Unsere Autorin hat Sex mit Frauen, ohne sich zu schützen. Sie will sich aufklären und trifft auf überforderte Apotheker und Sexshop-Verkäufer.

Ich bin 26 und habe beim Sex mit Frauen noch nie verhütet. Fingern, lecken, Vulven und andere Körperteile aneinanderreiben. Hielt ich alles für unbedenklich.

Ich wäre nie auf die Idee gekommen, innezuhalten und zu fragen: "Warte mal kurz, hast du Lecktücher da?" Dass es schwarze, fetisch-mäßig aussehende Latexhandschuhe gibt, weiß ich nur aus einem queeren, alternativen Porno, den ich mir auf den unbequemen Holzbänken im Senatssaal der Humboldt-Universität bei einer Podiumsdiskussion zum Thema queer sexualities on screen angesehen habe.   

Lange wiegte ich mich in dem bequemen Glauben, ich bräuchte mich beim Sex mit Frauen um Verhütung einfach nicht zu kümmern – und das glaubten offensichtlich auch alle meine Sexpartnerinnen. Aber ist das alles wirklich so unbedenklich? Oder bin ich einfach naiv und ungebildet? Ich begebe mich auf die Suche nach etwas, das meine Sexualkundelehrerinnen aus der Schule offensichtlich nicht für wichtig hielten: Verhütung zwischen Frauen.

Erste Anlaufstelle: die Berliner Lesbenberatung. Per E-Mail werde ich auf eine Broschüre hingewiesen, die ganz ohne Kategorien wie "Mann", "Frau", "Hetero" oder "Homo" auskommt und eine Vielfalt von Sexpraktiken, sexuellen Orientierungen und Identitäten berücksichtigt. Ich stöbere das Heft in der Auslage am Tresen eines linken Neuköllner Cafés auf. "Einen Cappuccino, bitte, und einmal die Broschüre 'Safer Sex'": 3,20 Euro. Zwischen MacBook-Hipstern, jungen Müttern, die sich über den Stuhlgang ihrer Babys unterhalten, und Studis, die über Foucault brüten, lese ich, dass die meisten STIs (sexually transmitted diseases) über Körperflüssigkeiten, Schleimhäute, (Menstruations-)Blut oder offene Wunden übertragen werden. Schützen kann man sich zum Beispiel, indem man Kondome oder Einweghandschuhe über Finger und Toys zieht und sie von Person zu Person wechselt – oder zwischendurch Hände waschen geht. Um sich beim Oralsex zu schützen, gibt es Lecktücher aus Latex, die man angeblich im Sexshop bekomme.

Alternativ hält die Broschüre eine Bastelanleitung bereit: Man schneide von einem Latexhandschuh die Finger ab und schneide ihn dann seitlich auf. Ich lerne: Auch Kondome lassen sich auf ähnliche Weise umfunktionieren, Frischhaltefolie tut wohl ebenfalls ihren Dienst. 

Ich mag DIY. Aber selbst professionelles Informationsmaterial rät mir zum Basteln? Das erschreckt mich. Wie unsichtbar ist meine sexuelle Orientierung, wie marginal ist die sexuelle Gesundheit lesbischer und bisexueller Frauen und Queers, dass ich mir meine Verhütungsmittel aus Küchenbedarf und Putzutensilien selber basteln müsste?

Bevor ich mich von meiner nächsten Sexpartnerin in Klarsichtfolie einwickeln lasse, würde ich gerne noch herausfinden, wie hoch das Übertragungsrisiko nun eigentlich ist. Ich mache einen Beratungstermin beim Zentrum für sexuelle Gesundheit und Familienplanung. "Für was genau?", fragt die Dame an der Anmeldung unwirsch. "Ich würde mich gerne zu Verhütung beraten lassen", antworte ich. "Wie jetzt? Für was denn genau? Wollen Sie die Spirale?", herrscht sie mich an. "Nein, ich würde mich gerne einfach generell zu Verhütung informieren", erkläre ich noch einmal. "Ja, für was denn genau???" – Ist mein Anliegen derart abnormal? Ich beginne, mich dafür zu schämen, dass ich zum Thema Verhütung noch Fragen habe. Dieselbe Szene spielt sich noch einmal ab, als ich zwei Wochen später zu meinem Termin an der Anmeldung stehe.

Habt ihr gehört, Heteros?

Die junge Ärztin, die mich empfängt, berät mich kompetent und errötet nur leicht unter meinen detaillierten Fragen. Ich erfahre, dass beispielsweise Hepatitis B und Gonorrhö Schmierinfektionen sind und auch Chlamydien und Trichomonaden auf diesem Weg übertragen werden. Das Ansteckungsrisiko ist dasselbe, ob nun Scheidensekret oder Sperma mit den Schleimhäuten der anderen Person in Kontakt kommt.

Habt ihr gehört, Heteros? Wer von euch hat beim Fingern oder Lecken eigentlich schon mal an Verhütung gedacht?

Verhütung: Prävention, Empfängnisverhütung, Safer Sex

Auf den Fluren des Gesundheitszentrums weisen Aushänge darauf hin, dass man hier Verhütungsmittel unter Vorlage der entsprechenden Gehaltsnachweise umsonst bekommt. "Gibt es hier auch Verhütungsmittel für Sex mit Frauen?", frage ich die Sprechstundenhilfe. "Verhütungsmittel …?" Die Dame im weißen Kittel Mitte 40 sieht mich schräg an, einen Moment herrscht Stille. Ich weiß nicht, wie ich mich noch verständlicher ausdrücken soll. Dann versteht sie mich. "Ah! Äh … also, nein, damit sind Mittel zur Empfängnisverhütung gemeint", erklärt sie. "Sie können solche Latextücher verwenden, die gibt es in der Apotheke." Sie wedelt kurz mit einer klinisch aussehenden DIN-A4-formatigen Verpackung. Mit der sehe ich mich jetzt nicht auf der nächsten Party.

