ZEIT Campus: Es gibt ein Selfie, das für hitzige politische Diskussionen gesorgt hat: das von Angela Merkel und Anas Modamani, der aus Syrien geflohen ist.

Ullrich: Ja, wobei nicht das Selfie selbst bekannt wurde, sondern ein Foto, das zeigt, wie er das Selfie knipst. Wir sehen eine alltägliche, vertraute Situation, die von Sympathie zeugt, denn man posiert nicht mit jedem Menschen für ein Selfie. Man macht das unter Freunden, mit einem Partner oder mit einem Prominenten. Ein Selfie ist freundschaftlich großzügig.

ZEIT Campus: Das wurde Angela Merkel von einigen Kritikern vorgeworfen.

Ullrich: Dieses Foto war ein Symbol für die Willkommenskultur und für das "Wir schaffen das". Es war ein Motivationsbild für diejenigen, die die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel unterstützten. Andererseits war es das Hassbild für die, die anderer Meinung sind. Dieses Foto hat den Streit über eine Obergrenze zwischen Horst Seehofer und Angela Merkel ausgelöst, und es hatte eine außenpolitische Funktion: Es hat auch viele ermutigt, die weite Reise nach Deutschland anzutreten. Einige Menschen sehen in dem Foto, dass es da einen Zielort gibt, an dem man willkommen ist. Dass ein einzelnes Foto bei seinen Betrachtern diese unterschiedlichen Emotionen auslöst, finde ich erstaunlich.

ZEIT Campus: Das Merkel-Selfie zeigt, dass man die Botschaft eines Fotos nicht mehr kontrollieren kann, wenn es viral geht.

Ullrich: Das stimmt, aber das betrifft alle Bilder, nicht nur Selfies. Ein anderes Beispiel dafür sind die Mohammed-Karikaturen. In einer dänischen Zeitung und einem französischen Satiremagazin waren sie unproblematisch, erst als sie in den muslimischen Kulturkreis gelangten, wurden sie als aggressiv empfunden. Durch die Veränderung des Kontexts kann ein Bild eine andere Aussage annehmen und andere Emotionen auslösen. In nicht zu ferner Zukunft wird man das Merkel-Foto bestimmt auf einer Ebene sehen mit den Bildern von Willi Brandts Kniefall in Warschau. Auch der war zu seiner Zeit sehr umstritten. Es war eine überraschende, starke, unerwartete Geste, die sich eingeprägt hat. Das gilt für dieses Merkel-Bild auch.

ZEIT Campus: Was ganz anderes: ein Selfie von Taylor Swift mit Kätzchen!

Ullrich: Taylor Swift ist ein Superstar, der zeigen möchte, dass er auch ein normales Leben hat. Sie hat auch ein Haustier, mit dem sie ein Selfie knipst, bei künstlichem Licht, nicht gut ausgeleuchtet, ein bisschen verpixelt. Das Bild hat Amateurstatus. Das soll signalisieren, dass man nur, weil man berühmt ist, nicht völlig abgehoben ist, sondern noch dieselben Bedürfnisse hat wie die Fans. Es soll eine emotionale Verbundenheit herstellen. Hier könnte man eher als bei Pamela Reif sagen, dass es um Authentizität geht.

ZEIT Campus: Warum die Katze?

Ullrich: Die ist einfach süß. Tiere funktionieren, weil sie Situationskomik in ein Bild bringen. Man zeigt sie oft, wenn sie Absurdes tun, wenn sie sich tollpatschig anstellen oder wenn sie ein lustiges Gesicht machen, so wie hier. Niedlichkeit oder cuteness ist eine der großen ästhetischen Empfindungen, die in unserer Kultur gepflegt werden. Ich wüsste keine Beispiele aus der Malerei des 15. oder 17. Jahrhunderts, wo es darum geht, Niedlichkeit zu erzeugen. Heute wird einfach gute Stimmung gemacht. Ein Star kann seine Fans emotional gut erreichen, indem er noch was Niedliches mit auf sein Selfie nimmt.

ZEIT Campus: Gute Stimmung machen: Erklärt das auch den Erfolg der Emojis?

Ullrich: Ja. Ich glaube sogar, dass die Ästhetik der Selfies stark von Emojis geprägt wurde. Durch den Erfolg der Emojis haben viele angefangen, diese Gesichtsausdrücke nachzumachen, also die Zunge rauszustrecken, zu zwinkern, eine Mimik, die vorher im Alltag nicht so präsent war. Wir wollen in unserer Kommunikation sicherstellen, dass unsere Botschaften unmissverständlich ankommen, deshalb ergeben sich solche Rituale.

"Man kann das Porträt von Beyoncé ikonografisch in die Kunstgeschichte einordnen."
Wolfgang Ullrich

ZEIT Campus: Das aktuell erfolgreichste Foto bei Instagram ist kein Selfie, sondern ein Porträt aus einem Fotostudio: das Bild von Beyoncé mit Babybauch und Schleier.

Ullrich: Reiche und Prominente können sich tolle Fotografen leisten. Awol Erizku, der Beyoncé fotografiert hat, ist in der Kunstszene kein Unbekannter. Man kann dieses Porträt ikonografisch in die Kunstgeschichte einordnen. Es erinnert an die Gemälde, die in den Werkstätten von Peter Paul Rubens und Jan Brueghel entstanden sind: Madonnen mit Blumenkranz, Mutter und Kind, die Blumen als Fruchtbarkeitssymbol. Das alles wird nicht direkt zitiert, aber es entsteht ein Assoziationsraum.

ZEIT Campus: Wenn sich Promis heute wieder so aufwendig inszenieren: Ist das Zeitalter des Selfies dann schon wieder vorbei?

Ullrich: Sicher nicht. Mit Selfies hat das gar nichts zu tun. Das Foto steht in der Tradition der klassischen Porträts, die Menschen aus der Oberschicht von sich anfertigen lassen: Man überlegt sich, zu welchem Maler oder Fotografen man geht und wie viel Geld man ausgibt. Instagram ist ein kompetitives Medium. Es geht darum, noch mehr Eindruck zu machen als die anderen, sich noch perfekter in Szene zu setzen. Das Erfolgskriterium ist die Zahl der Likes und der Kommentare. Das hat hier funktioniert. Das Foto wurde auch in vielen anderen Medien gezeigt.

ZEIT Campus: Wieso ist das Bild so erfolgreich, wenn es doch ganz anders ist als viele der Fotos, die wir jeden Tag auf Instagram sehen?

Ullrich: Gerade deshalb! Es steht im Kontrast mit den anderen Bildern, nicht nur auf Instagram insgesamt, sondern auch auf Beyoncés Account. Es zeigt, dass man etwas Wichtiges zu verkünden hat. Das Studioporträt ist ein Mittel der Aristokratie. Es ist nicht auf einen Nachahmungseffekt angelegt, es soll für sich stehen. Weil es so aufwendig und teuer ist, wird es das Selfie nicht ablösen. Wir werden noch viele Selfies sehen.