WIE WEIT SIND WIR?

Ein Interview zu Frauen in der Technikbranche

ZEIT Campus: Frau Lukoschat, ist der Berufseinstieg in technischen Branchen für Frauen schwieriger als für Männer?

Helga Lukoschat: Beim Berufseinstieg gibt es mittlerweile Chancengleichheit. Die Probleme tauchen später auf.

ZEIT Campus: Wann?

Lukoschat: Oft schon nach zwei, drei Jahren, wenn die ersten Weichenstellungen für die Karriere anstehen.

ZEIT Campus: Was passiert da?

Lukoschat: Bei Frauen um die 30 wird oft vermutet, dass sie bald Kinder bekommen. Deshalb kommt es vor, dass etwa nach einem Trainee-Programm die Männer stärker gefördert werden als ihre Kolleginnen.

ZEIT Campus: Es gibt zahlreiche Mentoring-Programme für Frauen. Helfen die?

Lukoschat: Sie sind vor allem in den ersten Jahren hilfreich. Für Berufsanfängerinnen ist es wichtig, im Unternehmen sichtbar zu sein – deshalb sollten sie alle Möglichkeiten nutzen, um Netzwerke zu knüpfen und sich bekannt zu machen. Dafür bieten Mentoring-Programme eine gute Gelegenheit. Dennoch sollte man sich von ihnen nicht zu viel versprechen.

ZEIT Campus: Warum?

Lukoschat: Karrieresprünge werden dadurch nur selten ermöglicht. Wenn es später um hochkarätige Führungspositionen geht, spielen sie meist keine Rolle mehr.

ZEIT Campus: Was ist dann wichtig?

Lukoschat: Besonders wichtig ist die sogenannte informelle Förderung – etwa beim gemeinsamen Mittagessen, wenn der Chef andere Führungskräfte an den Tisch bittet und so eine Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen geschaffen wird.

ZEIT Campus: Die Vorgesetzten sind also der Schlüssel für die Karriere?

Lukoschat: In der Tat berichteten in unserer Studie unter hoch qualifizierten Absolventinnen aus den technischen und naturwissenschaftlichen Feldern viele Frauen, dass die Entwicklung ihrer Laufbahn in erster Linie von der Förderung durch die direkten Vorgesetzten abhängt. Außerdem stellte sich heraus, dass junge Frauen oft von älteren Männern gefördert werden.

ZEIT Campus: Der väterliche Chef unterstützt die junge Anfängerin – das klingt nach Karriereleiter wie von vorgestern. Ist das noch die Realität?

Lukoschat: Offensichtlich ja.

ZEIT Campus: Wie erklären Sie sich diese Konstellation?

Lukoschat: Eine Rolle spielt sicher, dass viele wichtige Positionen in Unternehmen nach wie vor von älteren Männern besetzt werden. Auch zeigen Studien, dass sich Männer vor allem in der letzten Phase ihrer Karriere oder aus persönlicher Betroffenheit, zum Beispiel weil sie selbst eine berufstätige Tochter haben, stärker für mehr Frauen in Führungspositionen einsetzen.

ZEIT Campus: Und wenn der Chef einen nicht fördert? Welche Möglichkeiten hat eine Ingenieurin, sich Unterstützung zu holen?

Lukoschat: Sie kann sich an die Personalabteilung wenden und den Wunsch äußern, sich weiterzuentwickeln. Sie sollte fragen, welche Möglichkeiten das Unternehmen ihr bieten kann – eine Qualifizierung, eine Teamleitung, eine Auslandsstation, vielleicht sogar ein Wechsel auf eine andere Position? Auf keinen Fall sollte sie ihren Vorgesetzten anschwärzen – so etwas kommt nie gut an.

ZEIT Campus: Wie steht es in technischen Branchen um die Vereinbarkeit von Karriere und Familie?

Lukoschat: Wir erleben seit einigen Jahren, dass die Unternehmenskulturen sich verändern. Das liegt nicht nur an den Vorgaben der Politik, das kommt auch von innen, weil die jüngeren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen das einfordern.

ZEIT Campus: Was hat sich denn konkret geändert?

