Kann man beweisen, dass Gott existiert? – Seite 1

Gott hat in der Wissenschaft nichts verloren. Oder? Ein Theologe erklärt, ob es einen Gottesbeweis gibt und wie sich die Suche danach verändert hat.

Jung und Gott

Wir glauben an die Wissenschaft. Daran, dass ein Wassermolekül aus zwei Atomen Wasserstoff und einem Atom Sauerstoff besteht und Meteorologen das Wetter besser vorhersagen als der Heubauer auf der Alm. Da ist kein Platz mehr für den Glauben an Gott. Oder?

In der Serie Jung und Gott gehen wir der Frage nach, wie wir heute glauben – und warum wir so wenig darüber sprechen. Dazu gehört auch die Frage, ob es Gott gibt, ob man seine Existenz beweisen oder widerlegen kann. Die Antwort kennt Dirk Evers. Er setzt sich als Theologieprofessor der Uni Halle-Wittenberg und Präsident der European Society for the Study of Theology and Science seit Jahren damit auseinander, ob Glaube und Wissenschaft vereinbar sind.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Evers, der Anthropologe Robert J. Priest hat einmal gesagt: "Für Akademiker ist es ganz einfach, sich zu diskreditieren. Sie müssen nur sagen, dass sie religiös sind." Ist das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft wirklich so mies?

Dirk Evers: Mies würde ich nicht sagen. Eher: Zwischen der Naturwissenschaft und dem Glauben gibt es eine ungeheure Spannung. Der eine Wissenschaftler löst sie auf, indem Gott auch in seinem Privatleben keine Rolle mehr spielt. Für andere ist das gut miteinander vereinbar. Ein Beispiel: Der berühmte Physiker Michael Faraday war ein sehr frommer Mensch. Aber jeden Tag, wenn er betete, machte er die Tür zum Labor zu.

ZEIT Campus ONLINE: Warum?

Evers: Die Wissenschaft, vor allem die Naturwissenschaft, betrachtet die Wirklichkeit so, als gäbe es Gott nicht. Das ist eine methodische Grundannahme. Die rührt daher, dass sie sich nur auf das konzentriert, was man experimentell und empirisch überprüfen oder mathematisch modellieren kann. Da ist Gott raus. Wer versucht, Gott oder ein Wunder oder irgendwelche religiösen Zusammenhänge in der Naturwissenschaft unterzubringen, outet sich sofort als jemand, der nicht nach wissenschaftlichen Grundsätzen vorgeht.

Dirk Evers ist Professor für evangelische Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er setzt sich mit dem Verhältnis von Religion und Naturwissenschaften auseinander. © Jörg Hambacher

ZEIT Campus ONLINE: Alles, von der Politik bis zur Medizin, soll heute wissenschaftlich überprüfbar sein. Wo soll da noch Platz für Gott sein?

Evers: Gott ist aus theologischer Sicht kein Gegenstand in der Natur, keine Kraft, die man in einem Naturgesetz festhalten kann. Er ist der Grund der Natur selbst. Alles, was in den Naturwissenschaften erforscht wird, hat also etwas mit Gott zu tun. Natürlich kann man Gott nicht im Raum der Naturwissenschaften festnageln. Man findet ihn nicht an einer einzelnen Stelle, er entzieht sich einem naturwissenschaftlichen Zugriff. Daraus kann man aber nicht schließen, dass er nicht vorhanden ist.

ZEIT Campus ONLINE: Kann man denn das Gegenteil beweisen? Dass Gott existiert?

Evers: Es gab einige Bewegungen, die das versucht haben, zum Beispiel mit Wundern. Die galten, nachdem man die Naturgesetze beschrieben hat, per Definition als etwas Übernatürliches. Wer sie nachweisen konnte, hatte also einen Hinweis auf Gott. Ein Beispiel: In den 1870er-Jahren gab es in den USA und England eine erregte Debatte darüber, ob Bittgebete sich positiv auf die Gesundheit von Menschen auswirken. Man schlug Experimente vor, um das nachzuweisen. Eine andere Schiene ist das argument of design, das sich bis heute gehalten hat.

ZEIT Campus ONLINE: Das Argument besagt, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass unsere Welt überhaupt entstanden ist. Denn dafür mussten beim Urknall eine Temperatur von exakt 10³² Kelvin und eine Dichte von 10⁹⁴g/cm³ herrschen.