Wo ich schon mal hier bin, denke ich, kann ich mich auch gleich einmal durchchecken lassen. Die Ärztin fragt mich, ob ich mit mehr als zehn Menschen im Jahr schlafe, ob bisexuelle Männer dabei sind, ob ich Drogen nehme und mir Nadeln teile. Dann nimmt sie mir Blut ab und macht einen Abstrich. "Wenn Sie in einer Woche nichts von uns gehört haben, wissen Sie, dass alles in Ordnung ist."

Es ist mir unangenehm, in der Apotheke nach Lecktüchern zu fragen, deshalb gehe ich auf meiner Suche nach Verhütungsmitteln erst einmal in die Drogerie. In einer gut sortierten Filiale in Berlin-Mitte gibt es Chia-Samen, glutenfreie Nudeln und 44 verschiedene Kondomsorten – aber keine Lecktücher. Um verhütungstaugliche Utensilien für lesbischen Sex zu finden, muss ich die Putzmittelabteilung aufsuchen. Ein 60er-Pack Latexhandschuhe in klinischem, gelblichem Weiß: 3,99 Euro. Wie die wohl schmecken …?

"Äh … nein. Was für Latextücher?"
Apotheker

Es bleibt mir wohl nicht erspart: In einer Neuköllner Apotheke stehe ich einem weißhaarigen Herren mit runder Hornbrille gegenüber. Ob er Latextücher hätte.

"Äh … nein. Was für Latextücher?"

"Na ja, die zur Verhütung"

"Verhütung …?" Er sieht mich genauso schräg an wie die Sprechstundenhilfe im Gesundheitszentrum. "Sie meinen, gegen Krankheiten, HIV und so? Verhütung ist für mich jetzt erst mal Empfängnisverhütung."

Habe ich vielleicht das zentrale Wort meiner Recherche falsch verstanden? Später wird mich Wikipedia beruhigen. Verhütung: Prävention, Empfängnisverhütung, Safer Sex.

Wie kommt es, dass selbst medizinisches Personal bei Verhütung nur ans Nicht-schwanger-Werden denkt? Offensichtlich ist das allgemeine Verständnis von Sex immer noch auf Penis-Vagina-Penetration beschränkt. Alles andere ist Vorspiel und zählt irgendwie nicht richtig. Krank werden kann man davon, laut der Ärztin im Gesundheitszentrum, trotzdem.

"Also, die müsste ich bestellen", fährt der Apotheker fort. "Wissen Sie den Namen?" Ich kenne keinen Lecktuchmarkennamen. Er auch nicht. "Da hat schon mal jemand nach gefragt, aber das ist schon lange her", fährt er fort. "Deshalb weiß ich auch, dass es das gibt. Aber ich kann es leider nur bestellen, wenn ich den Namen weiß. Tut mir Leid."

Zwei Stück Oral Dams für 12,90 Euro

Bleibt nur noch der Sexshop. Eine Freundin empfiehlt mir einen Laden mit verschnörkeltem Jugendstil-Schild über dem Eingang in einer gediegenen Shoppinggegend in Berlin-Mitte. An der Tür klebt eine vielversprechende kleine Regenbogenflagge. Die Kondomauswahl neben dem Tresen ist etwa so vielfältig wie in der Drogerie. Ganz oben links auf dem Regal steht eine vereinzelte kleine Packung, auf der Oral Dams steht. Ich bin fündig geworden! Inhalt: zwei Stück. Preis: 12,90 Euro.

"Habt ihr sonst noch Lecktücher oder sind das die einzigen?", frage ich die in sich zusammengesunkene Verkäuferin Mitte 50 mit dem schütteren blonden Haar. "Das sind die einzigen." – "12,90 Euro, ja?", frage ich ungläubig. Ja, sagt sie und straft meine überflüssige Frage mit einem sehr müden Blick. Okay, tschüss.

Dann eben doch DIY. Aber werde ich das wirklich durchziehen? Beim nächsten One-Night-Stand mit einer Frau ein Stück Klarsichtfolie zücken? Was, wenn sie denkt, ich finde sie eklig? Oder wenn sich die Folie verheddert? Die Hemmungen sind enorm: Erstens, weil ich keinerlei Erfahrungen damit habe. Zweitens, weil es alles andere als eine etablierte Praxis ist.

Vier Tage später sitze ich abends zu Hause, gehe im Kopf durch, mit wem ich in den letzten drei Monaten geschlafen habe, und fange an, einer Person nach der anderen per Sprachnachricht zu erklären, dass ich Gonorrhö habe. Das Gesundheitszentrum hat sich gemeldet. Dass ich keine Symptome hatte, sei nicht ungewöhnlich, hat die Frau am Telefon gesagt. Übertragbar sei sie indes trotzdem: durch Schleimhautkontakt oder Kontakt der Schleimhäute mit Sperma oder Vaginalsekret. Man könne die Erreger auch im Rachen haben, deshalb sei eine Übertragung durch Oralsex bei Frauen nicht sehr wahrscheinlich, aber möglich. Die Krankheit sei mit Antibiotika therapierbar. Wenn sie aber lange unentdeckt und damit unbehandelt bleibt, könne sie zu Unfruchtbarkeit führen.