Firmen verwöhnen ihre Mitarbeiter mit Gruppenreisen, Tenniskursen und gesundem Essen in der Kantine. Braucht man da noch einen Feierabend?

Der Pool in dem thailändischen Urlaubsresort war längst geschlossen, als nachts um fünf zwei Dutzend betrunkene Arbeitskollegen aus Deutschland ins Wasser sprangen. Triefend nass – erinnert man sich im Team heute gerne – schlurfte einer von ihnen danach in die Hotellobby und bestellte Burger für alle. Die Rechnung ließ er auf das Zimmer seines Chefs schreiben. Und der zahlte.

Einmal im Jahr lädt das Berliner Unternehmen Adjust seine 130 Mitarbeiter auf eine Reise ein. Christian Henschel, 41, ist einer der beiden Geschäftsführer der App-Analyse-Firma, die untersucht, wie Menschen Apps nutzen und an welchen Stellen sich Werbung ideal platzieren lässt. Sein Berliner Büro ist in einem schicken Loft mit großen Fenstern und hohen Decken. Henschel trägt schwarze Skinny-Jeans, schwarzes Sweatshirt, schwarze Vans. Die blonden Haare hat er zum Seitenscheitel frisiert. Schon im Gründungsjahr 2012 habe man eine Reise auf Firmenkosten spendiert, erzählt er: "Damals ging es mit noch 15 Leuten an die Ostsee." Es folgten Mexiko, Thailand und die Türkei, demnächst fliegt das Team in die Dominikanische Republik.

Früher war es das Privatvergnügen der Angestellten, inzwischen bieten Unternehmen Live-Cooking in der Kantine, Massagen oder eben Urlaub auf Firmenkosten an. Nur: Was hat ein kleines Unternehmen wie Adjust davon, einmal im Jahr den Laden dichtzumachen und für alle Mitarbeiter eine Reise zu buchen, die laut Henschel pro Kopf um die 2.000 Euro kostet? Und ist der Freizeitspaß am Arbeitsplatz in jedem Fall eine tolle Sache? Oder gibt es einen Haken?

Die gemeinsame Reise soll seine Leute belohnen, sagt Christian Henschel: "Ich möchte meinen Angestellten etwas bieten." Die Gratisreise ist ein Bonbon im Wettbewerb um die besten Leute. "Mit solchen Zusatzleistungen wollen die Firmen ihre Attraktivität erhöhen", sagt auch Stephan Fischer, der an der Hochschule Pforzheim Professor für Human Resources Management ist. "Wenn sich der Arbeitnehmer zwischen mehreren Angeboten entscheiden muss, zählen auch diese weiche Faktoren." Gerade Informatiker und Software-Entwickler, wie sie auch Christian Henschel sucht, sind rar. Bundesländern wie Hessen oder Bayern attestiert die Bundesagentur für Arbeit in einer Untersuchung sogar einen Fachkräftemangel.

Mit einer Reise nach Thailand kann Adjust neue Bewerber locken – und bereits eroberte Angestellte halten. Erfolgreich: In den vergangenen Jahren hat kaum jemand gekündigt oder wurde entlassen. Die Fluktuationsrate lag immer bei höchstens drei Prozent und somit weit unter dem Bundesdurchschnitt von 13 Prozent. "Wir sparen Kosten für Personalsuche und Einarbeitung", sagt Christian Henschel und rechnet vor: Für die Vermittlung eines IT-Spezialisten würde ein Headhunter zwischen 20.000 und 40.000 Euro verlangen. "Um vier neue Positionen zu besetzen, lägen die Kosten also bereits über 100.000 Euro." Die Einarbeitungszeit nicht eingerechnet. Dass Henschels Rechnung aufgeht, beweist sein Erfolg. 30 Millionen Euro Investorengelder hat das Unternehmen in den letzten fünf Jahren eingesammelt. Seit 2015 ist das junge Unternehmen profitabel. Weltweit wurden 14 Büros eröffnet. Neben Berlin etwa in Sydney, Peking und San Francisco. Die gemeinsame Fernreise bringe die Mitarbeiter aller Standorte näher zusammen, sagt Christian Henschel. Die "Firmen-DNA", wie er sie nennt, soll in allen Büros identisch sein. Gleichzeitig bedient das Unternehmen damit auch ein Bedürfnis vieler Arbeitnehmer: Kollegiale Arbeitsatmosphäre ist laut einer Studie des Internet-Jobportals Stepstone für Berufsanfänger besonders wichtig. Fragt man Adjust-Mitarbeiter, ob sie sich wohlfühlen, bekommt man werbereife Antworten: "Wir sind fast wie eine große Familie", schwärmt Niko Thielsch, der Vertriebschef bei Adjust Deutschland. "Da überlegt man sich dreimal, ob man hier wieder wegwill." Eine Viertelmillion Euro lässt das Unternehmen sich dieses Einheitsgefühl jährlich kosten.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/17.

Die siebentägige Reise bei Adjust wird nicht vom Jahresurlaub abgezogen und ist freiwillig. Klingt toll. Nur: Was, wenn man eine Familie versorgen muss? Eigentlich lieber wandert? Nicht neben dem Chef am Pool liegen möchte? Fährt man trotzdem mit – und stellt private Interessen zurück –, um nicht der Einzige zu sein, der bei dem Team-Event fehlt, von dem die nächsten Monate jeder spricht?

Reisen sind nicht alles, was sich die Personalabteilungen in den Unternehmen überlegt haben, um die besten Leute von sich zu überzeugen: Bei Airbnb dürfen Angestellte pro Jahr für bis zu 1.800 Euro Airbnb-Wohnungen beziehen. Ein BMW-Mitarbeiter, der heiratet, kann umsonst eine Hochzeitslimousine ausleihen. Google bietet neben Gratis-Mittagessen und Spielezimmern auch eine Art Hinterbliebenenrente: Stirbt ein Mitarbeiter, zahlt das Unternehmen zehn Jahre lang 50 Prozent von dessen Gehalt an die Hinterbliebenen weiter.