Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Der Numerus clausus für Medizin ist in Teilen verfassungswidrig. Wir beantworten die neun wichtigsten Fragen zum Urteil.

1. Was hat das Bundesverfassungsgericht entschieden?

Das bisherige Verfahren, nach dem die Studienplätze für Medizin vergeben werden, ist mit dem Grundgesetz in Teilen unvereinbar. Um das zu ändern, muss die Politik fünf Dinge ändern. Erstens: Die Abiturnote hat im Auswahlverfahren zu viel Gewicht, da es kein bundeseinheitliches Abitur gibt. Eine 1,0 aus Thüringen ist weniger wert als eine 1,0 aus Bayern, weil das bayerische Abitur schwerer ist. Es muss also ein Ausgleichsmechanismus geschaffen werden, um die Abiturnoten vergleichbar zu machen. Zweitens: Die Ortswahl darf bei der Studienbewerbung nicht wichtiger sein als die Abiturnote. Aktuell kann es sein, dass eine Studentin, die ein Abitur von 1,1 hat, keinen Studienplatz bekommt, weil sie als Ortspräferenz Berlin eingetragen hat, wo der NC bei 1,0 liegt. Woanders hätte sie aber vielleicht einen Platz bekommen. Drittens: Die Universitäten müssen verpflichtet werden, mindestens ein weiteres Auswahlkriterium, das unabhängig von der Schulnote ist, zum Teil des Auswahlverfahrens zu machen. Viertens: Die Wartedauer, über die 20 Prozent der Studienplätze vergeben werden, muss nach oben begrenzt werden. Sie soll maximal vier Jahre, also acht Semester betragen. Fünftens: Die Auswahlverfahren der Hochschulen müssen bundesweit standardisiert und strukturiert werden.

2. Was bedeutet die Entscheidung für die Unis und ihre jetzigen Verfahren?

Sie werden vom Gesetzgeber stärker vorgeschrieben bekommen, wie sie ihre Bewerber auszuwählen haben. 60 Prozent der verfügbaren Plätze dürfen die Unis bisher nach eigenen Kriterien vergeben. Für die meisten ist die Abiturnote das wichtigste Kriterium. Die Bedeutung der Abiturnote wird durch die Entscheidung sehr wahrscheinlich abnehmen. Stattdessen werden andere Auswahlkriterien wichtiger werden: Bei einigen Unis gibt es Rollenspiele, in denen die Bewerber zeigen müssen, dass sie empathisch mit Patienten umgehen können. Andere führen Interviews mit den Bewerbern oder führen eigene Tests durch, die naturwissenschaftliches Wissen abfragen. Das wird auch weiterhin möglich sein, aber nur, wenn sie den Anforderungen der Standards entsprechen, die die Politik jetzt auf Bundes- und Länderebene festsetzen muss. Außerdem muss die Politik den Unis vorschreiben, mindestens ein nicht schulnotenbasiertes Auswahlkriterium zu schaffen. 

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, begrüßte die Entscheidung und sagte: "Die Gesetzgeber auf Landesebene sind nun gefordert, bis zum 31. Dezember 2019 verfassungsgemäße Regelungen zu treffen. Ihrer gestiegenen demokratischen Legitimationspflicht für die Auswahlverfahren müssen sie sich mit aller Sorgfalt und unter Einbeziehung der Expertise aus den Hochschulen stellen. Die Hochschulrektorenkonferenz wird sich in diesen Prozess aktiv einbringen."

3. Kann jetzt jeder Medizin studieren, der möchte?

Nein. Medizin wird weiterhin zulassungsbeschränkt sein. Die Verfassungsrichter haben lediglich entschieden, dass der derzeitige Vergabeschlüssel für Medizin verfassungswidrig ist, nicht die Zulassungsbeschränkung an sich. Sie geben damit der Politik den Auftrag, neue Kriterien für die Studienplatzvergabe auszuarbeiten. Das Problem des großen Andrangs auf wenige Medizinstudienplätze bleibt. Im Wintersemester 2017/18 gab es 43.184 Bewerber auf gerade einmal 9.176 Plätze. Ohne Zulassungsbeschränkung geht es also nicht, das bisherige Auswahlverfahren muss nun nur durch ein anderes ersetzt werden.

Bundesverfassungsgericht
Eine Chance für die Medizin
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass das Zulassungsverfahren für das Medizinstudium in Teilen unzulässig ist. Eine Chance für mehr Diversität, sagt unser Autor Jakob Simmank im Videokommentar.