Eine Sturmflut zerstörte 2016 das bayerische Simbach. Der Schaden geht in Milliardenhöhe. Dieser 30-Jährige will den Ort jetzt wieder aufbauen.

Am Abend des 1. Juni 2016, als der Regen endlich aufgehört hat, zieht Horst Huber seine Gummistiefel an, steckt sein Handy in den Rucksack und schließt die Bürotür zu. Je weiter er die Straße in Richtung Simbach runterläuft, desto mehr fragt er sich, in welchen Katastrophenfilm er geraten ist. Der Bach, der seiner Heimatstadt den Namen gibt, war im Unwetter der letzten Stunden nicht wiederzuerkennen: Von einem halben Meter ist seine Wasserhöhe durch heftigen Regen auf mehr als fünf Meter gestiegen, er hat sich oberhalb der Stadt an einem verstopften Rohr gestaut, eine Straße gesprengt und dann die Einkaufsstraße der niederbayerischen Kleinstadt geflutet.

Die Wassermassen und mitgerissene Baumstämme verwüsten Tausende Häuser, 500 davon so heftig, dass sie nicht mehr saniert werden können. Fünf Simbacher sterben an diesem Tag: Im Keller eines Hauses am Bach ertrinken eine Frau, ihre Mutter und die Großmutter, zwei weitere Rentner können sich nicht rechtzeitig retten, als die Flut kommt.

Horst Huber ist 30 Jahre alt und in Simbach aufgewachsen. Seit 2013 leitet er eine Filiale des Versicherungskonzerns Allianz. Am Abend dieses verheerenden Tages ist er unterwegs, um sich ein Bild zu machen. Er beruhigt Kunden und Freunde, schippt Schlamm und schläft danach auf dem Sofa, weil evakuierte Freunde in seinem Bett übernachten. Huber wird in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten wenig schlafen und seinen Urlaub streichen müssen. Dafür aber hat er das Gefühl, helfen und beruhigen zu können, wichtig zu sein beim Wiederaufbau seiner Heimat. Das Hochwasser verändert sein Leben. Doch nicht nur das: Solche Katastrophen zwingen die gesamte Versicherungsbranche zum Umdenken.

Schwere Erdbeben in Japan, Ecuador und Italien, Hurrikans in den USA und Dürren in Ostafrika verursachten 2016 Schäden von 168 Milliarden Euro, ein knappes Drittel davon mussten Versicherungen ersetzen. Auch in Deutschland zerstörten in den letzten Jahren Winterstürme, Hagelzüge und Sturmfluten ganze Landstriche. Vieles davon hängt mit dem Klimawandel zusammen: Aus den erwärmten Weltmeeren verdunstet immer mehr Wasser in die Atmosphäre, die ihrerseits mehr Wasser aufnehmen kann, weil sie ebenfalls wärmer geworden ist. Mehr Wasserdampf setzt mehr Energie frei. Das treibt Gewitter und Regen an, die immer häufiger und heftiger werden. Wie in Simbach, wo in wenigen Stunden 175 Liter Regen pro Quadratmeter niederprasselten – ab 35 Litern in sechs Stunden sprechen Meteorologen von einem Unwetter. Der Landrat schätzte den Schaden auf mehr als eine Milliarde Euro.

In Simbach plätschert neun Monate nach der Flut der Bach grün und klar dahin, als wäre nie etwas gewesen. Meterhohe Steindämme sichern an beiden Seiten das Ufer des Flusses. In der Stadt riecht es nach Schutt und Farbe, Staub brennt in den Augen. Simbach ist ein einziges Bohren und Schippen. Manche Häuser stehen verlassen. Mit blauer Farbe ist "Gesperrt!" oder "Lebensgefahr!" an die Fassaden gesprüht. Viele Gebäude sind noch unverputzt, doch der Plattenladen oder das Matratzengeschäft, in dem das Wasser damals wie in einem Aquarium stand, haben schon wieder geöffnet.

