Die "Born Free"-Generation soll in Südafrika alle Chancen haben. Das Gegenteil ist der Fall. Kann sie den Kampf gegen die Ungleichheit gewinnen?

Der Geruch von Tränengas lag in der Luft, als ich im September über den Campus der Rhodes University in Grahamstown ging. In der Nacht zuvor hatte es Ausschreitungen zwischen einigen Studenten und Polizisten gegeben. Glas lag auf dem Boden, und Polizeiautos fuhren herum. Ich ging dorthin, wo sich die anderen Studenten versammelten. Wir demonstrierten für die Abschaffung von Studiengebühren. Die Polizei schoss mit Gummigeschossen auf uns. Auf einmal rannten alle in verschiedene Richtungen. Mein Freund packte mich am Ellbogen und schrie: "Lauf!" Wir rannten, bis wir weit genug entfernt waren. Dann sah ich, dass ein Freund eine tiefe Schnittwunde am Bein hatte. Ein anderer hatte eine verletzte Hand. Wir fuhren in meine Wohnung in der Nähe und verarzteten beide. In diesem Moment wurde mir klar, dass wir auf dem Campus nicht mehr nur für freie Bildung kämpfen, sondern um unser Leben.

Ich bin 25. Meine Freunde und ich gehören zur ersten Generation, die nach dem Ende der Apartheid vor 22 Jahren in Südafrika aufgewachsen ist. Wir sind die sogenannte "Born Free"-Generation. Eigentlich sollten wir von der neuen demokratischen Ordnung in unserem Land profitieren, und unsere Hautfarbe sollte nicht mehr darüber entscheiden, welche Chancen wir im Leben haben. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wie unsere Eltern und Großeltern müssen wir gegen Rassismus und Ungerechtigkeit kämpfen. Statt freien Zugang zur Bildung an den Universitäten zu ermöglichen, will die Regierung die Studiengebühren im kommenden Semester sogar erhöhen. Deshalb sind wir wütend und protestieren seit mehreren Wochen unter #FeesMustFall an vielen Universitäten und vor dem Parlament in Kapstadt. Auch heute ist es für ein schwarzes Kind viel schwieriger als für ein weißes, eine gute Ausbildung zu bekommen. Mir gefällt das Wort "Born Free"-Generation deshalb auch nicht. Denn unsere Freiheit ist nur oberflächlich.

In den Augen der Welt galt Südafrika in den vergangenen Jahren als Vorzeigeland des Kontinents. Die Wirtschaft wuchs, Menschen jeder Hautfarbe sollten friedlich miteinander leben. Das war die Idee der Regenbogen-Nation des ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas Nelson Mandela. Doch von den Problemen des Landes bekam die Öffentlichkeit wenig mit: Das südafrikanische Bildungssystem ist europäisch und für viele Studenten unbezahlbar. Laut einer Statistik leben über die Hälfte der knapp 54 Millionen Einwohner Südafrikas unterhalb der nationalen Armutsgrenze von 1,90 Dollar am Tag und mehr als 90 Prozent der Schwarzen in Armut. Ein Studium, das im Jahr zwischen 3.000 und 4.000 Dollar kostet, können sich viele nicht leisten. Deshalb besuchen auch nur 17 Prozent der Schwarzen eine Uni, aber fast 50 Prozent der Weißen. Außerdem umfassen die Lehrpläne kaum afrikanische Geschichte und Literatur. Wir lernen hauptsächlich Stoff von europäischen und amerikanischen Gelehrten. Afrikanische Intellektuelle werden in Seminaren nur am Rande erwähnt. Das muss sich ändern.

Die aktuellen Studentenproteste erinnern manche an die Proteste von 1976, die schließlich nach vielen Jahren das Apartheidregime zu Fall brachten. Damals gingen schwarze Studenten nicht nur gegen ein rassistisches Bildungssystem auf die Straßen, sondern auch gegen die Politik, die Weiße und Schwarze trennte.

Wir führen also heute den Kampf unserer Eltern weiter: Meine Mutter war in den 1980er Jahren Aktivistin des Afrikanischen Nationalkongresses, der Partei von Mandela. Zu dieser Zeit erreichte die Brutalität des Apartheidregimes gegen Schwarze ihren Höhepunkt. Meine Mutter wurde wegen ihrer politischen Aktivitäten von der Polizei verfolgt. Deshalb lebte sie in der Township Alexandra in Johannesburg, in der die Hütten so nah beieinanderlagen, dass die Polizei sie dort nicht finden konnte. Auch andere Aktivisten lebten in der Gegend.

Die Generation meiner Mutter begehrte gegen das Regime auf und konnte es abschaffen. Doch heute profitiert meine Mutter selbst nicht von der neuen Politik: Seit vielen Jahren ist sie arbeitslos und bekommt keine finanzielle Unterstützung. Ich muss ihr regelmäßig Geld schicken, damit sie Lebensmittel kaufen kann.

Natürlich hat sich Südafrika seit dem Ende der Apartheid verändert, und wir haben Möglichkeiten, von denen meine Mutter nur träumte. Im Jahr 1990, ein Jahr bevor ich geboren wurde, kam Nelson Mandela nach 27 Jahren aus dem Gefängnis frei. Vier Jahre später fanden die ersten demokratischen Wahlen statt, und die Politik der Rassentrennung endete. Wir haben heute Zugang zu Institutionen wie den Universitäten und können uns überall frei bewegen.