Endlich Adrenalin! Endlich Gegner! Endlich passiert irgendwas, wirklich: wenigstens irgendwas! Martin Sellner steckt das Telefon weg und hastet zurück zu seinem Auto.

Er lässt sich auf den Fahrersitz fallen, schließt sein iPhone an das Autoradio und dreht Musik des Rappers Rin auf. Er skippt durch die Lieder und sagt: "Wir sind die letzte Kraft, die noch rebellisch und revolutionär ist. Wir brauchen nur irgendwo ein Transparent hinhängen oder einen Aufruf posten, und das ganze Land ist in Aufruhr."

Zumindest der zweite Satz stimmt. Jedes Mal, wenn die Identitären eine Aktion machen, reagieren Journalisten und Politiker mit einer Art pawlowschem Reflex, berichten und empören sich. Der österreichische Kanzler äußerte sich sogar schon, als er nur davon hörte, dass Sellner seine Mai-Feier stören wolle. Er sagte: "Wir müssen uns fragen, wo wir stehen, wenn die Identitären, denen der nationalsozialistische Mief zehn Kilometer gegen den Wind vorauseilt, sich einbilden können, unseren ersten Mai stören zu können." Für Martin Sellner war das ein Ritterschlag: Seine kleine Gruppe von Leuten wird vom mächtigsten Mann im Land ernst genommen.

Trotz dieser Wirkung auf die Öffentlichkeit sind nicht alle in der rechtsradikalen Szene von Martin Sellners Strategie überzeugt. Hinter seinem Rücken bezeichnen manche die Identitären etwas spöttisch als "Erasmus-Rechte", weil Sellner und seine Mitstreiter zwar betonen, Heimat und Tradition schützen zu wollen, mit ihrem identitären Label aber – wie H&M oder Starbucks – selbst ein internationales Franchise mit gemeinsamer Optik, ähnlichen Slogans und länderübergreifendem Marketing geworden sind. Aus Sicht von altbackenen Rechtsradikalen und Reaktionären ist das ein Verrat an den Idealen. Aus Sellners Sicht ist aber genau das der Grund, dass er, Martin Sellner, der Albtraum des bequem gewordenen linksliberalen Milieus ist.

Die Identitären sind im Grunde das Ergebnis strategischer Kalkulation und die Antwort auf eine Reihe von relativ simplen Fragen: Wie weit muss man sich vom muffigen NS-Fantum, von den Springerstiefelnazis und Blood-and-Honor-Hooligans distanzieren, um mit klar rechtsradikalen Positionen in der Mitte der Gesellschaft anzukommen? Welche Vorstellung von Volk und Ausgrenzung kommt bei Jugendlichen an, die eine homogene Gesellschaft nie kennengelernt und die vielleicht sogar selbst migrantische Wurzeln haben? Wie durchbricht man die "Assoziationskette rechts – rechtsradikal – Nazi – Auschwitz", wie Dieter Stein, der Chefredakteur der rechtskonservativen Wochenzeitung  Junge Freiheit, das strategische Dilemma aller Rechten in Deutschland einmal beschrieben hat? Wie muss man "Ausländer raus" formulieren, damit es die bürgerliche Mitte nicht stört?

In einer Kneipe im 9. Bezirk sitzt Martin Sellner nach dem übereilten Aufbruch von der SPÖ-Demo an einer langen Tischreihe. Er klopft mit einem Messer gegen sein Wasserglas. Die Stimmung der Anwesenden wirkt bedrückt, die Aktion auf dem Rathausplatz ging schief. Zwar flog das Schild am Ende doch noch, aber dann war irgendwas mit dem Wind, und schließlich nahm die Polizei den Identitären alle ihre Flyer und Aufkleber ab.

