Papa, warum bist du Antisemit? – Seite 1

Der Vater unseres Autors rechnet die Zahl der Holocaustopfer herunter und glaubt, dass Israel ProSieben und den Welthandel kontrolliert. Wie geht man damit um?

Im Juli 2012 sagte mir mein Vater zum ersten Mal, dass er mich nicht mehr sehen will. Nachdem wir uns fast zwei Stunden bei Rumpsteak und Kartoffelecken angeschrien hatten, schleuderte er mir das beim Nachtisch-Cappuccino entgegen. Das Thema war, wie so oft in dieser Zeit, der Arabische Frühling, die Demonstrationen in Syrien und die gewalttätige Reaktion des Assad-Regimes darauf. Für ihn war völlig klar, wer hinter den Demonstrationen steckte: Israel und die USA – und damit die Juden.

Mein Vater ist Araber. Er ist 1958 in Jarmuk geboren und aufgewachsen, einem Vorort von Damaskus. Der Ort ist ein riesiges, inzwischen befestigtes Flüchtlingslager für Palästinenser, entstanden 1957, nach der Sueskrise. Dorthin mussten seine Eltern aus dem Gazastreifen fliehen, der Schauplatz von Kämpfen zwischen Ägypten und Israel und seinen Verbündeten war. Nach dem Abitur ging er vor 34 Jahren zum Studieren nach Deutschland. Hier lernte er meine Mutter kennen, einige Jahre später wurde ich geboren. Mein Vater ist ein herzlicher, gebildeter Mensch. Und er ist Antisemit. 

Damit ist er nicht alleine

Antisemitismus ist unter Muslimen in Deutschland verbreitet: Zwischen 19 und 21 Prozent der Muslime in Deutschland haben negative Einstellungen gegenüber Juden. Die Ursachen reichen vom Konsum arabischer Propaganda über das Gefühl der eigenen Orientierungs- und Machtlosigkeit bis hin zu Diskriminierungserfahrungen in der deutschen Gesellschaft. Unter Nicht-Muslimen finden mehr als zehn Prozent, dass Juden zu viel Einfluss in der Welt hätten.

Ich habe erst spät gemerkt, dass es nicht normal ist, wenn sich Erwachsene so streiten wie mein Vater und unser Nachbar es taten. Der setzt sich bis heute für die deutsch-israelische Freundschaft ein. Wenn er zum Abendessen kam, saßen sich die beiden Männer gegenüber und warfen sich Sätze entgegen, die die Wörter Apartheidsstaat, Intifada, Raketenbeschuss und Terrorismus beinhalteten. Den Grund dafür habe ich damals aber nicht verstanden, für mich gehörte der Streit irgendwann dazu.

Dann kam der elfte September

Zwei Jahre später flogen zwei Flugzeuge ins World Trade Center. In den Wochen nach dem 11. September 2001 lief viel Al Jazeera bei uns zu Hause, wie in vielen Haushalten arabischstämmiger Einwanderer. Ich war 13, der Sender auf Arabisch und das Einzige, was ich verstand, waren die Bilder des Afghanistankriegs von Leichen in Trümmerhaufen und den verzweifelten Familien daneben. Ich begann, mich für Politik zu interessieren, wollte verstehen, was in Afghanistan und im Irak passierte. Und was das alles mit uns zu tun hat. Und da sagte mein Vater: "Der 11. September ist eine Verschwörung der Israelis und der Amerikaner, um an das Öl der Araber zu kommen." Er sagte das oft. Und jedes Mal, wenn er solche Sätze von sich gab, nahm meine Mutter mich später zur Seite und sagte: "Was dein Vater sagt, ist Schwachsinn, aber die Kriege sind trotzdem scheiße."

