sie, werde die Welt sicher wieder mehr in den Osten schauen.

Aber meine Freunde schauten lieber nach Westen, lernten Spanisch und Französisch. Ich wählte Latein – sogar eine tote Sprache erschien mir nützlicher als das von 200 Millionen Menschen gesprochene Russisch. Nach dem Abi zogen viele um – nach Marburg, Hamburg, München. Wenn in Talkshows davon geredet wird, wie sehr das Land unter der Kleinbürgerlichkeit der Ostdeutschen und unter Pegida leiden soll, geht mir manchmal ein Gedanke durch den Kopf: Bin ich schon westdeutsch genug?

Der ostdeutsche Dialekt zum Beispiel. Wo ich aufwuchs, sagte man Kaufhalle zu Edeka und Penny; als ich zum ersten Mal in einer westdeutschen WG frühstückte, achtete ich darauf, lieber vom Supermarkt zu reden. Mehr als bei Schwaben und Bayern verpasste uns der Dialekt den Stempel des Hinterwäldlers. Deshalb musste er verschwinden. Als ich mich zum ersten Mal länger mit Leuten aus Westdeutschland unterhielt, fühlte ich mich damit unwohl. Ich betonte die Silben lieber ein bisschen zu deutlich und hörte damit auf, aus einem Chinesen einen Schinesen zu machen.

Ich will wenig gemein haben mit der Heimat meiner DDR-Vorfahren, deshalb streifte ich das meiste meiner Herkunft ab. Meine Freunde und ich wollen kaum etwas zu tun haben mit diesem Land, das im Sterben lag, als wir geboren wurden. Wir gehen mit unserer Heimat so um wie die gesamtdeutsche Gesellschaft: Die DDR ist in der Öffentlichkeit ein Land ohne Erbe, ohne Vermächtnis. Ein Land, das nur als Irrtum in den Geschichtsbüchern und in vielen Biografien der Menschen steht. Aber wir sind dennoch von ihr gezeichnet.

Zu meinem Erbe gehören der Dialekt und die Sprüche, die ich mir habe anhören müssen. Das wollte ich immer loswerden. Aber ausgerechnet mit dem Atheismus, einem direkten Überbleibsel der DDR-Politik, fühle ich mich wohl.

In dieser Beziehung bin ich ganz freiwillig das, was mir mein Umfeld vorlebte. Ich wurde nicht konfirmiert, sondern empfing die Jugendweihe, so wie fast jeder meiner Freunde. Dort sprach kein Pfarrer zu uns, sondern ein Abgeordneter der Linken. Ich habe nie gebetet, wurde nie zu einer Taufe eingeladen. Ich hatte nie einen Gott. Und ich brauche ihn auch nicht.

Mein Atheismus macht mich frei. Er lässt mich das erste Mal einfach zum Mainstream gehören. Denn es ist normal, mit Gott zu hadern: Meine gläubigen Freunde wollen aus der Kirche austreten, um keine Kirchensteuer zu zahlen, wenn sie ihren ersten Job anfangen. Wer bleibt, gibt zu, es auch deshalb zu tun, um in der Kirche heiraten zu dürfen – ist ja schöner als nur im Standesamt. Und taucht man bei einer WG-Party mit einer Kette auf, an der ein Kreuz hängt, muss man mit skeptischen Blicken rechnen. Den Entschluss, Atheist zu sein, brauchte ich noch nie begründen. Den meisten ist das egal.

Ich musste nie kämpfen, um Teil dieses Mainstreams zu werden. Ich empfand nie den Druck, mich anpassen zu müssen. Es fühlt sich befreiend an, ganz selbstverständlich zu etwas zu stehen, das dem Zeitgeist entspricht. Etwas, für das ich mich nicht rechtfertigen brauche. Der Atheismus ist zu einer Eigenschaft meiner ostdeutschen Herkunft geworden, über die ich mich identifizieren kann, sie ist ein Erbe, das ich angenommen habe. Seitdem ich lebe, gehöre ich einfach mal dazu.