Der Medizin-NC könnte kippen. Warum nicht ein Auswahljahr oder die Studenten selbst zahlen lassen? Vier Länder, vier Verfahren, vier Studenten, die davon erzählen

Aktualisierung: Mittlerweile ist das Urteil des Bundesverfassungsgericht gefallen. Es hat den NC in Teilen für verfassungswidrig erklärt.

Medizin studieren? Ohne Einserschnitt? Da bleibt in Deutschland nur der Weg über Wartesemester oder eine Klage. Zwar werden nur 20 Prozent der Studienplätze für Medizin direkt über die Abiturbestenlisten vergeben. Den Großteil der Plätze, ungefähr 60 Prozent, darf jede Universität nach eigenem Auswahlverfahren zuteilen. Darin zählen Ergebnisse von Tests, Auswahlgesprächen sowie Ausbildungen oder ein freiwilliges soziales Jahr. Grundlage bleibt aber bei allen Universitäten die Abiturnote, die nur aufgebessert werden kann oder sogar Voraussetzung zur Teilnahme am Auswahlverfahren ist.

Deshalb muss das Bundesverfassungsgericht am 19.12. über die Klage eines Rettungssanitäters und einer Krankenpflegerin entscheiden, die Medizin studieren wollen. Sie sagen: Es ist verfassungswidrig, trotz Medizinertest und Ausbildung sieben Jahre auf einen Studienplatz warten zu müssen. 

Tatsächlich ist die Abiturnote nicht in allen Ländern entscheidend für eine Zulassung zum Medizinstudium. Obwohl Studienplätze für das Fach fast überall hart umkämpft sind, gibt es im Ausland Auswahlverfahren, die auch Schülern ohne Einser-Abitur eine Chance geben. Wie funktioniert das dort?

Österreich: Der Medizinertest

Wer einen Studienplatz für Medizin in Wien, Graz, Innsbruck oder Linz haben möchte, braucht dafür keine guten Schulnoten. Einziges Auswahlkriterium ist im österreichischen Aufnahmeverfahren das Ergebnis im Medizinertest, dem MedAT, an dem jeder Abiturient beliebig oft teilnehmen darf. Mehrere Stunden lang müssen die Teilnehmer naturwissenschaftliche Fragen beantworten, vorher unbekannte Zahlenfolgen und Allergieausweise auswendig lernen und wiedergeben, Figuren zusammensetzen und in Personenbeschreibungen Emotionen richtig deuten. Für einen Studienplatz in Zahnmedizin werden dazu in einem Drahtbiegetest motorische Fähigkeiten geprüft. Zur Vorbereitung bekommen Bewerber nur einen groben Anforderungskatalog und Beispielaufgaben. Lernen müssen sie für den Test komplett eigenständig.

Auch in Deutschland gibt es zwei Medizinertests, die verschiedene Universitäten in ihren eigenen Auswahlverfahren nutzen. Unabhängig von den Schulnoten werden sie aber nicht gewertet: Zur naturwissenschaftlichen Prüfung HAMNat wird man nur mit einem sehr guten Abitur eingeladen, und das Ergebnis des Tests für medizinische Studiengänge (TMS), der logisch-analytisches Denken prüft, kann den Notenschnitt nur um wenige Zahlen hinter dem Komma aufbessern.

"In Deutschland hatte ich mit meinem Notenschnitt von 2,5 keine Chance auf ein Medizinstudium. Für den Test in Österreich war meine Abiturnote egal, ich habe mich einfach angemeldet und eine Stichpunktliste mit Themen zur Vorbereitung bekommen. Ein halbes Jahr habe ich auf den Test hingearbeitet. An dem Tag war ich trotzdem extrem aufgeregt. Dabei nicht die Nerven zu verlieren, war eine Herausforderung. Du musst komplett da sein und dich konzentrieren. Aber du wirst nach deiner aktuellen Leistung beurteilt und nicht danach, wie du vor drei Jahren im Abitur abgeschnitten hast." (Anika, 21, studiert an der Universität Wien Medizin)

Frankreich: Das Auswahljahr

Jeder, der den französischen baccalauréat oder einen vergleichbaren ausländischen Schulabschluss (zum Beispiel das Abitur) hat, kann sich in Frankreich für das erste Jahr des Medizinstudiums einschreiben, unabhängig von den Schulnoten. Das Auswahljahr PACES, kurz für première année commune aux études de santé, wird gemeinsam mit Pharmazeuten, Geburtshelfern und Zahnmedizinern absolviert. Anders als in Österreich, wo sich jeder allein auf den Medizinertest vorbereiten muss, lernen in Frankreich alle unter den gleichen Bedingungen an der Universität in Vorlesungen und Kursen für die entscheidenden Prüfungen am Semesterende. Der Druck und die Konkurrenz unter den Studenten sind allerdings sehr groß. Viele verbringen während des ersten Jahres jede freie Minute in der Uni, um mit dem Stoff in Chemie, Biologie, Embryologie und Histologie mitzukommen. Nach dem ersten Semester finden die ersten Prüfungen statt. Die Studenten mit den schlechtesten Ergebnissen, um die 15 Prozent, müssen dann bereits gehen.

Diejenigen, die es geschafft haben, wählen im zweiten Semester ihr Fachgebiet: Pharmazie, Medizin, Zahnchirurgie oder Geburtshilfe. Am Ende des zweiten Semesters steht wieder eine harte Prüfung an. Nur ein Bruchteil der Studenten schafft es ins zweite Jahr, 2016 im Durchschnitt gerade mal jeder Fünfte. Wer die Prüfungen nicht besteht, darf das erste Jahr einmal wiederholen. Nach dem zweiten Versuch gibt es keine Chance mehr.

Natürlich ist jedem bewusst, dass PACES sehr viel Arbeit bedeutet. Es wird gesagt, dass man mindestens zwölf Stunden am Tag lernen soll. Ich kann mich trotzdem an nichts erinnern, was ich in den ersten Semestern gelernt habe. Der ganze Stoff ist kaum zu schaffen. Es kommt nur sehr selten vor, dass jemand die Prüfung schon beim ersten Versuch besteht. Das Ziel ist immer, der oder die Beste zu sein. Durch diese Konkurrenz entsteht eine unglaublich stressige Atmosphäre, die sich bis in hohe Semester und sogar unter den Ärzten im Krankenhausalltag fortführt. (Apolline, 19, studierte ein Jahr Medizin in Frankreich und hat jetzt einen Studienplatz für Humanmedizin an der Charité Berlin)