Aber ich hinterfragte die Haltung meines Vaters immer noch nicht. Ich demonstrierte mit Tausenden gegen eine deutsche Teilnahme am Irakkrieg, bekleidet mit schwarzem Kapuzenpulli und dem Kufiya – dem Palästensertuch. Auf meinen Schulordner klebte ich einen Aufkleber. Auf dem prangte "NO WAR!" und direkt daneben, deutlich kleiner: "Boycott Israel". Den hatte mir mein Vater zugesteckt. Neben einigen Laternenmasten und Klotüren musste auch mein Schulordner dran glauben.
Als der Ordner das erste Mal auf dem Tisch vor mir in der Schule lag, sprach mich mein Deutschlehrer darauf an. Ob ich denn überhaupt wüsste, was ich da fordere. Er war nicht der Letzte. Diskussionen mit Freunden und meiner Mutter folgten.

Sie sagten mir: Informier dich über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Durch Zufall fielen mir die alten Geschichtsbücher meiner Mutter aus den Siebzigern in die Hände. Für die war ich eigentlich zu jung, der Inhalt beschäftigte mich trotzdem. Ich begann, mich und damit meinen Vater zu hinterfragen und wurde vorsichtiger damit, die Aussagen meines Vaters einfach als die Wahrheit zu akzeptieren. Ich erkannte sie schließlich als das, was sie waren: Propaganda. Schließlich übermalte ich den Boykottaufruf des Stickers. "NO WAR!" blieb stehen.

Plötzlich sprach mein Vater von Allah und Fasten

Als ich zum Studieren aus meiner Heimatstadt wegzog, lebten meine Eltern schon einige Jahre nicht mehr zusammen. Der Kontakt zu meinem Vater wurde sporadischer, blieb aber familiär. Durch die Trennung von meiner Mutter hat mein Vater kaum noch deutsche Freunde. Er verbringt lieber Zeit mit seinen arabischen Kollegen. Bei Telefonaten musste ich plötzlich immer häufiger sein Deutsch korrigieren. Ohne Erfolg. Irgendwann hörte ich damit auf. Und dann begann er, der Mann, der die Regeln des Islam eher als Vorschläge empfunden und ein gutes Glas Rotwein immer geschätzt hatte, von Allah und vom Fasten zu reden.

"Ich schlug vor, Buchenwald zu besuchen. Er sagte: Alles Inszenierung"

Während ich bei biergeladenen Diskussionen in verrauchten WG-Küchen über die Vor- und Nachteile des Marxismus stritt, die Dialektik der Aufklärung las und auf Partys rumknutschte, wurde mein Vater immer religiöser. Er lud sich eine Mekka-App runter, die ihm immer die richtige Richtung zum Beten zeigt. Das belächelte ich noch. Erst als sich bei Restaurantbesuchen zwischen sanfte Erinnerungen, dass Allah immer bei mir sei, Tiraden über die Rothschilds, Bilderberger und den Zionismus mischten, fing ich an, wütend zu werden. Er sagte: Die Juden kontrollieren die Welt. Ich sagte: Papa, das ist doch Schwachsinn. Er erzählte mir von der amerikanischen Notenbank, die angeblich von Juden gegründet wurde, um den Welthandel zu kontrollieren. Ich erklärte ihm Geldpolitik. Er rechnete die Zahl der getöteten Juden im Holocaust herunter, ich schlug vor, Buchenwald zu besuchen. Er sagte: Alles Inszenierung. Wir stritten oft.

Als mein Wunsch, Journalist zu werden, immer mehr Realität wurde, fragte er mich: "Und schreibst du dann auch gegen Araber?" Für ihn sind die Medien alle fremdgesteuert, wahlweise aus den USA oder Israel. Und sein Sohn wird dann halt entweder übergangen oder wird Mainstream-Meinungen schreiben, weil er manipuliert ist.

Trotzdem wünscht er mir immer Glück in meinem Beruf. Dass ich glücklich und erfolgreich bin, ist für ihn wichtiger als seine Verschwörungstheorien. Er will wissen, wie es so läuft, leidet mit mir, wenn ich Rückschläge hinnehmen muss, und baut mich wieder auf. Dafür bin ich meinem Vater dankbar. 

Lange war er genau der Vater, den ein Kind haben sollte. Es gibt viele schöne Fotos von uns: Zusammen beim Baden, als ich ein Kleinkind war, bei einer Wattwanderung in Dänemark trägt er mich auf den Schultern, weil ich den Schlamm, und was darin hauste, eklig fand. Bei meiner Einschulung stand er neben mir und meiner übergroßen Schultüte. Bei der Abiturfeier standen wir im Partneroutfit nebeneinander, trugen zu große, labbrige Anzüge mit hässlichen Krawatten. Mein Vater war immer eins für mich: bedingungslos liebevoll. Egal, wie sehr wir uns gestritten haben. Mit der Familie bricht man nicht.

