Sie könnten Krankheiten erforschen und Patienten behandeln. Doch drei Mediziner gründen lieber eine Softwarefirma und helfen so Tausenden Medizinstudenten beim Examen.

Sievert Weiss sitzt mit übergeschlagenen Beinen auf dem Klodeckel. Madjid Salimi hockt in Bluejeans auf dem Bidet, und Kenan Hasan lehnt am Badewannenrand. Es ist ein Donnerstag Ende Oktober in Berlin-Kreuzberg. Die drei Gründer treffen sich zur Besprechung im Badezimmer einer Altbauwohnung. Alle anderen elf Büroräume, die sie hier auf drei Etagen mieten, sind belegt. Sievert, Madjid und Kenan, alle Mitte 30, haben Medizin studiert. Doch sie behandeln keine Patienten oder erforschen Mäusehirne, sie haben das Softwareunternehmen Miamed gegründet. Mit ihrer Idee, einer Lern-App, helfen sie den über 80.000 Medizinstudenten in Deutschland bei der Examensvorbereitung. Damit revolutionieren sie das Lernen an den Medizinfakultäten. Wie haben sie es geschafft, aus dem gefürchteten Examen ein Geschäftsmodell zu machen?

In dem Berliner Bad riecht es feucht. Man merkt, dass es vor Kurzem noch als Bad genutzt wurde. "Nächste Woche ziehen wir um", sagt Kenan. Er ist der kleinste der drei Männer, trägt Bart und hat eine ruhige Stimme, wenn er übers Geschäft spricht. Madjid wippt mit dem Turnschuh auf den schwarzen Badezimmerkacheln und wirkt wie ein Start-up-Gründer aus der Vox-Sendung Höhle der Löwen. Er, der Technikbegeisterte, hat die anderen beiden davon überzeugt, ein Programm zu entwickeln, das die Probleme vieler Studenten löst. Er sagt: "Man muss heute zum Lernen nicht mehr in Bibliotheken sitzen und Bücher wälzen. Das geht digital viel besser."

Mittlerweile haben die drei Gründer hundert Mitarbeiter. Die Arbeitsteilung sieht so aus: Ärzte und Naturwissenschaftler schreiben digitale Lernkarten zu Symptomen, Ursachen und Therapien von Krankheiten. Designer zeichnen dazu Diagramme, Muskeln und Herzklappen. Programmierer verknüpfen sie mit allen alten Prüfungsfragen, die in den vergangenen zehn Jahren in den medizinischen Staatsexamen in Deutschland geprüft wurden. Amboss heißt das Programm, mit dem man sich auf dem Handy oder dem Computer einfach immer weiterklickt, bis man alles kann.

Lernprogramme auf CD gab es zwar schon vorher. Aber mit Amboss setzt man nicht nur Kreuzchen hinter die richtige Antwort und erhält die Auflösung. Studenten können mit dem Programm auch nachlesen, wie sich das denn genau mit dem Herzen und den Kranzgefäßen verhält. Amboss ist Abfrageassistent und Nachschlagewerk in einem.

Die Idee klingt simpel, doch kurz vor der Gründung stand das Unternehmen vor dem Aus. Niemand glaubte daran, dass die Welt auf genau solch eine App gewartet hatte. Den Gründern fehlte das Geld. Das Risiko war groß: Warum soll man nach dem anstrengenden Medizinstudium den Arztberuf einfach aufgeben und ein Unternehmen gründen?

Schließlich war der Weg für Sievert und Kenan eigentlich schon vorgezeichnet. Die beiden kennen sich aus der Schulzeit. Über seine Pläne schrieb Sievert 2003 ins Abi-Buch des Wilhelm-Gymnasiums in Braunschweig: "mit Kenan ’ne Praxis aufmachen". Kenan wird im Abi-Buch als "Dr. med." gehandelt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/17.

Nach dem Abi ziehen sie nach Göttingen, um Medizin zu studieren. Sie suchen sich nur deshalb verschiedene Wohnungen, um auch noch andere Leute zu sehen. Madjid lernen sie in der Schlange bei der Essensausgabe der Mensa kennen. Ein Zufall, der später dazu führen wird, dass sie ihre Berufspläne verwerfen.

Madjid wollte zunächst Pilot werden oder Filmregisseur, doch gründete dann erst mal eine Softwarefirma. Die ging pleite, als die Internetblase platzte. Daraufhin bewarb er sich fürs Medizinstudium und bekam im Nachrückverfahren in Göttingen einen Platz.

"Ich wusste gar nicht, wo Göttingen liegt", sagt Madjid. In den ersten Semestern jobbt er nebenbei als Flugbegleiter. Er bezeichnet sich selbst als faul, mit dem Lernen fange er immer zu spät an. Bücherlesen findet er langweilig. Dennoch ist er ein guter Student. Abends zieht er mit Kenan und Sievert um die Häuser. Nach dem Physikum geht er jedoch nach Hamburg. Der Kontakt bricht ab.

© Patrick Desbrosses für ZEIT Campus

Kenan und Sievert wohnen mittlerweile dann doch zusammen. Die WG wird zur Lerngemeinschaft. Bei der Vorbereitung für das zweite Staatsexamen orientieren sie sich wie die meisten Prüflinge an einem 100-Tage-Lernplan: lesen, auswendig lernen, Altfragen bearbeiten. Nach der Hälfte der Zeit fragen sie sich, was Madjid wohl macht. Sie erreichen ihn auf dem Handy bei seinen Eltern in Köln, er ist gerade aus dem Frankreich-Urlaub zurück gekommen und denkt noch nicht ans Lernen. Kenan und Sievert fahren nach Köln, und nach einigem Hin und Her fragt Madjid, ob er mit nach Göttingen könne. Sievert und Kenan willigen ein. "Wir dachten, sonst packt er das nicht", sagt Sievert, der von nun an sein Zimmer mit Madjid teilt. Morgens kreuzt jeder für sich Übungsbögen an, nachmittags besprechen sie, was unklar ist. Dann noch mal auswendig lernen bis Mitternacht.

Die größten Hürden im Medizinstudium sind die drei Staatsexamen. Im Physikum gibt es Fragen zu Physik, Chemie, Biochemie, Molekularbiologie, Biologie, Physiologie, Anatomie und Psychologie. Für das zweite Staatsexamen müssen die Studenten die wichtigsten Krankheitsbilder, Symptome und Befunde draufhaben. Viele der 320 Multiple-Choice-Fragen in der Prüfung sind als konkrete Fälle formuliert: Man muss etwa entscheiden, welche von fünf möglichen Diagnosen am wenigsten infrage kommt, wenn ein sechs Monate alter Säugling mit zuckenden Gliedmaßen, bläulicher Haut und nach rechts verdrehten Augen in die Klinik eingeliefert wird. Im dritten Staatsexamen müssen angehende Ärzte Patienten untersuchen, Behandlungspläne erstellen und Prognosen aussprechen.

Die drei Freunde lernen sogar im Urlaub auf Mallorca. Ein verwackeltes Video aus der Zeit zeigt, wie Sievert rücklings auf einem Stuhl sitzt, die Beine im roten Schlafsack über die Lehne gehängt. Rundherum liegen Bücher, Decken, Geschirr, Klamotten. Kenan stellt eine Prüfungsfrage, genau hört man sie nicht, es geht um den Abbau von Fettsäuren. Sie diskutieren ein bisschen. Plötzlich hält Kenan Sievert das Buch unter die Nase, zeigt auf die Lösung und ruft: "Pass auf, hier steht’s!"