Lukoschat: Viele Unternehmen bieten Führungskräften, egal ob männlich oder weiblich, nach der Elternzeit die Möglichkeit zur Arbeitszeitreduzierung und zur Arbeit im Home Office. Große Unternehmen sind da vielleicht schon etwas weiter als der Mittelstand, aber auch in vielen kleineren Betrieben, vor allem in Technologieunternehmen mit hohem Innovationspotenzial, gibt es inzwischen mehr Flexibilität.

ZEIT Campus: Verträgt eine Karriere als Führungskraft auch eine Teilzeitphase?

Lukoschat: Ein Halbtagsjob ist mit einer Laufbahn als Führungskraft in der Regel nicht vereinbar. Aber eine Reduzierung der Arbeitszeit auf 35 oder 30 Stunden ist in der Familiengründungsphase oft möglich. Um das beim Arbeitgeber durchzusetzen, ist Verhandlungsgeschick gefragt.

ZEIT Campus: Was könnte man denn zum Beispiel raushandeln?

Lukoschat: Beispielsweise kann man anbieten, nur sechs Monate Elternzeit zu nehmen, wenn der Arbeitgeber im Gegenzug danach eine längere Teilzeitphase ermöglicht.

ZEIT Campus: Kann ich die Karriere nicht auch später nachholen? Zunächst arbeite ich ein paar Jahre in Teilzeit, bis die Kinder etwas größer sind, und ab 40 starte ich dann beruflich voll durch?

Lukoschat: Das zu versuchen, würde ich nicht empfehlen.

ZEIT Campus: Warum nicht?

Lukoschat: Auch wenn sich schon vieles geändert hat, gibt es leider auch noch viele starre Strukturen. Dazu gehört, dass späte Karrieren in deutschen Unternehmen nicht vorgesehen sind. Meist gibt es festgelegte Karrierebausteine. Bei Ingenieuren sind das oft Auslandsprojekte, die man in einem bestimmten Alter erfolgreich abgeschlossen haben sollte. Das lässt sich später nicht mehr nachholen.

ZEIT Campus: Gibt es denn eine optimale Strategie für die Ingenieurkarriere mit Kind?

Lukoschat: Die Entscheidung, wann man Kinder bekommt, ist hoch individuell und kann ganz sicher nicht allein von der Situation im Job abhängig gemacht werden. Lässt man das beiseite, halte ich folgende Strategie für erfolgversprechend: Man legt gleich nach dem Einstieg richtig los, knüpft persönliche Netzwerke, nutzt Qualifizierungsangebote, arbeitet eine Zeit lang im Ausland, übernimmt eine Team- oder Projektleitung, steigt auf – und bekommt seine Kinder frühestens mit Anfang oder Mitte 30.

ZEIT Campus: Warum erst dann?

Lukoschat: Die Überlegung dahinter ist, dass ein schneller Aufstieg und eine gute Position im Unternehmen die Verhandlungsmacht gegenüber dem Arbeitgeber verbessert.

ZEIT Campus: Man ist dann für das Unternehmen wichtig und kann deshalb mehr Zugeständnisse herausholen?

Lukoschat: Ja. Das zahlt sich aus, wenn man später wegen der Familie im Job mehr Flexibilität haben oder für eine Weile etwas kürzertreten möchte.

ZEIT Campus: Wie findet man heraus, welche Unternehmen die Karriere von Ingenieurinnen wirklich unterstützen und welche das nur von sich behaupten?

Lukoschat: Wer die Wirtschaftspresse aufmerksam verfolgt, bekommt mit, wie Unternehmen zu Themen wie Diversity und Work-Life-Balance stehen und ob es Ingenieurinnen in Führungspositionen gibt. Im Bewerbungsgespräch ist es ratsam, bei Themen wie Elternzeit, Teilzeit oder Home Office Fragen direkt auf die Selbstdarstellung des Unternehmens zu beziehen.

ZEIT Campus: Wie macht man das ganz konkret?

Lukoschat: Etwa indem man fragt: "Auf Ihrer Website habe ich gelesen, dass Sie sich als familienfreundlicher Arbeitgeber bezeichnen – was heißt das?" So zeigt man, dass man sich für ein Unternehmen interessiert und gleichzeitig, was einem wichtig ist. Dabei sollte man seine Interessen ruhig selbstbewusst vertreten. Die Chancen, etwas zu verändern, waren noch nie so gut wie heute.