Sie wohnen zusammen, arbeiten zusammen und treiben zusammen Millionen ein: Zu Besuch bei den Gründern der App Jodel.

Alessio Borgmeyer, 26, CEO, Cap auf dem Kopf, drückt sein Handy ans Ohr. Entspannt sieht er nicht aus. Es ist kein normaler Tag im hellen Großraumbüro in Berlin-Mitte: In 48 Stunden endet die fünfte Finanzierungsphase in der Geschichte der Jodel Venture GmbH. Mit Hilfe von Jodel, der App, die Alessio Borgmeyer erfunden hat, können Nutzer Sprüche anonym im Internet posten. Jodel bekam erst die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen. Und dann die von Geldgebern. Doch jetzt gibt es Stress. Auf einem Skateboard kommt der 25-jährige Tim Schmitz angerollt, Borgmeyers Kumpel und Kollege. Schmitz ist bei Jodel der Mann für die Finanzen, treibt Geld von Investoren ein und macht die Abrechnungen. "Emergency-Call vom Anwalt", sagt Schmitz. Die Vertragsunterschriften der Investoren, die Jodel für die kommenden ein bis zwei Jahre finanzieren würden, waren schon so gut wie sicher – nun stellt sich ein Geldgeber quer.

Alessio Borgmeyer studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der Uni Aachen, als er die Idee für Jodel hatte. Menschen sollen mit seiner App im Umkreis von maximal zehn Kilometern miteinander kommunizieren können. Also von einer Seite des Campus zur anderen. Von einem Stadtteil zum anderen. So ähnlich, wie Bergsteiger sich von Gipfel zu Gipfel verständigen. Ein Posting bei Jodel – das können Fotos oder lustige Sprüche sein, Aufrufe und Beobachtungen, alles anonym.

Heute, fünf Jahre später, hat Borgmeyer für diese Idee längst sein Studium hingeschmissen. Er ist Chef von 28 Angestellten, und Jodel ist eine der populärsten deutschen Apps. Seit der Veröffentlichung der App vor zweieinhalb Jahren wurde sie millionenfach heruntergeladen. Weder über Geld, das in sein Start-up gepumpt wurde, noch über die genaue Zahl der Downloads will Alessio Borgmeyer sprechen. Aber es sind mehrere Millionen, sagt er, und damit genug, um aus Jodel eine Erfolgsgeschichte zu machen.

In Deutschland, so kalkuliert man beim Bundesverband Deutscher Start-ups, scheitert jedes zweite Start-up, und nur jedes zehnte wird richtig erfolgreich. Selbst unter diesen zehn Prozent aller Neugründungen ist Jodel ein Exot. Denn Jodel verdient kein Geld: Die Gehälter von Alessio Borgmeyer, Tim Schmitz und den anderen Mitarbeitern werden bisher nicht durch Werbeeinnahmen oder Nutzerbeiträge finanziert, sondern aus den Taschen der Investoren. Diese Geldgeber müssen daran glauben, dass sich ihr Investment irgendwann lohnt. Dass Jodel das nächste große Ding wird und an die Börse geht wie Snapchat oder für ein Vermögen aufgekauft wird wie Instagram, das für eine Milliarde US-Dollar von Facebook übernommen wurde.

"Für so ein Modell Investoren zu finden ist in Deutschland schwierig", sagt Tim Schmitz. Hier sei es viel leichter, Investoren von einem Start-up zu überzeugen, das online die Dienste von Putzkräften anbietet oder Möbel verkauft. In den USA dagegen sei die Annahme viel verbreiteter, dass auch ein Produkt wie Jodel über seine Reichweite irgendwann Geld verdienen kann. Siehe Facebook, siehe Twitter, siehe Instagram. Als Tim Schmitz sich um kurz vor sieben zwei halbe Liter Bier aus dem Kasten neben der Sofaecke fischt und das Büro verlässt, hängt Alessio noch immer am Telefon.

"Na, ihr kleinen Racker", schreibt jemand auf Jodel, als Alexander Linewitsch, 24, schwarz gekleidet von der Sohle bis zum Rucksack, fünf Kilometer vom Jodel-Büro entfernt in einem Bürokomplex seine Präsentation beginnt. In dem Raum mit blau beleuchteten Regalen und einem Plüschreh als Deko haben sich etwa 70 Gäste versammelt, um von Profis zu lernen, von Gründern und Mitarbeitern erfolgreicher Start-ups. Alexander Linewitsch ist bei Jodel Head of Product Development, entwickelt zum Beispiel neue App-Funktionen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/17.

