Jeden Monat 1.000 Euro geschenkt. Einfach so. Das fordern die Anhänger des Grundeinkommens. Janice Frings, 20, bekommt es schon heute.

Kurz vor Weihnachten sitzt Janice Frings in einer Vorlesung, als sie eine E-Mail bekommt, die ihr Leben verändert. Sie habe das bedingungslose Grundeinkommen gewonnen, heißt es da. Die heute Zwanzigjährige kann es nicht glauben: Sie soll ab Januar monatlich 1.000 Euro bekommen? Ohne Gegenleistung? Sie checkt den Absender: Es ist kein Fake.

Drei Jahre zuvor hatte Janice im Fernsehen einen Bericht über den Verein Mein Grundeinkommen gesehen: Per Crowdfunding sammelt dieser Geld. Immer, wenn dabei 12.000 Euro zusammenkommen, wird eine Person ausgelost, die ein Jahr lang 1.000 Euro pro Monat aufs Konto bekommt. Einfach so. Der Verein will zeigen, dass die Gesellschaft besser wäre, wenn niemand mehr ums Überleben kämpfen oder als Bittsteller zum Jobcenter gehen müsste. Stattdessen sollen alle monatlich 1.000 Euro Grundeinkommen vom Staat kriegen. Und solange der Staat kein Grundeinkommen zahlt, übernimmt es der Verein. Zumindest für einige wenige Menschen.

Was sie mit so viel Geld alles tun könnte, dachte Janice damals vor dem Fernseher: endlich den Führerschein machen und ihre Mutter unterstützen. Sie meldete sich bei Mein Grundeinkommen an und nahm drei Jahre lang an jeder Verlosung teil. Dann wurde im Dezember endlich ihre Losnummer gezogen.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine neue Idee: Schon vor 500 Jahren dachte der englische Philosoph Thomas Morus über eine Einkommensgarantie für jeden Bürger nach. Zur Umsetzung kam es nie. Stattdessen gibt es in Deutschland heute staatliche Unterstützung je nach Bedarf. Eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern und einem Teilzeitjob bekommt je nach Situation etwa Unterhaltsvorschuss, Wohngeld oder Sozialhilfe. Auch Bafög ist eine Leistung nach Bedarf. Für Menschen, bei denen der Staat keinen Bedarf feststellen kann, gibt es auch kein Geld. Das wäre beim bedingungslosen Grundeinkommen anders. Denn das sollen alle Menschen gleich bekommen, egal ob sie Kinder haben, arbeiten gehen, reich sind oder arm.

Bedingungsloses Grundeinkommen
1.000 Euro im Monat, einfach so
Ein Berliner Start-up verlost Grundeinkommen auf Zeit. Schon 85 Menschen haben gewonnen, das Konzept bleibt umstritten.

Michael Bohmeyer, den Janice vor drei Jahren im Fernsehen gesehen hat, sitzt in Jogginghose auf dem Boden in seinem Büro in Berlin-Neukölln und trinkt Eistee aus dem Tetrapack. Ein Loft in einem alten Backsteingebäude, Start-up-Ästhetik mit einer violetten selbst gezimmerten Couch aus Industriepaletten. Der 32-Jährige ist der Gründer des Vereins Mein Grundeinkommen. Als er 2014, mit 29 Jahren, aus seinem Online-Shop ausstieg und einen monatlichen Gewinnanteil von 1.000 Euro erhielt, hätte er nicht mehr arbeiten müssen. "Ich dachte: Was, wenn es jedem so ginge wie mir? Was würde sich dadurch verändern?" Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Binnen drei Wochen waren der Verein gegründet, die Website erstellt und die ersten 1.000 Euro ausbezahlt.

Michael Bohmeyer ist nicht der Einzige, den die Idee des Grundeinkommens fasziniert. Zu den Befürwortern zählen der Tesla-Chef Elon Musk und Mark Zuckerberg von Facebook. In Deutschland fordern es Götz Werner, der Gründer der Drogeriemarktkette dm, und Timotheus Höttges, der Chef der Telekom. Zur Bundestagswahl trat mit dem Bündnis Grundeinkommen eine Partei an, die dessen Einführung zum Programm machte.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/17.

Die Befürworter haben unterschiedliche Argumente, doch eines nennen sie alle: Früher oder später würden Roboter den Menschen die Arbeit abnehmen. Spätestens dann wäre ein Grundeinkommen nötig. In manchen Ländern laufen bereits Experimente, um die Auswirkungen des Grundeinkommens besser abschätzen zu können. Etwa in Finnland, wo seit Januar zufällig ausgewählte Arbeitslose für zwei Jahre vom Staat monatlich immerhin 560 Euro erhalten. Die Organisation Give Directly sichert seit Februar armen Einwohnern kenianischer Dörfer ein Grundeinkommen.

In Deutschland haben in den vergangenen drei Jahren mehr als 71.000 Menschen insgesamt über eine Million Euro an Mein Grundeinkommen gespendet und so 112 Personen das Grundeinkommen finanziert. Janice Frings war Nummer 68. An einem Spätsommertag sitzt die Kommunikationsstudentin auf den Stufen vor dem Aachener Dom und trinkt einen laktosefreien Java Chip Frappuccino von Starbucks. Ein kleiner Luxus, den sie sich früher nicht hätte leisten können. "Am Monatsende hatte ich meistens nur noch zehn Euro auf dem Konto", sagt sie: "Ich konnte selten ausgehen und schrieb schlechte Noten, weil ich in der Prüfungszeit arbeiten musste."

Das wurde durch das Grundeinkommen anders, das sie zusätzlich zu den staatlichen Leistungen bekommt. Janice hat deshalb monatlich 1.000 Euro plus 192 Euro Kindergeld. Und weil sie den Bafög-Antrag vor dem Gewinn des Grundeinkommens gestellt hat, bekommt sie 551 Euro obendrauf.

So viel Geld hatte sie noch nie: Ihre Mutter hat ihre Schwester und sie allein großgezogen, musste immer wieder zum Jobcenter und hatte Schulden. Der Vater zahlte keinen Unterhalt. Vergangenes Wintersemester gab sie ihrer Mutter monatlich 50 bis 100 Euro, sagt Janice, obwohl sie selbst nicht viel Geld zum Leben hatte. Seit dem Gewinn des Grundeinkommens sei es noch mehr. "Meine Mutter braucht das Geld mehr als ich", sagt Janice.