Politiker gelten in Serbien als korrupt. Ein Student tritt an, um sie zu verspotten. Dann wird er selbst gewählt. Kann er es besser?

"Serbien brennt!
Wir gehen alle auf die Straße!
Diesmal gibt es kein Zurück mehr,
keine Kapitulation!
Der Anführer ist geboren!"

(Songtext von "Beli, der Gewinner")

Für einen Moment legt der Anführer in der serbischen Kleinstadt Mladenovac den Verkehr lahm: Ein Autofahrer bleibt mitten auf der Hauptstraße stehen, hupt und kurbelt das Fenster runter. Er hat Luka Maksimović entdeckt, den 25 Jahre alten Studenten, der besser bekannt ist als Beli, der selbsternannte Retter Serbiens. Maksimović winkt dem Fahrer zu und ruft seinen Wahlslogan: "Samo jako!", was so viel bedeutet wie: "Hau rein!" Nur wenige Meter weiter kommen zwei Kinder angelaufen und wollen ein Selfie mit Maksimović machen. Dabei trägt er an diesem Nachmittag im April gar nicht den weißen Anzug, sein Markenzeichen. Doch seine Anhänger erkennen ihn auch in Trainingsjacke, Jeans und ausgelatschten Turnschuhen. "Ich hätte nie gedacht, dass unser Witz so viele Leute begeistern würde", sagt Luka Maksimović.

Privat trägt Luka Maksimović, der Erfinder von Beli, keine Anzüge, sondern lieber Trainingsjacken. © Sasa Colic

Wenn der Student Maksimović seinen weißen Anzug anzieht, dann verwandelt er sich in Beli, die Karikatur eines Politikers, der in seinen Wahlkampfvideos auf einem Schimmel reitet wie ein mittelalterlicher Herrscher, der Korruption legalisieren und Macht missbrauchen will. Schon sein kompletter Künstlername – Ljubiša Preletačević Beli – ist eine Provokation: "Ljubiša" ist ein gängiger Vorname, "Preletačević" heißt "Überläufer". Das ist eine Anspielung auf andere Politiker in Serbien, die von Partei zu Partei wechseln, nicht aus Überzeugung, sondern für mehr Macht oder Geld. "Beli" bedeutet "der Weiße", das soll an Tito erinnern, den kommunistischen Diktator von Jugoslawien, dem Staat, zu dem Serbien einst gehörte. Tito trug auch gerne weiße Anzüge.

Belis Wahlkampfvideos haben bis zu anderthalb Millionen Aufrufe bei YouTube – und das in einem Land, das nur sieben Millionen Einwohner hat. Der britische Sender BBC interviewte Beli, Zeitungen nannten ihn den "neuen Star der Präsidentschaftswahl". Maksimović und sein 30-köpfiges Team haben geschafft, womit fast niemand in Serbien rechnete: Im April 2016 wurde Beli als Parteiloser mit 20 Prozent der Stimmen in den Stadtrat von Mladenovac gewählt. Und im April 2017 landete er bei den Präsidentschaftswahlen auf dem dritten Platz. Das alles ohne Parteiprogramm, ohne viel Geld, ohne einflussreiche Freunde. Der Fake-Politiker Beli brachte die Menschen dazu, über Politik zu lachen, und erinnerte sie daran, wie mächtig eine Wählerstimme sein kann.

Luka Maksimović bereitet Espresso zu. Er steht hinter der Theke im Club 81, dem Café seines Vaters, das zum Zentrum der Beli-Bewegung wurde: Es ist Büro, Treffpunkt, Party-Zentrale. Drinnen sind die Wände vom Zigarettenrauch vergilbt, draußen bröckelt der Putz. Jahrzehntelang hat sich hier – wie auch sonst in der Stadt – kaum etwas verändert. Nun hängt neben dem Toiletteneingang eine neue Wanduhr mit Belis weiß-blauem Kopf, seinem Logo. Es soll an Ché Guevara erinnern.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/17.

"Wir sind angetreten, um den Politikern den Spiegel vorzuhalten", sagt Luka Maksimović, wenn man ihn fragt, wie aus dem Studenten ein Präsidentschaftskandidat wurde. 38 Tage lang machte er als Beli Wahlkampf: Er fuhr mit einer weißen Stretchlimousine vor der staatlichen Wahlkommission in Belgrad vor, hielt Reden in mehreren Städten. Seine Abschlusskundgebung war ein Theaterstück auf einem Fußballplatz in Mladenovac, Beli hatte die Hauptrolle. Hunderte reisten aus Belgrad und ganz Serbien an, nur um dabei zu sein. Ein Kumpel dichtete den David-Hasselhoff-Song True Survivor zu Beli, der Gewinner um, und die Leute flippten aus.

