Sex, weil sie Lust darauf hatten? Nicht immer. Drei Frauen erzählen, was sie davon abgehalten hat, Nein zu sagen.

Sex aus Angst, den Partner zu enttäuschen, als verklemmt dazustehen, oder ganz einfach, weil die Energie fehlt, wieder und wieder Nein zu sagen: Viele Menschen kennen Situationen, in denen sie aus allen möglichen Gründen mit jemandem geschlafen haben, außer aus dem einen wirklich guten, nämlich: Lust darauf. In diesen Situationen scheint Sex mehr mit angelernten Genderrollen als mit Lust zu tun zu haben und mehr mit emotionalem Druck als mit Respekt und Konsens.

Was läuft falsch in der Art und Weise, wie Sex in unserer Gesellschaft verhandelt wird? Welche Strukturen stehen uns dabei im Weg, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören, sie selbstbewusst zu äußern und sie beim Gegenüber wahrzunehmen und zu respektieren? Klar ist, dass sie alle Geschlechter betreffen – jedoch tun sie das auf sehr unterschiedliche Weise. Drei Frauen berichten davon, wie schwierig es sein kann, Nein zu sagen, für ein Nein Gehör zu finden und von dem Punkt, an dem sie gelernt haben, mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten.

Welche Unsicherheiten Männer beim Sex umtreiben, ist fundamental damit verwoben – wir widmen diesem Thema in Kürze einen zweiten Text.

"Ich habe immer gelernt, zu gefallen"

Lara, 27

Ich bin mit Anfang 20 in viele blöde Situationen geraten. Einmal zum Beispiel wollte ich nur etwas bei einem Typen abholen, mit dem ich vorher mal was hatte. Dann haben wir wieder miteinander geschlafen, obwohl ich eigentlich gar keine Lust hatte. Ich wollte die ganze Zeit nur, dass es vorbei ist, ich konnte aber nicht Nein sagen. Es kam einfach nicht raus, ich konnte es nicht artikulieren. Ich habe gedacht: Wie sag' ich es, dass ich es nicht mehr will? Was, wenn er mich fragt, warum, was soll ich dann antworten? Wie ehrlich kann ich sein?

Ein anderes Mal habe ich nach längerer Zeit wieder mit meinen Ex-Freund geschlafen. Irgendwann habe ich gemerkt, ich will das gar nicht. Es war wie etwas Mechanisches, das nichts mit Respekt und Wertschätzung zu tun hatte. Ich habe mich überhaupt nicht von ihm gesehen gefühlt, als sei es ihm scheißegal, wer da gerade liegt. Ich habe gesagt: "Ich kann nicht mehr." Und er meinte: "Bei mir wird nicht aufgehört." Dieser Satz hat sich tief eingebrannt.

Nach einer Weile hat er dann doch aufgehört und war genervt von mir, weil er nicht gekommen war, wollte, dass ich ihn befriedige. Das habe ich dann auch gemacht, aus schlechtem Gewissem. Ich habe versucht, noch irgendwie Zuneigung von ihm zu bekommen, damit es sich nicht ganz so schlimm anfühlt. Aber dabei habe ich mich natürlich auch wieder total erniedrigt gefühlt.

"Ich will ja eigentlich die Coole, Lässige sein."

Wenn ich zurückblicke, glaube ich, dass ich für meine persönliche Entwicklung viel zu früh Sex hatte. Ich dachte schon mit 16, als ich meinen ersten Freund hatte, ich müsste gut sein, irgendwas leisten, den Mann befriedigen, damit auf der Dorfschule nicht blöd über mich geredet wird. Es ging mir gar nicht um meine eigene Befriedigung. Wenn irgendetwas nicht so richtig funktionierte, habe ich mich nicht getraut, zu sagen, ich verstehe das nicht. Ich dachte einfach, ich mache etwas falsch. Daraus entstehen Unsicherheiten, und wenn man mit niemandem darüber reden kann, bleiben die.

Ich habe immer gelernt, zu gefallen. Wenn man sich kennenlernt, geben sich ja beide oft so cool und locker. Und wenn du dann Nein sagst, zersplittert plötzlich dieses ganze Gebilde. Du zeigst dabei auch so viel Schwäche. Ich denke dann, dass mich der andere nur als verklemmt und prüde in Erinnerung behält. Und ich will ja eigentlich die Coole, Lässige sein.

"Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich auch schon mal jemanden zum Sex überredet habe."
Lara

Ich wollte nie mit den ganzen Stereotypen von Frauen in Verbindung gebracht werden, bewusst oder unbewusst: hysterisch oder kompliziert sein, ein Drama machen. Ich hatte keinen Bock, diese ganzen Kommentare zu bekommen: "Bist du spießig oder so?" Dort, wo ich nach der Schule Work and Travel gemacht habe, ging es wirklich nur darum, Leute abzuschleppen und die Sau rauszulassen. Wenn man da als Frau nicht mitmachte, war man irgendwie nicht so lustig, verklemmt ...

Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich auch schon mal jemanden zum Sex überredet habe. Ich kannte nur Männer, die mit mir schlafen wollten. Ich dachte, ich müsste jetzt auch so sein, es machen alle so. Als mal einer meinte, "Nee, lass mal", dachte ich: "Hä? Was will der denn jetzt?" Das kam in meiner Welt nicht vor.

Mit Mitte 20 habe ich dann langsam verstanden, dass es beim Sex um andere Sachen geht. Sex ist keine Performance. Wir wachsen mit einem sehr starren Bild auf, was Sex bedeutet. Und das soll dann genauso auf mich zutreffen? Bei mir kam irgendwann der Moment, an dem ich feststellen musste, dass das eben nicht der Fall ist. Es war wichtig für mich herauszufinden, was ich eigentlich wirklich fühle und was ich wirklich will – und nicht immer zu denken, ich sollte jetzt dieses und jenes fühlen. Seitdem kann ich auch bestimmter Nein sagen und es ist mir dann auch egal, was die andere Person von mir denkt. Wenn ich jetzt merke, irgendwas fühlt sich gerade nicht richtig an, sage ich: "Warte mal kurz", horche kurz in mich hinein und sage dann zum Beispiel: "Ich fühle das jetzt gerade nicht."

Es war auch wichtig, mir meine eigenen Unsicherheiten einzugestehen. Mir einzugestehen, dass ich lange dachte, ich sei schon total emanzipiert, und es eigentlich gar nicht war. Mein jetziger Freund und ich reden sehr viel über Sex. Dadurch habe ich gemerkt, dass wir alle Unsicherheiten haben und dass das nicht so schlimm ist.

Als ich das erste Mal mit ihm nach Hause gegangen bin und wir uns geküsst haben, dachte ich, jetzt müssen wir automatisch auch miteinander schlafen. Bis er meinte: "Warum bist du denn so schnell? Ich wollte eigentlich nur mit dir kuscheln." Seitdem ist diese Option wieder für mich vorhanden. Auch dadurch fällt es mir jetzt leichter, Nein zu sagen.