Wie genau Alessio Borgmeyer es schaffte, die Jungs zum Mitmachen zu überreden, wissen sie selber nicht so genau. "Er hat uns auf jeden Fall verkauft, dass sich die Mitarbeit an so einem Start-up gut im Lebenslauf macht", sagt Alexander Linewitsch. "Und es fühlte sich einfach nie wie Arbeit an", sagt Tim Schmitz, "im Grunde ist es nichts anderes, als mit Freunden abzuhängen. Einen vernünftigen Job kann ich machen, wenn ich dreißig bin."

Als Jodel im Herbst 2014 online ging, brachte die erste Downloadwelle die Server zum Abstürzen. Tausende Menschen nutzten Jodel – zuerst in Aachen, dann in anderen Teilen Deutschlands, in Skandinavien, Frankreich, Spanien, Österreich, Italien und jetzt auch in Saudi-Arabien. "Ich glaube, Alessio dachte, wir laden eine App in den Store und werden Millionäre", sagt Tim Schmitz. "Aber so leicht war es dann doch nicht."

Den ersten Downloads folgte die erste Krise: Weil in Aachen pornografische Fotos über Jodel verschickt wurden, wurde die App eine Zeit lang aus dem App Store verbannt. Lösung: Erst schaute sich Community-Manager Niklas Henckell jedes Bild persönlich an und gab es frei. Inzwischen gibt es ein Meldesystem. Kurz darauf musste in der schwedischen Stadt Lund die Uni wegen einer Terrordrohung auf Jodel geschlossen werden. Lösung: Nutzerdaten werden seitdem an die Polizei weitergegeben, wenn die das verlangt. Wer die Anonymität von Jodel missbraucht, der verliert sie. Dazu kam das Problem, dass Investoren anfangs nicht auf E-Mails reagierten, geschweige denn Geld locker machen wollten. Lösung: Alessio Borgmeyer und Tim Schmitz schlichen sich in die Investoren-Lounge einer Start-up-Konferenz und stellten sich persönlich vor.

Seit zwei Jahren sehen Schmitz, Linewitsch und Henckell ihren Chef Alessio Borgmeyer jeden Morgen in Adiletten durch die gemeinsame WG schlurfen. Sie wohnen zusammen, fahren zusammen in den Urlaub, singen Karaoke, gehen feiern. So gehe der Spaß nicht verloren, sagen sie. Die Gründer-WG bedeutet aber auch, dass viel mehr Zeit da ist, um über das Geschäft zu reden, als in einer normalen 40-Stunden-Woche. Das ist auch Alessio Borgmeyer klar. Eigentlich, gibt er zu, könnte er seine Freunde freitags öfter mal früher in den Feierabend schicken. Es nicht zu tun bringt Jodel allerdings schneller vorwärts.

Für Borgmeyer und seine Freunde ist Jodel mehr als nur eine lustige App, auf der Leute Quatsch posten. Als Beweis dient etwa die Geschichte mit dem Obdachlosen. Sie geht so: Im April hat ein User auf Jodel um Hilfe für einen Mann gebeten, der auf der Straße lebt. Innerhalb weniger Minuten fanden sich in der Kommentarleiste unter dem Post Angebote aus der Nachbarschaft. Es meldeten sich ein Zahntechniker, der dem Obdachlosen neue Zähne bauen, und ein Zahnarzt, der sie ihm einsetzen wollte. Auf einem Online-Spendenkonto kamen mehr als 6.500 Euro zusammen. Man wird davon noch lange und gerne erzählen bei Jodel, denn die Geschichte verkörpert viel von dem, was Jodel aus Sicht der Macher sein soll: Eine App, die Menschen mit anderen in ihrer Umgebung verbindet und so die Welt ein wenig besser macht.

Wer sind die Investoren, die ihr Geld in eine Idee wie Jodel stecken? Einer der ersten war der Schweizer Cédric Waldburger. Der 29-Jährige hat mit 14 Jahren eine Werbeagentur gegründet, die es noch heute gibt. Bis Mitte zwanzig verdiente er mit mehreren Start-ups viel Geld. Vor drei Jahren legten er und ein Freund ihr Privatvermögen zusammen, insgesamt fünf Millionen Schweizer Franken, um sie in zehn Start-ups zu investieren. Eines davon ist Jodel.

"Ich finde die ersten 24 Monate einer Firma faszinierend", sagt Waldburger. "Wenn es darum geht: Wir hatten gestern in der Bar eine nette Idee, wie kommen wir von da zu einer Million? Einer Million User, einer Million Umsatz oder einer Million verschickter Produkte." Waldburger mochte die Vision von Jodel, sagt er, und fand die Jungs authentisch: Wie sie ihre Präsentation in Shorts und mit Cap hielten. Sich mit einem selbst erfundenen Jodel-Handshake – Klatscher, dann Schnips – begrüßten und zusammen Nudeln mit Pesto kochten. Cédric Waldburger investierte mehrere Hunderttausend Euro in Jodel, sagt er. Dafür bekam er etwa zehn Prozent der Anteile und Mitspracherecht. Wenn Alessio Borgmeyer zum Beispiel einen neuen Mitarbeiter einstellt, spricht auch Waldburger mit dem Kandidaten und gibt anschließend seine Einschätzung. Alle paar Wochen reden Waldburger und Borgmeyer über aktuelle Zahlen, brüten über Problemen, besprechen neue Unternehmensziele.

Waldburgers Investment bedeutet für Jodel Geld und Rat. Aber auch eine Verpflichtung. Denn egal wie gut die Gründer sich mit ihrem Investor verstehen: Irgendwann will er sein Geld zurück, am liebsten mit fettem Gewinn, denn sonst hat sich die Investition nicht gelohnt. Waldburger rechnet dafür mit einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren.

Etwa zwanzig Investoren haben inzwischen Anteile an Jodel. Dass die Gründer dadurch Macht abgeben und auch Anteile an zukünftigen Gewinnen, sei kein Problem, sagt Alexander Linewitsch: "Lieber besitze ich 0,1 Prozent von Facebook als 100 Prozent von einem Unternehmen, das nichts wert ist."

Wie stressig die Abhängigkeit von den Investoren ist, das ist trotzdem unübersehbar. Alessio Borgmeyer und seine Freunde setzten in den vergangenen Monaten alles daran, dass die Finanzierung nicht platzt: Investoren umgarnen, lange arbeiten. Auch heute kommen sie erst gegen Mitternacht in ihrer gemeinsamen WG an. "Kiste", schreibt jemand auf Jodel. Doch geschlafen wird noch nicht.

CEO und Mitbewohner Alessio Borgmeyer schlurft in seinen Adiletten durch den Wohnungsflur, das Smartphone wieder am Ohr. Zwei Tage später wird alles gut ausgehen: Er wird beim Notar sitzen, die Investoren werden den Vertrag unterschreiben, das Geld für die nächsten Jahre Jodel kommt. Doch vorher: ein letzter "Emergency-Call" mit dem Anwalt.