Hinter Sellner hängt eine sehr große, sehr blaue Fahne einer Kärntner Brauerei, auf einer Schiefertafel über ihm werden Spezialitäten des Hauses angepriesen: Zwei Meter Wurst kosten 9,20 Euro. Außer Sellner ist noch die identitäre Instagramerin Alina Wychera hier, außerdem ein Mittzwanziger mit einer sehr großen Lebensborn-Rune auf dem Unterarm, ein paar muskulöse Jungs, die Sellner als "serbische Patrioten" vorstellt, und überhaupt fast alle aktiven Identitären aus Wien und der Steiermark. Es sind 25 Leute.

In diesem Bier- und Wurstlokal, zwischen den Kurzhaarfrisuren, Runen-Tattoos und aufgepumpten Oberarmen, bei einem Stammtisch, der so ziemlich jedem Klischee einer Versammlung von jungen Rechtsradikalen entspricht, steht Martin Sellner also auf und sagt: "Wir lernen: Die Aktionsform funktioniert so nicht. Aber was mich freut: Die SPÖ war irrsinnig nervös, der Platz war mit Polizisten zugepflastert." Und nachdem er auf Twitter über Wochen immer wieder die Gefahr des islamistischen Terrors angeprangert hatte, fügt er nun allen Ernstes hinzu: "Ich glaube, so gut war der erste Mai noch nie gesichert. Schon allein mit unserer Ankündigung haben wir sie richtig nervös gemacht."

Die Stimmung in der Kneipe wird trotzdem nicht besser. Nach einer Stunde verabschieden sich die Ersten, marschieren an der langen Tafel entlang und greifen sich als Abschiedsgruß gegenseitig etwas umständlich an den Unterarm, statt einander einfach die Hand zu geben. Kurz wirken die Identitären wie ein von siebenjährigen Jungs gegründeter Geheimbund gegen alle Erwachsenen.

Nicht weit von hier entfernt, in einer ziemlich unscheinbaren Seitenstraße nahe des Westbahnhofes, hat ein Spender den Identitären eine große, unsanierte Wohnung mit hohen Decken und Parkett in der Beletage überlassen. Hier lagern Aufkleber, knallgelbe Beutel mit dem Logo der Identitären, Fahnen und der 16-seitige Halbjahresbericht des "Vereins zur Erhaltung und Förderung der kulturellen Identität", wie die Wiener Identitären offiziell heißen.

Bis das Haus in zwei, drei Jahren komplett saniert wird, sagt Sellner, werden die Identitären hier bleiben, Treffen abhalten und neue Aktionen planen. Hier bauen sie auch gerade ein Filmstudio auf, um noch bessere Videos auf YouTube stellen zu können. 6.000 von den dafür benötigten 12.000 Euro haben die Identitären über ihren zweiten Verein, den "Verein für nachhaltige Völkerverständigung und Jugendarbeit", bereits eintreiben können, heißt es auf ihrer Website. "Unser Weg ist demokratisch, bodenständig und weltoffen", so werben die Identitären im Netz um neue Mitglieder: "Deshalb lehnen wir auch jede Form von Rassismus ab. Wir anerkennen andere Kulturen als anders und sehen in der menschlichen Vielfalt einen Wert an sich." Das ist das eine Gesicht der Identitären.

Das zweite Gesicht zeigt sich auf den Flugblättern und Spendenaufrufen, die in dem Haus herumliegen. Darin fordern die Identitären, dass "Heimatliebe wieder zur Selbstverständlichkeit wird" und dass "heimische Bräuche und Traditionen" subventioniert werden müssen. Das ist ein anderer Sound, mit dem die Identitären sich an ältere, nationalkonservative Spender richten.

Die Identitären, scheint es, sind ein Allzweckgefäß: Den alten Rechten versprechen sie Nachwuchs, eine gewisse Jugendlichkeit und trotzdem traditionelle Werte. Für die jungen Rechtsradikalen in den Burschenschaften und den Bier- und Wurstkneipen ist der provokante aktionistische Ansatz der Identitären zusammen mit der Öffentlichkeitsarbeit auf allen Social-Media-Kanälen ein Weg, sich als größer, cooler und einflussreicher zu inszenieren, als es ihre Mitgliederzahlen jemals hergeben würden.