Die Maschine von morgen denkt mit. Wie das die Produktion verändert, kann man schon heute erleben: In der Fabrik der Zukunft in Aachen.

Wie sieht wohl die Fabrik der Zukunft aus? Mehrarmige Roboter verrichten geräuschlos ihre Arbeit? Menschen in Space-Anzügen bedienen per Augen-Scan riesige Bildschirme? Draußen vor dem Fenster die Skyline einer japanischen Metropole? Knapp daneben.

Die Fabrik der Zukunft steht an einer Ausfallstraße in Aachen zwischen unscheinbaren Bürogebäuden und Mehrfamilienhäusern. Hier wurde in diesem Jahr das Digital Capability Center eröffnet, laut dem Betreiber eine der modernsten Produktionshallen der Welt. Das DCC ist eine Lernfabrik, in der erprobt wird, wie Produktion im digitalen Zeitalter funktioniert, in der sogenannten Industrie 4.0.

Industrie 4.0 bedeutet, dass alle Maschinen per Computersystem miteinander vernetzt sind. Dadurch soll die Produktion einfacher werden, effizienter und billiger. Die Hoffnungen, die Wirtschaft und Politik in diese Entwicklung setzen, sind riesig: Der Verein Deutscher Ingenieure erwartet von der Industrie 4.0 ein "wirtschaftliches Wachstumspotenzial in Milliardenhöhe". Das Wirtschaftsministerium und das Forschungsministerium des Bundes haben bislang mehr als 500 Millionen Euro für die Förderung der Industrie 4.0 bewilligt. Doch von all dem Geld, von all der Hoffnung und von all dem Hightech ist nicht viel zu sehen, wenn man das DCC in Aachen betritt: In der lichtdurchfluteten Halle mit Glasdach und rotem Gummiboden befinden sich eine grüne Industriewebmaschine und mehrere Werkbänke aus Aluminium. Alles ganz normal, eigentlich.

"Ich liebe die Industrie 4.0!", sagt Jeremy Theocharis, 21, ein angehender Wirtschaftsingenieur. Zusammen mit Alexander Winterstein, 24, Maschinenbaustudent, steht er in Jeans und Arbeitsschuhen zwischen den Maschinen. Die beiden sind zwei von zehn studentischen Mitarbeitern im Digital Capability Center.

Aufgebaut wurde das DCC von einer Tochterfirma der RWTH Aachen zusammen mit der Unternehmensberatung McKinsey. Wissenschaftler der Hochschule können ihre Forschungsergebnisse im DCC einem Praxistest unterziehen. Und für McKinsey ist das DCC so etwas wie ein Showroom der digitalen Fabrik: Immer wieder kommen Besuchergruppen aus der Industrie vorbei und lassen sich hier vorführen, was technisch heute bereits möglich ist. Wenn sie danach ihre eigenen Unternehmen aufrüsten wollen, können sie das bei McKinsey in Auftrag geben. Uneigennützig sind die Unternehmensberater also nicht.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/17.

Das DCC füllt eine Marktlücke: 91 Prozent der deutschen Unternehmer sehen die digitale Transformation als Chance, das hat eine Studie von McKinsey ergeben, aber nur sechs von zehn Befragten fühlen sich darauf gut vorbereitet. Die Nachfrage ist auch anderswo in der Welt ähnlich groß: Weitere Lernfabriken wie das DCC entstehen gerade auch in Italien, in den USA, in China und in Singapur.

Um die Arbeitsabläufe und die Leistungsfähigkeit der Maschinen zu demonstrieren, werden im DCC testweise Produkte hergestellt: Armbänder mit eingebautem Chip, auf dem man Daten des Trägers sammeln kann, ähnlich wie bei einem Fitnessarmband.

Die beiden Studenten Alexander Winterstein und Jeremy Theocharis sind die Fremdenführer, die Besuchergruppen durch diese Fabrik der Zukunft leiten. Sie zeigen am Beispiel der Armbandherstellung, was die Industrie 4.0 möglich macht. Ihre Gäste kommen aus unterschiedlichen Branchen und Unternehmen, vom Mittelständler bis zum Großkonzern.

An einem Donnerstagvormittag im August lassen sich ein Dutzend Besucher durch das DCC führen: Manager in weißen Hemden mit Manschettenknöpfen. Sie kommen aus der Strategieabteilung eines Technologieunternehmens.

Jeremy Theocharis eröffnet die Show: Er trägt die rote Basecap des Schichtleiters und schmeißt die Maschinen an. Weißes Garn, das auf Spulen gewickelt ist, wird auf einen Kettbaum gezogen, eine große Walze, in der die einzelnen Fäden zu einem breiten Strang zusammenlaufen. Die Webmaschine verarbeitet sie anschließend zu einem elastischen Kunststoffband. Dann wird das Armband bedruckt, geschnitten und vernäht. Nach etwa einer Minute ist es fertig. Die Besucher scheinen wenig beeindruckt. Das soll also die digitale Revolution sein? Webmaschinen? Garn? Was bitte ist daran so neu?

Diese Irritation gehört zum Konzept des DCC. Nach einer kurzen Umbauphase fahren Theocharis und Winterstein die Computer hoch. Nun sieht es schon mehr nach Zukunft aus: Neben jeder Maschine leuchtet ein Flachbildschirm, der die Aktivität der Sensoren in den Maschinen zeigt. Alexander Winterstein hat mittlerweile eine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt und ein Tablet in der Hand.