Sie schoss Passbilder wie am Fließband, für Kunden, die sie behandelten wie einen Fußabtreter. Das anonyme Gehaltsprotokoll einer Fotografin

Im Einkaufszentrum drängen die Menschen von einem Laden in den nächsten, Lampen bestrahlen die Gänge mit grellweißem Licht, die Klimaanlage surrt, 20 Kunden stehen Schlange, quatschen, hinten im kleinen Fotostudio brummt die Belichtungsmaschine. Hier ist mein Arbeitsplatz. Meine Beine schmerzen vom Stehen, meine Wangen vom Lächeln. Ich schieße im Zehn-Minuten-Takt Pass- und Bewerbungsbilder: Kunde begrüßen, immer freundlich, neutraler Hintergrund, bitte recht freundlich, noch ein paar rote Flecken wegretuschieren, der Nächste bitte, acht Stunden lang. Es ist Arbeit am Fließband. Das ist also mein Job als Fotografin, denke ich, mein Traumjob, für den ich zwei Jahre Ausbildungszeit investiert habe. So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Aber jetzt kündigen, so kurz vor dem Abschluss der Ausbildung? Und einen sicheren Job aufgeben?

Nach meinem Fachabi wollte ich Fotografin werden. Ich liebe die Natur und malte mir aus, auf Reportagereisen exotische Tieren zu jagen. Stattdessen erwies sich die Fotografie als noch monotoner als die Bürojobs, mit denen ich nie enden wollte.

Behandelt wie eine voll ausgebildete Fotografin für 300 Euro im Monat

Die Ausbildungsstelle im Einkaufszentrum war schon meine zweite. Aber eigentlich hatte schon meine erste Stelle mir meine Illusionen genommen. Niemand dort nahm Rücksicht darauf, dass ich Azubi war. Anstatt mir etwas beizubringen, schrie mich mein Chef an, wenn ich Fehler machte. Ich musste dauernd Überstunden machen, mir blieb kaum Zeit, für meine Prüfungen zu lernen. Ich wurde behandelt wie eine voll ausgebildete Fotografin mit dem Unterschied, dass ich nur 300 Euro im Monat bekam – für das erste Ausbildungsjahr in einem Porträtstudio ist so ein Gehalt üblich. Solche Geschichten erzählen mir viele Kollegen in der Ausbildung.

Nach ein paar Monaten wurde alles zu viel. Ich war depressiv, allein in einer fremden Stadt, in die ich nur für diese Stelle gezogen war und in der ich nie Zeit hatte, Freunde zu finden. Nach einem Nervenzusammenbruch kündigte ich.

Trotzdem wollte ich der Fotografie noch eine Chance geben, vielleicht hatte ich ja nur einen besonders schlechten Arbeitgeber erwischt? Also bewarb ich mich in einem anderen Porträtstudio. Aber auch bei dieser zweiten Stelle wurde es nicht viel besser. Ich verdiente etwas mehr, 680 Euro brutto. Und die Kollegen waren viel netter, die Kunden aber nicht. Und die Arbeit war genauso stressig. Eine der beiden Filialen lag im Einkaufszentrum, wo ich acht Stunden am Tag die Pass- und Bewerbungsbilder machen durfte. Wie ein Automat.

Die Kunden behandelten mich als Fußabtreter. Jeder Respekt für meinen Beruf ist verloren gegangen, seitdem alle mit einer Handykamera ausgerüstet sind. Einen Instagram-Filter über das Bild geklatscht und schon nennen viele es Fotografie. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Vater bei einem Familien-Shooting: Zurzeit ist es üblich, bei den Bildern manchmal Körperteile anzuschneiden. Als der Vater die Bilder aussuchen sollte, schrie er mich an, wie ich mich denn Fotografin nennen kann, wenn ich es "nicht mal schaffe die Gliedmaßen alle aufs Bild zu bekommen". Er sagte: "Ich habe mal einen Fotokurs gemacht, ich kenne mich aus." Ich lächelte natürlich. Ich musste schließlich immer freundlich zum Kunden sein.

Heute nennt sich jeder Fotograf

Selbst bei meinen Freunden spüre ich diese Haltung manchmal. Wenn ich auf eine Hochzeit eingeladen werde, fragt mich das Brautpaar, ob ich nebenbei auch ein paar Fotos machen könnte. Ich will aber auch Gast sein, mitfeiern, nicht nur durch die Linse beobachten ‒ und dafür nicht mal bezahlt werden.

Der Markt ist überschwemmt mit Amateurfotografen, die sich eine Facebook-Seite und eine Spiegelreflexkamera zulegen und dann für ein paar Euros Bilder machen. Sonst hätte ich mich vielleicht selbstständig gemacht, aber gegen diese billige Konkurrenz anzukommen, ist schwer. Ich hatte Glück, überhaupt einen festen Job zu haben.

An einem der Tage im Einkaufszentrum entschied ich: Das ist nicht die Arbeit, die ich bis zur Rente machen will. Bis zum Ende meiner Ausbildung biss ich noch die Zähne zusammen, ignorierte unhöfliche Kunden und das anstrengende Umfeld in der Einkaufshausfiliale. Dann kündigte ich. Ich gab die sichere Stelle auf.

Jetzt mache ich eine zweite Ausbildung zur Mediengestalterin für Digital und Print. Ich arbeite in einer kleinen Agentur, mit mir sind es sieben Mitarbeiter. Im ersten Lehrjahr bekomme ich 750 brutto. Wenn ich nach drei Lehrjahren fertig bin, werde ich bei meiner jetzigen Stelle rund 1.600 Euro bekommen ‒ nicht mehr, als ich im Porträtstudio als reine Fotografin verdient habe. Aber immerhin meckern Produkte nicht wie Kunden, während man sie fotografiert, und kreativer kann ich jetzt auch wieder sein.