Studium vorbei – und jetzt? Von Job-Speeddating bis zur eigenen Gründung: Vier Ex-Studenten erzählen von ihrem Berufseinstieg.

Mit einem geisteswissenschaftlichen Bachelor in den Job? Geht nicht, sagen viele. Carolin Werthmann hat es geschafft

Während meines Studiums saß ich abends oft mit Kommilitonen am Bodensee. Wir haben philosophiert, Bier getrunken und uns gefragt: Was wird aus uns werden? Es waren kritische, sorgenvolle Gespräche.

Ich habe Literatur, Kunst und Medienwissenschaften – LKM – an der Uni Konstanz studiert. "Lachen, Klatschen, Malen", sagten manch andere Studenten grinsend dazu. Kinderkram, in ihren Augen. Überall hieß es, dass es Geisteswissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt schwer haben, erst recht mit Bachelor. Auf WG-Partys wurde mein Studiengang oft belächelt. Besonders von Naturwissenschaftlern. Das hat mich trotzig gemacht. Ich habe gedacht, ich werde beweisen, dass es möglich ist, mit Bachelor eine Stelle zu finden.

Während ich im Sommer bei 38 Grad in meiner Studentenbude saß und meine Bachelorarbeit schrieb, habe ich mich nebenbei durch Stellenbörsen geklickt. Ich wollte Journalistin werden und hatte an der Uni schon ein paar entsprechende Seminare belegt. Beim Callwey-Verlag in München fand ich eine Ausschreibung für ein Volontariat im Bereich Lifestyle und habe mich beworben.

Die Stelle habe ich nicht bekommen, aber der Verleger hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, bei den Restaurierungs- und Handwerkszeitschriften zu arbeiten. Das war für mich überraschend, aber ich habe Ja gesagt. Dass ich keinen Master habe, hat im Auswahlgespräch keine Rolle gespielt. Dafür hat es meine Gesprächspartner sehr interessiert, dass ich vier Wochen in Schottland war und an einem Reiseführer mitgearbeitet habe. Jetzt schreibe ich über Dinge wie Kunstausstellungen, Gemälderestaurierungen und Museumstechnologie. Neue Themen zu erschließen ist ja eine klassische journalistische Aufgabe. Ich bin froh, dass ich Arbeitsluft schnuppere und dabei viel über mich selbst lerne. Und ich glaube, mein Beispiel macht auch anderen Mut."

Britta Kiwit, 28, hat einen Bewerbungsservice gegründet. Hier erzählt sie, was sie dabei gelernt hat

Nach meinem Bachelorabschluss in BWL bin ich beim Onlineportal Gründerszene eingestiegen. Dort habe ich unter anderem eine Jobbörse und Seminare für Gründer entwickelt. Für mein Team musste ich Leute einstellen und habe mich immer wieder über die Lebensläufe der Bewerber geärgert. Ich hatte oft das Gefühl, dass sie sich keine Mühe gemacht haben. Wichtige Infos, wie zum Beispiel was man im letzten Praktikum gemacht hat, waren häufig nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Viele Bewerbungen waren auch einfach hässlich!

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Nr. 7/2017.

Nachdem ich drei Jahre lang den ganzen Tag über von Gründern der Digitalwirtschaft umgeben war, wollte ich selbst gründen. Ich habe gekündigt, bin mit einem one-way ticket nach Kambodscha geflogen und wollte erst zurückkommen, wenn ich eine Geschäftsidee gefunden habe. So war es dann auch. Zurück in Deutschland habe ich einen Bewerbungsservice gegründet. Mein fünfköpfiges Team und ich erstellen Lebensläufe und Bewerbungsanschreiben. Inzwischen haben wir mehr als 1.000 Bewerbungen bearbeitet. Ich checke auch auf Karrieremessen wie der Akademika und der Stuzubi Bewerbungsmappen. Ein klassischer Fehler, den viele machen: alle Praktika auflisten, die man je in seinem Leben absolviert hat. Wenn jemand in der Oberstufe noch Medizin studieren wollte, es dann aber doch Jura wurde, braucht das Schnupperpraktikum in der Klinik nicht mehr im Lebenslauf zu stehen. Ein weiterer Fehler: Im Anschreiben wird der Lebenslauf nacherzählt, statt eine Verbindung zu schaffen zwischen den Anforderungen der Stelle und den eigenen Fähigkeiten.

Beim Thema Bewerbungen spüre ich eine große Unsicherheit, auch im eigenen Freundeskreis. Vielleicht liegt es daran, dass sich keiner gern selbst präsentiert. Ich kann das verstehen. Ich habe zwar anderen immer gern bei ihrer Bewerbung geholfen. Wenn es aber um meine eigene ging, fiel mir das Ganze deutlich schwerer.