Evers: Ja. Die Theorie besagt, dass das kein Zufall sein kann. Da müsse einfach ein Schöpfer dahinterstecken. Das Gegenargument: Wenn man annimmt, dass es unendlich viele Welten gibt, wie die Quantenphysik, dann ist es nicht mehr verwunderlich, dass es auch eine lebensfreundliche gibt. Man kann die Designidee aber auch auf die Welt der Lebewesen anwenden: Leben in all seiner Komplexität, so das Argument, kann doch nicht einfach mechanisch entstanden sein, es müsse eine Lebenskraft, ein Geist, eine Beseelung dahinterstecken. Diese Meinung haben auch viele Naturwissenschaftler bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vertreten. Auch Charles Darwin hat sie geschätzt – bis er sich mit seiner Evolutionsthese von ihr abwandte.

Dann kam Immanuel Kant

ZEIT Campus ONLINE: Die Designthese widerspricht der Evolutionstheorie, weil sie behauptet, es gebe eine zielgerichtete Entwicklung von Lebewesen, hinter denen eine Vernunft steckt?

Evers: Genau. Aber das macht aus der Designthese noch keinen Gottesbeweis. Dafür müsste man beweisen, dass Lebewesen gar nicht anders entstehen können, zum Beispiel durch Zufall. Weil das schwer gelingt, glauben viele an eine abgeschwächte Form. Statt an einen Designergott glauben Sie daran, dass es in der Evolution eine Richtungsgebung mit göttlichem Geist gibt. Das nennt sich dann theistische Evolutionsvorstellung. Das ist aber auch kein Beweis, dass Gott existiert, sondern nur eine Interpretation der Evolution.

ZEIT Campus ONLINE: Auch Mathematiker wie Kurt Gödel haben versucht, Gott mit komplizierten mathematischen Berechnungen zu beweisen. Ist das alles überholt?

Evers: Naja, zumindest ist heute klar, dass es keinen Gottesbeweis gibt, der so schlüssig ist wie der Satz von Pythagoras und auf den sich alle einigen können, weil er keine strittigen Voraussetzungen braucht.

ZEIT Campus ONLINE: Gott durch Naturphänomene oder Beobachtungen zu beweisen, ist also gescheitert. Was kam danach?

Evers: Dann kam Immanuel Kant. Er hat gesagt, dass diese Beweise scheitern müssen, weil unsere Begriffe für das, was wir beweisen wollen, nicht ausreichen. Unsere Begriffe beziehen sich immer auf das, was in Raum und Zeit erfahrbar ist, also nie auf Gott. Die Gottesbeweise versuchen sich gewissermaßen über die eigene Erfahrung hinauszuschwingen und verwickeln sich dabei in Widersprüche. Deshalb, sagt Kant, braucht es einen zusätzlichen Grund, um anzunehmen, dass es Gott gibt. Und den soll eigentlich der sogenannte ontologische Gottesbeweis liefern. Der sagt, dass etwas existieren muss, über das nicht hinaus gedacht werden kann. Und das Größte, das gedacht werden kann, ist dann Gott. Nur glaubt Kant an diesen Beweis selbst nicht. Deshalb weicht er auf die Moral aus.

ZEIT Campus ONLINE: Kant sagt, es muss Gott geben, weil das moralisch notwendig ist. Was meint er damit?

Evers: Wir müssen, wenn der Begriff Gott gefüllt werden soll, auf ein anderes Gebiet menschlicher Erkenntnis als die Erfahrung ausweichen. Und das – sagt Kant – ist das moralische Verhalten des Menschen. Nach Kant soll ich jederzeit so handeln, dass die Grundsätze meines Handelns eine allgemeine Gesetzgebung werden können. Das ist der kategorische Imperativ und laut Kant das einzige Gesetz, das sich die Vernunft selber geben kann. Aber das Problem – und da kommt Gott ins Spiel – ist: Niemand kann einem garantieren, dass man, wenn man als moralischer Mensch in der Welt lebt und handelt, wirklich das Gute herbeiführt und damit selig werden kann. Ja, es kann sogar sein, dass es den moralisch guten Menschen im Leben schlecht geht. Deshalb brauchen wir Gott als jemanden, der das moralische Wesen des Menschen ergründen und erkunden kann und ihm am Ende des Lebens die entsprechende Seligkeit zuteilen kann.

