Lange grübeln? Spontan entscheiden? Wie man eine gute Wahl trifft und was Experten dazu raten

Soll ich auf den Bauch oder auf den Kopf hören?

Eher auf den Kopf! Das rät Tobias Kalenscher, Professor für Psychologie an der Uni Düsseldorf. Er geht der Frage nach, wieso Menschen sich oft schlecht entscheiden. Er sagt: "Eine Entscheidung kann man durch rationale Überlegungen erlangen oder durch Hören auf die Intuition. Letztere kann aber auch im Wege stehen." Matthias Nöllke, Autor des Buchs Entscheidungen treffen, erklärt, wieso das so ist: "Wer auf seinen Bauch hört, bei dem gibt vielleicht ein Zufall den Ausschlag, die Stimmung, die Tageszeit, die Reihenfolge der Argumente."

Noch ein Argument gegen Bauchentscheidungen: Man merkt dabei oft nicht, wenn wesentliche Informationen fehlen, die für eine kluge Entscheidung wichtig wären. Ein Beispiel: Würde es sich gut anfühlen, nach München zu ziehen? Bestimmt! Aber die Mieten sind sehr hoch dort, und das ist für die Entscheidung nicht unwichtig. Blöd, wenn man das erst zu spät merkt, weil das Bauchgefühl so gut war.

Übrigens: Der Psychologe Tobias Kalenscher rät prinzipiell davon ab, sich unter Zeitdruck zu entscheiden. Denn bei Stress werden Cortisol und Noradrenalin ausgeschüttet, sie blockieren das Denken. Kalenscher sagt auch: "Ob die Entscheidung einen kurzfristig zufriedenstellt, ist nicht immer ein Indikator dafür, ob sie richtig ist." Wer etwa eine Beziehung beendet, die lange nicht mehr funktioniert hat, ist nach dem Schlussmachen vielleicht traurig, hat sich aber wahrscheinlich richtig entschieden.

Als Faustregel gelte: "Man sollte sich nie ausschließlich auf das Gefühl verlassen. Besser: Kosten und Nutzen rational abwägen."

Aber Achtung: Zu langes Grübeln kann auch unglücklich machen, zeigte eine Studie kanadischer Forscher. Dadurch würde man zu viel über verpasste Chancen nachdenken. Und natürlich sollte sich eine Entscheidung nicht dauerhaft schlecht anfühlen.

Kann man lernen, sich zu entscheiden?

Ja! Tobias Kalenscher sagt: "Es ist falsch, zu glauben, dass einige Leute von Natur aus besser entscheiden können als andere." Er rät dazu, über die eigenen Schwächen nachzudenken und das Entscheiden zu trainieren. Ist man zum Beispiel ein besonders impulsiver Mensch und hat damit nicht immer die besten Erfahrungen gemacht, dann kann man es sich zur Regel machen, vor jeder wichtigen Entscheidung erst mal eine Nacht drüber zu schlafen.

Um sich besser zu entscheiden, können auch Tricks helfen: Wer eine wichtige Entscheidung treffen muss, aber viel arbeitet oder lernt, sollte sich Pausen nehmen, sagt Kalenscher. Andernfalls sei man kognitiv ausgelaugt und nicht in der Lage, klar zu denken. Auch eine Entscheidung auf Probe sei eine gute Idee. 

Was, wenn ich partout nicht weiterweiß?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/17.

Dann gilt erst mal: ruhig bleiben. Der Psychologieprofessor Kalenscher rät, noch einmal alle Optionen aufzuschreiben und diese miteinander zu vergleichen. Was aber, wenn man auch danach einfach nicht weiß, was man will? Dann kann man sich in sein zukünftiges Ich hineinversetzen und von dort auf seine Gegenwart zurückblicken. Diese Methode heißt "Zeitmaschine" und soll helfen, neue Perspektiven auf schwierige Entscheidungen zu erhalten.

Erscheint dann noch immer keine Lösung richtig, darf man die Entscheidung ruhig ein wenig aufschieben. Tobias Kalenscher sagt: "Solange man nicht darunter leidet, kann sogar Aussitzen helfen. Mit ein bisschen Abstand sieht man oft klarer." Kritisch sei das Aussitzen nur, wenn der Status quo schlechter ist als jede Alternative. Also: Lieber aus der WG ausziehen, in der man todunglücklich ist, auch wenn man noch kein neues Zimmer hat und erst mal bei Freunden unterkommen muss.

Wer sich ständig vor Entscheidungen drückt, weil er Angst hat, die falschen zu treffen – und zum Beispiel lieber gar keinen Job annimmt, als zwischen zwei gleich guten Angeboten zu wählen –, der sollte sich Hilfe suchen. Etwa bei der psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks. Hier kann man kostenlos mit Psychologen sprechen.

Soll ich dem Rat anderer folgen?

Sich Rat zu holen ist grundsätzlich gut. Besonders bei Job- und Studienentscheidungen. Marco Blasczyk, der Leiter der Studienberatung an der Goethe-Universität Frankfurt, sagt: "Außenstehende wie Freunde und Familie können einem helfen, die eigenen Fähigkeiten besser zu beurteilen."

Studien zeigen, dass man diese selbst häufig falsch einschätzt. Blind dem Rat anderer folgen sei jedoch keine gute Idee, so Marco Blasczyk. Hat man zum Beispiel noch gar keine Ahnung, ob und wo man den Master machen will, sollte man es herausfinden, ehe man andere einbezieht. "Im schlimmsten Fall führt das sonst in die Irre", sagt Blasczyk.

Was tun bei Fehlentscheidungen?

Merkt man, dass man sich falsch entschieden hat, sollte man nicht an seiner Entscheidung festhalten, sagt Marco Blasczyk. Das koste nur unnötig Zeit und Energie. Besser sei es, zu seinem Fehler zu stehen und zu handeln. Also etwa das Studium abzubrechen, wenn man sich unentwegt langweilt oder komplett überfordert ist. Eine Fehlentscheidung beziehungsweise ein Neuanfang sind keine Katastrophe. Im Gegenteil, sagt Tobias Kalenscher: "Aus ihnen lernt man für die Zukunft. Man lernt sich selbst kennen und findet heraus, was man wirklich will und wo man hingehört."