Ein Job-Speeddating

Statt bei einer etablierten Bank stieg der Finance-Student Philip Klossner bei einem Start-up ein – in Rekordtempo

Morgens um zehn Uhr hatte ich meine Bewerbung an das Start-up FinanceFox abgeschickt. Nachmittags, ich war gerade beim Sport, klingelte mein Handy. Es war Benedikt Andreas, Vorstand bei FinanceFox Schweiz. Er lud mich zum Vorstellungsgespräch ein. Ich war vollkommen überrascht. Bisher war ich es gewohnt, mindestens eine Woche auf eine Antwort zu warten.

Eigentlich wollte ich schon immer bei einer Schweizer Bank arbeiten und war bereits bei einigen Interviews. Ich fragte mich aber schon: Will ich jeden Tag Anzug tragen? Die digitale Versicherungsplattform FinanceFox war für mich eine moderne Alternative in der Finanzbranche.

Bereits am nächsten Tag hatte ich das Vorstellungsgespräch, drei Tage später ein Skype-Interview und danach die Zusage. Als ich fragte, wann ich anfangen solle, sagte Benedikt: "Wir sind noch bis Mitternacht hier. Komm doch einfach vorbei."

Bei FinanceFox arbeiten wir an einer digitalen Plattform, die Versicherungsnehmern hilft, ihre Verträge zu bündeln, und Makler unterstützt, einen besseren Überblick über ihre Kunden zu bekommen. Als ich in Zürich anfing, habe ich mich gleich in die Arbeit gestürzt. Egal ob es drum ging, potenzielle Kunden anzusprechen oder neue Strategien zu entwickeln – meine Chefs haben mir vertraut, obwohl ich nicht der Erfahrenste war.

Seit diesem Sommer arbeite ich in Berlin als rechte Hand des Vorstands für den internationalen Vertrieb. Ich bereite Entscheidungen vor und koordiniere zudem unser Geschäft mit Maklern in der Schweiz.

Seit ich angefangen habe, haben wir von Investoren mehr als 30 Millionen Dollar eingesammelt und sind von 21 auf über 80 Kollegen angewachsen. In Berlin arbeiten wir auf 600 Quadratmetern zusammen an mehreren langen Konferenztischen. Einen Anzug trage ich schon ab und zu – aber nur wenn es wirklich wichtig ist.

Zehn Minuten für ein Vorstellungsgespräch: Jan Felix Schmidt hat ein Job-Speeddating ausprobiert

Ich bin jemand, der gerne Neues ausprobiert. Als ich erfahren habe, dass auf dem Campus meiner Uni ein Job-Speeddating stattfinden sollte, habe ich mich deshalb gleich angemeldet. Die Veranstaltung funktionierte so: In einem Nebensaal des Audimax saßen Vertreter von insgesamt 22 Firmen. Wollte man mit jemandem sprechen, machte man vorher einen Termin aus. Ich hatte zwei Termine. Man spricht für zehn Minuten miteinander, bis ein Gong ertönt und man sich aufmacht zum nächsten Gesprächspartner.

Meine Gegenüber fragten mich, wer ich bin und welche Fähigkeiten ich mitbringe. Sie wollten außerdem wissen, was ich mir unter ihrem Unternehmen vorstelle und wie ich da hineinpassen könnte.

Die Gesprächssituation habe ich als ziemlich intensiv empfunden. Auch wenn wir nur kurz geredet haben, musste ich mich sehr konzentrieren, um schnell auf den Punkt zu kommen. Zum Glück wurden wir Teilnehmer darauf vorbereitet. Unsere Uni hatte gleich nach der Anmeldung einen entsprechenden Workshop für uns organisiert.

Dabei sollten wir uns auch in einem kurzen, prägnanten Satz beschreiben, den die Firmenvertreter vorab bekamen. Bei mir war das gar nicht so einfach. Ich beschäftige mich mit Computern und mit Programmieren und habe neben Philosophie und Publizistik auch ein paar Semester Medizin studiert. Ich habe mich dann als 'Schweizer Taschenmesser' beschrieben, nach dem Motto: Ich bringe Kompetenzen aus drei Fächern und eine generalistische Perspektive mit und bin deshalb so vielseitig einsetzbar wie das kleine rote Teil. Das kam gut an. Ich wurde von beiden Firmen zu einem zweiten Gespräch eingeladen und bekam zwei Angebote. Eins habe ich angenommen. Das Gute am Job-Speeddating ist, dass man die formale Bewerbungsrunde überspringt. Gerade wenn man eine ungewöhnlichere Biografie hat, ist das eine Gelegenheit, einen Fuß in die Tür zu bekommen.