ZEIT Campus ONLINE: Aber das ist doch auch kein Beweis.

Evers: Nein, selbst Kant sagt: Das ist kein echter Beweis, weil er nicht objektiv ist. Er sagt: "Es ist nicht gewiss, dass ein Gott sei. Ich bin aber moralisch gewiss, dass einer ist." Es müsse Gott geben, sonst wäre meine Verfasstheit als moralisches Wesen sinnlos.

ZEIT Campus ONLINE: Heißt das auch, dass sich mit Kant der klassische, experimentelle Gottesbeweis verabschiedet?

Evers: Ja.

ZEIT Campus ONLINE: Aber wenn die Theologie nicht mehr auf der Suche nach einem Gottesbeweis ist, was sucht sie dann?

Evers: Es ist schwer von "der einen Theologie" zu reden. Im englischsprachigen Raum wird Kant sehr viel kritischer gesehen. Dort finden Sie weiterhin Theologen, die fleißig an Gottesbeweisen arbeiten. Denen leuchtet Kants Position nicht ein. In der deutschsprachigen, vor allem der protestantischen Theologie kam nach Kant Friedrich Schleiermacher. Schleiermacher war der Meinung, dass Religion weder Moral ist noch Metaphysik, also nicht durch Gottesbeweise oder Vernunftüberlegungen zu ergründen sei.

ZEIT Campus ONLINE: Viele religiöse Menschen wollen ja von den Zehn Geboten nichts wissen, haben aber so ein Gefühl, dass da etwas sein könnte.

Evers: Ja, Schleiermacher spricht ein Alltagsverständnis vieler Christen an. Das, was wir mit Gott meinen, lässt sich oft nicht in Begriffe packen. Und wenn wir das tun, wird es schief und schräg. Schleiermacher sagt, Religion ist die Bestimmtheit des Gefühls. Allerdings meint er mit Gefühl nicht Emotion, sondern eine Art Grundausrichtung des menschlichen Daseins. Er nennt es das "Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit".

ZEIT Campus ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Evers: Schleiermacher sagt, der Mensch ist frei und abhängig zugleich. Aber jeweils nur relativ. Zum Beispiel bin ich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit von einer bestimmten Mutter geboren worden. Davon bin ich relativ abhängig. Zugleich aber kann ich mich innerhalb dieser Bedingungen für gewisse Dinge entscheiden, ich bin also relativ frei. Ich kann mich zum Beispiel entscheiden, ob ich Schuster werde oder zur Uni gehe. Aber ich bin eben nie schlechthin, also absolut frei. Und da stellt sich die Frage: Wenn ich nie absolut frei bin, bin ich dann schlechthin, also absolut abhängig? Schleiermacher glaubt: ja. Wir sind schlechthin abhängig von dem Grund unserer Existenz, und der Grund für unsere Existenz ist Gott. Und das spüren wir – die ganze Zeit.

Warum soll es nur den naturwissenschaftlichen Zugang zur Wirklichkeit geben?

ZEIT Campus ONLINE: Und wenn Religion nur eine bestimmte Ausrichtung unseres Gefühlslebens ist, wer sagt uns dann, dass wir uns Gott nicht einfach ausgedacht haben?

Evers: Das ist eine große Schwierigkeit der Naturwissenschaften und des Alltagsverständnisses der Menschen. Dass wir nur das als real ansehen, was in irgendeiner Weise – durch Logik, Mathematik oder indem es ein Messgerät zum Ausschlagen bringt – nachgewiesen werden kann. Der Rest der Dinge scheint eine Illusion zu sein. Aber wenn man das so sieht, dann sind auch Gedanken nicht mehr Gedanken, sondern die Begleiterscheinung beim Feuern von Nervenzellen. Liebe ist dann nichts anderes als ein hormoneller Zustand des Körpers. Aber wir können für unsere Existenz eben nicht auf Kategorien wie Liebe oder Freiheit verzichten.

ZEIT Campus ONLINE: Aber Liebe und Freiheit kann ich auch empfinden, ohne an Gott zu glauben. Und selbst wenn ich diese Grundausrichtung habe, von der Schleiermacher spricht, wer sagt mir, dass es Gott ist?

