Dreißig Minuten pro Bescherung, bis zu zwölf Mal am Tag: Für den Weihnachtsmann wird es erst besinnlich, wenn die Kinder die Geschenke auspacken – am besten ohne ihn.

Das anonyme Gehaltsprotokoll

Alter: 25
Position: Zertifizierter Weihnachtsmann
Gehalt: durchschnittlich 50 Euro pro Familie plus Plätzchen oder eine Flasche Schnaps

Eigentlich bin ich an die Uni gegangen, um Wirtschaftsingenieur zu werden, nach einem Semester war ich dann ausgebildeter Weihnachtsmann. Ein Freund hatte mich im ersten Semester auf das Weihnachtsbüro des Berliner Studentenwerks aufmerksam gemacht: Die vermitteln jedes Jahr am 24. Dezember studentische Weihnachtsmänner an Familien, Kitas, Vereine und Firmenfeiern.

Mir gefiel die Idee, Weihnachtsmann zu spielen: Ich mache seit vielen Jahren Improvisationstheater und komme aus Berlin, das heißt, ich bin auch an den Feiertagen in der Stadt. Also haben wir uns beide zum Vorbereitungstraining angemeldet. Man glaubt gar nicht, was so ein Weihnachtsmann alles können muss. An mehreren Wochenenden im November wurden wir ausgebildet: in Weihnachtsgeschichte, Weihnachtslieder singen, Weihnachtsgedichte aufsagen und Pädagogik. Was mache ich, wenn die Kinder Angst vor mir haben? Was, wenn sie meine Identität infrage stellen? Mir ist das erst einmal passiert. Da rief mir ein Kind entgegen: Dich gibt’s doch gar nicht! Dann habe ich gesagt: Aber du siehst doch, dass ich hier stehe. Es gibt so ein paar Tricks, die hat man schnell drauf.

"Ich frage explizit nach den Dingen, die gut gelaufen sind. An Heiligabend soll sich niemand schlecht fühlen."

Frauen haben es mit der Glaubwürdigkeit im Weihnachtsgeschäft noch ein bisschen schwerer: Sie durften jahrelang nur als Engel den Weihnachtsmann begleiten. Erst seit diesem Jahr gibt es auch Weihnachtsfrauen. Damit die Kinder nicht misstrauisch werden, müssen sie eine andere Geschichte erzählen: Wenn viel los ist und die Wunschzettel sehr lang, dann muss die Weihnachtsfrau beim Verteilen helfen. So wundern sich die Kinder nicht, wenn da eine Frau und kein bärtiger Mann steht – alles eine Frage des Narrativs.

Am Ende des Trainings haben wir ein Zeugnis bekommen: "zertifizierter Weihnachtsmann" steht darauf. Oder jetzt eben auch: "zertifizierte Weihnachtsfrau". Mittlerweile arbeite ich nicht mehr über das Studentenwerk, sondern privat, aber das Zeugnis habe ich immer noch. Auch wenn danach nie jemand fragt. Die Familien haben meine Handynummer und beauftragen mich jedes Jahr direkt.

Die Arbeit des Weihnachtsmanns fängt nicht erst am 24. Dezember an. In den Wochen davor telefoniere mit den Eltern. Ich frage nach den Namen der Kinder, dem Alter, welche Lieder sie singen möchten und nach ein paar persönlichen Geschichten für meines goldenes Buch. Manchmal sind die Eltern sehr kritisch und listen mir auf, was alles schlecht war im letzten Jahr: Er meckert immer am Essen rum, schreit die Mama an, muss  immer das letzte Wort haben. Ich frage dann explizit nach den Dingen, die gut gelaufen sind. An Heiligabend soll sich niemand schlecht fühlen.

"Wenn die Kinder ängstlich sind, habe ich ein paar goldene Taler in der Tasche. Das klingt nach einem billigen Trick, funktioniert aber."

Die meisten Eltern wünschen sich, dass ich so um 17 Uhr bei Ihnen bin. Das geht natürlich nicht. Wenn ich mehrere Familien schaffen will, muss ich schon um 14 Uhr, wenn es noch hell ist, anfangen. Um sicherzugehen, dass ich meinen Zeitplan auch wirklich einhalten kann, fahre ich die Route am Wochenende davor einmal ab und verteile leere Jutesäcke für Geschenke.

Mit Fahrt brauche ich pro Familie etwa eine halbe Stunde. In meinen ersten Jahren habe ich bis zu zwölf Familien am Tag besucht. Das sind dann sechs bis sieben Stunden, wenn alles glatt läuft. Da muss man schon gut planen. Wichtig ist zum Beispiel die Frage, wo der Sack mit den Geschenken versteckt wird. Manchmal liegt der im Kofferraum, bei den Nachbarn oder in der Garage. Wenn ich ihn nicht sofort finde, bekomme ich Zeitprobleme.

Sobald ich bei den Familien bin, will ich nicht gestresst wirken. Die richtige Stimmung zu schaffen, ist ganz wichtig. Bei manchen Familien läuft der Fernseher, bei anderen ist es bedrückend still. Beides ist nicht gut für die Bescherung. Meistens sag ich erst mal ein Gedicht auf oder erzähle eine Geschichte. Von drauß' vom Walde komme ich her ist so ein Klassiker. Wenn die Kinder ängstlich sind, habe ich ein paar goldene Taler in der Tasche. Das klingt nach einem billigen Trick, funktioniert aber. Sie vertrauen mir dann. Sobald die Stimmung lockerer ist, fordere ich sie auf, ein Lied mit mir zu singen. Besonders beliebt sind In der Weihnachtsbäckerei und O Tannenbaum.