Ich habe lange gebraucht, um meinen Vater zu verstehen: Er ist ein Mann, der als palästinensischer Flüchtling aufgewachsen ist. Bei den Besuchen bei meinen Großeltern als kleines Kind war das Labyrinth aus Gassen ein Spielplatz für mich und meine Cousins. Für meinen Vater war es seine Heimat, in der er mit fünf Geschwistern, meinen Großeltern und meiner Urgroßmutter in einer kleinen Wohnung lebte. Zum Essen saßen alle gemeinsam um eine Messingplatte voller Reis mit Pfeffer und Zimt herum. Gleichzeitig gehörte antiisraelische Propaganda zur syrischen Erziehung wie das Schuhebinden.

Er kann seiner Erziehung nicht entkommen

Vormittags lernte er, dass kein Staat namens Israel existiere und die Juden den Palästinensern die Heimat stehlen würden. Nachmittags liefen im syrischen Fernsehen Bilder von leidenden Palästinensern, unterlegt mit trauriger Musik, feierten getötete Attentäter in heroischer Pose, unterlegt von martialischen Klängen. Diese Sendungen gibt es bis heute. Denn Syrien liegt bis heute mit Israel im Krieg. Syrien erkennt Israel nicht als Staat an, Israel hält bis heute die Golanhöhen im Süden des Landes besetzt. Für meinen Vater stand immer fest: Er und seine Familie sind von Juden vertrieben worden, die das umkämpfte Land besitzen und besiedeln wollten. Vom Haus der Familie steht heute nur noch die Bodenplatte – sagt er. Ob das stimmt, weiß ich nicht.

Mein Vater ist ein Mann, der seiner eigenen Erziehung nicht entkommen kann. Weil er durch die Trennung von meiner Mutter kein Korrektiv mehr hat und viele seiner Freunde und Arbeitskollegen genauso denken. Dadurch hat er auch die Kultur seiner Heimat über 30 Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland wiederentdeckt, schaut lieber arabisches Fernsehen und liest arabische Zeitungen.

Dabei hat mein Vater sogar jüdische Geschäftspartner, er kauft für seinen eigenen Laden bei einem jüdischen Großhändler Obst und Gemüse, den er niemals beleidigen oder gar angreifen würde. Auch auf eine Anti-Israel-Demonstrationen würde er nicht gehen. Sein Antisemitismus ist immer gegen ein vermeintliches System gerichtet. Er praktiziert ihn in seinem Kopf.

"Schau mal, Papa, das stimmt nicht. Israel hat keinen Einfluss auf ProSieben"

Für mich wurde es mit der Zeit immer anstrengender, meinen Vater zu treffen. Meist sahen wir uns in der Öffentlichkeit und schrien uns an. Das ist bis heute so. Soll ich nun weiter mit ihm diskutieren? Immer wieder sagen: "Schau mal, Papa, das stimmt nicht. Israel hat keinen Einfluss auf ProSieben", wenn er mal wieder die deutschen Medien kritisiert? In der Öffentlichkeit, wenn uns Leute anstarren, als ob wir Verrückte wären?

Bei Treffen rede ich inzwischen lieber über vergangene Versteckspiele auf Zeltplätzen, die Kinderstreitereien zwischen meinem Bruder und mir oder ich helfe ihm bei Computerproblemen. Das funktioniert manchmal. Und wenn nicht, schreien wir uns eben an, das tut jedes Mal weh. Trotzdem werde ich ihm widersprechen, weil ich der Einzige bin, der es tut. Auch wenn er mir dann sagt, dass er mich nicht wiedersehen will. Weil ich weiß, ein paar Wochen später ruft er wieder an. Und wir sehen uns wieder. Jedes Mal.

"Omar Haddad" ist ein Pseudonym. Der Name des Autors ist der Redaktion bekannt.