Evers: Sie haben natürlich Recht, Liebe und Freiheit sind allgemeine menschliche Phänomene. Religion und Glauben an Gott erweisen sich auch eher darin, wie man mit Freiheit und Liebe umgeht. Martin Luther beschreibt es so: Christenmenschen sind durch den Glauben frei von Knechtschaft jeder Art. Diese Freiheit aber führt direkt zum Dienst an den Nächsten, also zur Nächstenliebe.

ZEIT Campus ONLINE: Ich frage einmal anders: Was bringt es mir, an Gott zu glauben?

Evers: Einen Mehrwert bei der Erklärung der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit bringt Gott nicht. Viele sagen: Ich brauche ihn nicht, um mir die Wirklichkeit zu erklären. Dann gibt es ihn auch nicht für mich. Aber diese Ansicht ist nicht unproblematisch.

ZEIT Campus ONLINE: Warum?

Evers: Weil es unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit gibt: Nehmen wir die Hirnforschung. Die zweifelt immer wieder am freien Willen der Menschen, weil sie ihn im Gehirn nicht finden kann. Aber eine bewusste, freie, autonome Entscheidung ist kein naturwissenschaftlicher Begriff, den man irgendwie methodisch einfangen und im Hirn finden könnte, der Begriff entstammt einem anderen Zugang zur Wirklichkeit. Es hat seine Berechtigung, dass es mehrere Wirklichkeitsbegriffe gibt, nur das führt zu einem reichhaltigeren Verständnis menschlicher Existenz, weil auch das Nichtquantifizierbare und das Nichtfunktionale eine Rolle spielen können. Momentan aber finden Theologen und Philosophen auf der einen Seite und Wissenschaftler auf der anderen oft keinen gemeinsamen Nenner und der Diskurs dreht sich dann im Kreis.

ZEIT Campus ONLINE: Die Naturwissenschaft sagt auch immer wieder: Was wir jetzt noch nicht wissen oder messen können, geht in ein paar Jahren.

Evers: Diese Rede von der Entschlüsselung der letzten Geheimnisse oder der Lösung der letzten Rätsel ist eine beliebte naturwissenschaftliche Rhetorik. Das hat man beim Genom auch schon gedacht. Aber jetzt haben wir es vollständig sequenziert und trotzdem sind nicht alle Rätsel der menschlichen Existenz gelöst.

ZEIT Campus ONLINE: Wie lässt sich die Bibel mit einer naturwissenschaftlichen Weltsicht vereinbaren? Dort gibt es immer noch das Bild eines sehr personalisierten Gottes. Er greift ein, zum Beispiel in das Wetter.

Evers: Man muss die Bibel immer wieder wenden und neu interpretieren. Und das Gottesbild in der Bibel muss man im Zusammenhang ihrer Zeit sehen. Aber interessanterweise sind die biblischen Texte für die damalige Zeit religionskritisch. Sie wenden sich ab von einem Verständnis, dass man einen bestimmten Gott, zum Beispiel den Gott des Wetters, mit einem Opfer oder Ritual in eine bestimmte Richtung drängen könnte. Im ersten Schöpfungsbericht wird das ziemlich deutlich. Da hängt Gott die Sonne und den Mond als Lampen an den Himmel. Und die hebräischen Wörter für Sonne und Mond sind Götternamen. Die Götter werden zu Lampen degradiert. Die Bibel wendet sich also gegen das magische Denken.

ZEIT Campus ONLINE: Aber dieses Gottesbild ist doch immer noch personalisiert. Sie sprachen vorhin davon, dass Gott keine Kraft in der Natur ist, sondern ihr Grund. Findet sich das auch in der Bibel?

Evers: Ein gewisser Grundkonsens verschiedener biblischer Texte dürfte darin bestehen, dass niemand Gott je gesehen hat, was auch zum Bilderverbot passt. Es gibt einen interessanten alttestamentlichen Text, in dem der Prophet Elija verzweifelt ist und sterben möchte. Gott zeigt sich ihm dann, indem er an ihm "vorübergeht". Da kommen Wind, Erdbeben und Feuer, aber Gott ist in keinem davon. Erst zum Schluss kommt ein stilles, sanftes Sausen. Und darin erkennt Elija irgendwie Gott, ohne ihn zu sehen. Gott zeigt sich gewissermaßen zwischen den Zeilen, als das Sanfte, das Lockende, das Bittende, eine in der Funktionalität der Welt oft überhörte Stimme – so würde ich jedenfalls den Text zu verstehen suchen.

ZEIT Campus ONLINE: Danke für das Gespräch!