"It needs to be sticky", sagt Linewitsch seinen Zuhörern. Im Kampf um den Erfolg einer App heiße die Währung Aufmerksamkeit. Ein Download sei wenig wert, wenn die App die Leute danach nicht fessele. Jodel-Nutzer verbringen im Schnitt 20 Minuten am Tag in der App, in Saudi-Arabien, wo Jodel seit März verfügbar ist, sogar 50 Minuten. Die User lesen durchschnittlich 30 Jodel-Postings am Tag inklusive der Kommentare. "Das ist heftig viel, wenn man bedenkt, wie wenig Zeit der Mensch am Tag zur Verfügung hat und wie viele Angebote darum konkurrieren", sagt Alessio Borgmeyer, der sich mit einer Stunde Verspätung in den Raum geschlichen hat. Für Investoren sind solche Daten gute Argumente. Denn wenn man erst die Aufmerksamkeit der Nutzer hat, dann findet man auch irgendwann einen Weg, damit Geld zu verdienen. Das ist zumindest die Wette derjenigen, die ihr Geld in Apps wie Jodel stecken.

Zum Erfolg von Jodel trug eine Größe bei, die sich nur schwer messen lässt: Freundschaft. Wie sich Alessio Borgmeyer, Tim Schmitz und Alexander Linewitsch kennengelernt haben, das hätten sich Serienschreiber einer Silicon-Valley-Soap nicht besser ausdenken können: Alexander Linewitsch, vor vier Jahren Student des Wirtschaftsingenieurwesens aus Aachen, stand in seinem Auslandssemester in Santa Barbara, Kalifornien, an der Strandpromenade, als ihn ein Wasserball traf. Auf dem Ball: ein Waschbär, das Firmenlogo von Jodel. Der Schütze: Alessio Borgmeyer. Den kannte Linewitsch zufälligerweise vom Fußballspielen aus Aachen. Borgmeyer hatte Tim Schmitz dabei, einen Finance-Studenten aus Mannheim, den er in San Diego aufgegabelt hatte.

Alessio Borgmeyer war damals auf großer Mission: Er hatte mit drei anderen Kumpels aus Aachen 30.000 Euro von Eltern und Freunden gesammelt, für tellM, die App, die er später in Jodel umbenennen sollte. "Eine Menge Kohle für ein paar Deppen mit einer Idee", sagt er heute. Einen Großteil davon steckten Borgmeyer und seine damaligen Partner in eine Werbetour durch Kalifornien. Der Gedanke: Wenn eine App in den Staaten Erfolg hat, wird das in Deutschland ein Klacks. Schließlich kommen alle erfolgreichen Apps und sozialen Netzwerke aus den USA.

Während die anderen in Deutschland an der App programmierten und Investoren suchten, kaufte Alessio Borgmeyer in Kalifornien ein Wohnmobil, ließ ein Soundsystem einbauen, bedruckte Wasserbälle, Schirmmützen und Feuerzeuge mit dem Firmen-Logo und fuhr in Amerika von Campus zu Campus. "Wir dachten, wir drehen die Musik auf und werfen ein paar Bälle, und dann läuft das mit den Downloads", sagt Borgmeyer. "Im Nachhinein war das wahnsinnig blauäugig. Zuerst muss man ein gutes Produkt bauen, dann kommt das Marketing. Nicht umgekehrt."

Die Studenten in Kalifornien mochten die Wasserbälle und die Schirmmützen, doch die App haben sie sich leider nicht runtergeladen. Noch bevor Borgmeyer zurück in Deutschland war, ging das Geld zur Neige. Seine Kollegen schmissen einer nach dem anderen hin. "Kacke war das", sagt Borgmeyer, "richtig kacke." Aber nicht das Ende.

Nachdem er einen Sommer lang in Berlin abgehangen hatte und nicht wusste, wie es weitergehen sollte, ermutigten ihn seine Eltern, dem Projekt noch eine Chance zu geben. Borgmeyers Vater hatte beruflich mehrere Jahre lang Reisen zu Sonnenfinsternissen organisiert: In der Familie Borgmeyer wusste man, dass man mit verrückten Ideen Geld verdienen kann. Und Alessio Borgmeyer war in der Lage, andere davon zu überzeugen. Geldgeber und auch seine Kumpels.

Wenn man so will, gehören Borgmeyers Freunde zu den ersten Großinvestoren. Sie steckten kein Geld in das Projekt, dafür aber ihre Zeit. Alexander Linewitsch bastelte nachts nach seinem Praktikum bei einem Berliner Investor "ehrenamtlich" an Design und Funktionen von Jodel. Niklas Henckell, 27, der ebenfalls in Aachen studiert hat, verteilte in deutschen Uni-Städten Jodel-Werbeflyer. Tim Schmitz probierte die App während seines Auslandssemesters an Kommilitonen in Australien aus. Anders als die anderen drei, die alle die Uni abbrachen, um bei Jodel einzusteigen, schloss Schmitz sein Finance-Studium ab, schlug für Jodel aber einen Job aus, bei dem er das Fünffache verdient hätte, sagt er.