Ja, ich bin eine Sünderin. Eine, die Fehler macht im Leben und im Glauben. Aber Partys, Alkohol, Drogen sind an sich keine Fehler. Ebenso wenig wie es ein Fehler ist, dass ich Frau S. damals nicht mit Namen gegrüßt habe. Ich bin keine Sünderin, weil ich gegen eine von Menschen festgelegte Moral verstoße. Es macht mich zur Sünderin, wenn ich mich von Gott entferne, von meinen Mitmenschen und mir selbst: Indem ich mich nicht um diese Beziehungen kümmere, sie vergesse, ihnen nicht mehr traue oder meine, irgendetwas anderes sei wichtiger. Aber das kann genauso in einer durchzechten Nacht passieren wie bei einer Morgenandacht unter dem Kreuz. Kein Mensch lebt ohne diesen Fehler und Gott weiß darum.

Jesus weiß darum. Er braucht niemanden, der mit dem Finger auf die vermeintlichen Fehler anderer zeigt. Wir müssen andere nicht beäugen und nach unseren Wertvorstellungen verurteilen. Wir müssen nach uns selber schauen.

"Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.

Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?

Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?" Matt 7,1-4

Auch ich als Pfarrerin bin keine Elite.

Die Kirche hat von sich das Bild einer makellosen Moralinstanz geschaffen. Ein Bild, das oft ziemlich altmodisch und realitätsfern ist. Trotzdem ist es immer noch ein Maßstab, nach dem sich leicht urteilen lässt: über das Verhalten seiner Mitmenschen und besonders über Pfarrer und Pfarrerinnen. Dabei macht uns ein Kreuz im Gehaltsbogen bei evangelisch oder katholisch nicht moralisch integer. Es sagt lediglich aus, dass wir Mitglieder der Kirche und getauft sind. Aber deshalb sind wir Christen nicht bessere Menschen als andere. Wir sind keine Elite. Auch ich als Pfarrerin bin keine Elite.

 Liebe Gemeinde,

ich entspreche nicht euren klischeehaften Idealen eines Pfarrers. Ich bin kein Mann mit Bart. Ich lebe auch nicht keusch, bis ich verheiratet bin, um dann eine Menge Kinder zu bekommen, denen ich biblische Namen gebe. Ich bete nicht zehn Mal am Tag. Ich bin keine immer ansprechbare Alleswisserin, die oberflächliche Vergnügungen ablehnt. Ich kenne nicht mal alle eure Namen. Was auch immer ihr sonst noch so denkt: Ich bin nicht so, wie ihr mich haben wollt. Denn es gibt nicht nur die eine Vorstellung davon, wie ein Pfarrer oder eine Pfarrerin sein sollte. Es gibt genauso viele Ideen davon, wie ich in meinem Beruf sein sollte, wie Menschen auf der Welt. Und niemand kann all diesen Idealen gerecht werden, ohne beliebig zu werden und sich selbst aufzugeben.

Ich bin auch nur ein Mensch. Ich bin so normal und unperfekt wie ihr alle. Ich bin nicht besser als ihr und möchte es auch gar nicht sein.

Gott ist da für die Unperfekten.

Und doch soll ich Vorbild für andere sein. Ein ehrliches und glaubwürdiges Vorbild kann ich aber nur sein, wenn ihr mich nicht in ein moralisches Korsett zwängt. Als Vorbild muss ich leben. Unbeobachtet, unbeäugt und unbewertet. Ich will eine moderne Pfarrerin sein. Nur wenn ich mich nicht verstellen muss, kann ich mich wirklich angenommen fühlen in einer Gemeinschaft, die von sich selbst sagt, dass alle zu Jesus Christus und zusammen gehören. Egal, was die "Gemeindegala" über sie schreiben würde.

Denn ich bin überzeugt: Gott ist da für die Unperfekten, die Zweifler, ja auch für diejenigen, die bei Sonnenaufgang betrunken nach Hause kommen oder die gar keine Beziehung mit ihm wollen. Das ist mein Glaube. Deshalb bin ich Pfarrerin und das möchte ich den Menschen, und zwar allen Menschen, im Glauben und im Leben mitgeben.

"Laura Daubt" ist ein Pseudonym. Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.