"Der Himmel hat ihn geschickt,
um alle Seelen zu retten.
Er ist die Zukunft und die Hoffnung für alle Leute
Samo jako! Samo jako!"

Dass Leuten zum Feiern zumute ist, wenn es um Politik geht, ist in Serbien eher untypisch. Denn das Land hat viele Probleme: Der EU-Beitritt, den Politiker seit fast zehn Jahren versprechen, kommt nicht voran. Fast jeder Fünfte zwischen 24 und 35 Jahren ist arbeitslos. Diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben, verdienen nicht viel: Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei 400 Euro. Und laut dem Korruptionsindex von Transparency International liegt Serbien auf Platz 72 – hinter Ruanda, Ghana und Burkina Faso. Deutschland liegt auf dem zehnten Platz. Politiker haben in Serbien einen schlechten Ruf: Sie würden sich nicht um die Interessen des Volkes kümmern, heißt es. Das denken auch die Bürger vieler anderer Länder. Aber in Serbien ist da vielleicht was dran.

In den neunziger Jahren zerfiel das kommunistische Jugoslawien in mehreren Kriegen, in denen auch gezielt Zivilisten angegriffen, vertrieben und getötet wurden. Slobodan Milošević, der erste Präsident Serbiens, wurde wegen seiner Beteiligung an diesen Kriegen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt. Die Vorwürfe: Er habe Kriegsverbrechen wie Folter, Plünderungen und Völkermord zu verantworten. Schuldig gesprochen wurde Milošević nicht: Vorher starb er, und das Verfahren wurde eingestellt. Aleksandar Vučić, der im April zum neuen Präsidenten Serbiens gewählt wurde, war Slobodan Miloševićs Informationsminister.

Luka Maksimović gehört der sogenannten vergessenen Generation an, die vor dem Krieg geboren wurde und ohne Perspektive aufgewachsen ist. "Entweder gehst du ins Ausland, oder du musst dich arrangieren", sagt er. Er begann einen Bachelor in Kommunikationswissenschaften in der Hauptstadt Belgrad. Während seines Masterstudiums musste er zurück zu seinen Eltern nach Mladenovac ziehen, weil ihm das Geld ausging. In seinen Semesterferien jobbte er als Fensterputzer. Er war unpolitisch, bis der Frust zu groß wurde.

Mit seinem Golf steht er vorm Rathaus in Mladenovac. © Sasa Colic

"Es ist ein himmlisches Zeichen!
Er zerstört Lügen
mit seinem flammenden Schwert,
er sprengt die Ketten!"

Luka Maksimović saß auf dem Sofa seiner Eltern als der Ministerpräsident Aleksandar Vučić im vergangenen Jahr im Fernsehen verkündete, dass er die Parlamentswahlen um zwei Jahre vorziehen und mit den Kommunalwahlen zusammenlegen wolle. "Meine Freunde und ich waren schockiert, weil Vučić so seine Macht ausbauen wollte", sagt Maksimović: "Seit dreißig Jahren wird das Volk von der Politik ausgelacht. Es war an der Zeit, dass jemand aus dem Volk die Politiker auslacht."

An einem Tag im Frühling drehten Maksimović, sein Bruder, der Dokumentarfilmer Vuk, und ein paar Freunde das Video, das bis heute der Grundstein für die Beli-Bewegung ist: Im Video rettet Beli mit bloßem Oberkörper einen Jungen am Ufer und trägt ihn auf seinem Rücken über den Fluss. "Seid ihr bereit für den wahren Anführer?", fragt der Sprecher des Videos. In einem weißen Anzug küsst Beli ein Lamm auf einer Wiese. "Beli ist das Licht am Ende des Tunnels." Auf einem Schimmel reitet er durch die Landschaft. "Beli ist unser mystischer Anführer!"

Luka Maksimović, sein Bruder und einige Freunde schufen an diesem Tag ihre eigene Fake-Partei, die SPN. Andere Parteien in Serbien heißen Reformpartei oder Erneuerungsbewegung. SPN hingegen steht für Sarmu probo nisi, das bedeutet, dass man noch keine Kohlrouladen, das serbische Nationalgericht, probiert habe. "Das war ein Kunstprojekt", sagt Luka Maksimović.

Tausende teilten das Video der SPN in den sozialen Netzwerken. Die Bilder von Beli im weißen Anzug verbreiteten sich wie Memes von Ryan Gosling. Junge und alte Menschen waren offenbar mit der Politik der etablierten Parteien unzufrieden und hatten endlich ein Ventil gefunden. Die Freunde von Luka Maksimović fragten daraufhin: "Warum treten wir nicht wirklich bei der Kommunalwahl in Mladenovac an?" Sie beschlossen, das Kunstprojekt Realität werden zu lassen.