Auf den ersten Blick fließt der Simbach heute so ruhig, als wäre nie was gewesen. © Daniel Delang

Horst Huber, bubenhaftes Gesicht, Jeans, kariertes Hemd und Sakko mit bunten Manschettenknöpfen, führt durch die Gartenstraße. Hier stand das Wasser in jedem Haus meterhoch. Viele Gebäude müssen abgerissen werden, weil das Öl ihrer alten Heizungen in die Wände gelaufen ist. Jedes dritte bis vierte Haus steht heute leer. Aus den anderen wird gegrüßt: Jeder kennt den "Horsti", wie sie ihn nennen. Huber habe bereits als Zehnjähriger gewusst, dass er mal den Beruf seines Vaters erlernen wollte – auch der war schon Versicherungsvertreter in Simbach.

Am Tag nach der Katastrophe telefoniert Huber mit der Schadensabteilung der Allianz. Die schickt ein Dutzend Mitarbeiter aus ganz Bayern nach Simbach. Die Experten sollen klären, ob, welche und wie schnell die Schäden von Hubers Kunden übernommen werden können. Denn die Versicherungen helfen nicht jedem. Geld bekommt nur, wer im Vorfeld zusätzlich zur Wohngebäude- und Hausratversicherung einen sogenannten Elementarschutz abgeschlossen hat. Der kostet einige Hundert Euro mehr pro Jahr und versichert gegen Naturgefahren. Wer ihn nicht abgeschlossen hat, bleibt mit seinem Schaden allein.

Doch dann sieht man, dass er bei der letzten Flut eine Schneise der Zerstörung im Ort hinterlassen hat. © Daniel Delang

Horst Huber hat es nicht leicht nach der Katastrophe. Natürlich wolle er allen helfen, sagt er, seinen Nachbarn, Schulfreunden, alten Mitspielern vom Fußball. Doch er könne nur das zahlen, was im Vertrag stehe. "Ich versuche, den Kunden umfassend auf Gefahren hinzuweisen", sagt er. "Aber es liegt nicht in meiner Hand, ob er abschließt oder ablehnt."

Niemand konnte ahnen, dass es Simbach treffen würde. Die Gefahr für Gebäude durch Überschwemmungen und starken Regen stuft der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ein. Daraus wird berechnet, wie viel Hausbesitzer zahlen müssen, um sich zu versichern. Die meisten betroffenen Häuser in Simbach lagen in der niedrigsten Gefährdungsklasse. Statistisch ist dort ein Hochwasser seltener als alle 200 Jahre zu erwarten – einer der Gründe, warum nur etwa jeder vierte Simbacher den Zusatzschutz hatte. Wozu soll ich mich versichern, dachten viele, wenn nie was passiert ist und höchstens mal ein bisschen Wasser im Keller stand?

In Bayern sind nur 27 Prozent aller Hausbesitzer elementarversichert, zehn Prozent weniger als im Bundesschnitt. Deshalb mussten bei Katastrophen immer wieder Bund oder Länder für die Schäden aufkommen. Man kennt die Bilder: Politiker in Gummistiefeln werden eingeflogen und versprechen schnelle Hilfe. So war es auch in Simbach. Der Bund zahlte nichts, aber das Land Bayern übernahm bei Unversicherten 80 Prozent der Schäden. In Härtefällen bis zu 100 Prozent, zum Beispiel bei Geschäftsbesitzern, deren Existenz bedroht ist. Gut für die Simbacher, doch ein falscher Anreiz, meinen manche Verbraucherschützer: Wenn immer der Staat zahlt, versichert sich irgendwann niemand mehr.

(Aktualisierung: Die bayrische Staatsregierung hat inzwischen reagiert und beschlossen, dass ab Juli 2019 kein Schäden mehr ersetzt werden sollen, die versicherbar gewesen wären; Anm. d. Red.)