Zu den Fehlinformationen in den Leitlinien gehört aus Sicht des BVF vor allem die Handlungsempfehlung zum Umgang mit übergewichtigen Frauen, bei denen die Pille danach aufgrund des Gewichts möglicherweise nicht wirken kann. In der Checkliste werden diese trotzdem empfohlen.

In einem Statement, das der Berufsverband der Frauenärzte bereits im April 2015 an die ABDA geschickt hat und das ZEIT Campus ONLINE vorliegt, verurteilen die Ärzte diese Position als "unverantwortlich" und "grob fahrlässig". Es gebe aus aktuellen Studien Hinweise auf eine nachlassende Wirksamkeit des Hormons Levonorgestrel, kurz LNG (siehe Kasten) bei einem Körpergewicht über 75 Kilogramm, die nicht außer Acht gelassen werden dürften, heißt es in der Stellungnahme.

Um unerwünschte Schwangerschaften möglichst sicher zu verhindern, sei ab einem Körpergewicht von über 75 Kilogramm die Abgabe von LNG als kritisch anzusehen, ab einem Körpergewicht von 90 Kilogramm die Abgabe des Wirkstoffs Ulipristalacetat (siehe Kasten). "In diesem Fällen stellt die Kupferspirale eine sichere Alternative dar", so der BVF. Auf die Option der Kupferspirale als Notfallverhütungsmittel werde in den Checklisten für die Apotheken generell nicht ausführlich genug hingewiesen, kritisieren die Frauenärzte in ihrem Statement weiter.

"Die aktuelle Handlungsempfehlung ist das Ergebnis eines ausführlichen und langwierigen Diskussionsprozesses", sagt der ABDA-Pressesprecher Reiner Kern. An diesen Gesprächen hat sowohl das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) teilgenommen als auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), das in Deutschland über die Zulassung von Medikamenten entscheidet, sowie die Bundesärztekammer, der Berufsverband der Frauenärzte und die ABDA. Zurzeit werde die Handlungsempfehlung allerdings noch einmal überarbeitet; an welchen Stellen sich dann möglicherweise Änderungen ergeben, konnte der ABDA-Sprecher noch nicht sagen.

Nachfrage steigt

Seit die Pille danach rezeptfrei erhältlich ist, ist die Nachfrage tatsächlich gestiegen. Im Februar 2015, kurz vor der Freigabe, wurden noch 37.000 Packungen verkauft, ein Jahr später liegt die Nachfrage konstant bei etwa 60.000 pro Monat.

Daphne Hahn glaubt nicht, dass die Nachfrage gestiegen ist, weil Frauen jetzt absichtlich unsicherer verhüten. "Früher haben die Frauen aufgrund von Barrieren wie Scham womöglich eher auf einen Besuch beim Arzt verzichtet und gehofft, es werde schon gut ausgehen." Hahn war sieben Jahre lang Vorsitzende von ProFamilia und hat sich für die Rezeptfreiheit der Pille danach eingesetzt.

Die Professorin für Gesundheitswissenschaften hat an der Hochschule Fulda im vergangenen Jahr eine quantitative Befragung von hessischen Apothekerinnen und Apothekern durchgeführt. Von 989 angefragten Apotheken hatten sich 143 zur Teilnahme bereit erklärt. 134 Datensätze konnten schlussendlich ausgewertet werden. Darin wurden mit Fragen wie "Wie wird vorgegangen, wenn die Kundin jünger als 14 Jahre ist?" die konkreten Regeln der jeweiligen Apotheken abgefragt. Im Anschluss wurden zwei Apothekerinnen und zwei Apotheker in qualitativen Interviews konkret zu ihrer Vergabepraxis befragt. Bei der Auswertung von Fragebögen und Interviews stellte Daphne Hahn fest: Die Vergabepraxis in Apotheken ist oftmals unbefriedigend. Einige Apothekerinnen und Apotheker gaben an, die Pille danach in bestimmten Situationen gar nicht zu verkaufen – beispielsweise an Minderjährige oder an Frauen, die gar kein oder nur schlechtes Deutsch sprechen.

Frauen, die potenziell mehr als einmal in die Apotheke kommen, um die Pille danach zu kaufen, seien von einem Apotheker im einem der vier Interviews gar als "Wiederholungstäterinnen" bezeichnet worden.

Die Unsicherheiten

Auch sei erstaunlich, dass die Pille danach nicht in allen Fällen abgegeben werden würde, wenn der Verdacht vorliege, die Kundin benötige das Präparat aufgrund einer Vergewaltigung. "Das Apothekenpersonal scheint im Umgang mit Gewaltopfern sehr unsicher zu sein. Sie wissen nicht, wie sie adäquat Hilfe leisten können, obwohl bereits die Aushändigung der Pille danach für Frauen eine sehr große Erleichterung darstellt", heißt es in einer Analyse der Befragung, die Daphne Hahn und ihr Team im Jahr 2017 im pro familia magazin veröffentlicht haben. Ein Verweis an einen Arzt sei zwar ratsam, sollte jedoch erst nach der Aushändigung des Notfallkontrazeptivums erfolgen.

Auch bei der Vergabe an Minderjährige scheint in vielen Apotheken Unsicherheit zu herrschen. Eine eindeutige Richtlinie für gibt es für diese Fälle bislang nicht. So steht im ABDA-Leitfaden lediglich, die "im Merkblatt angegebenen Kriterien, verbunden mit dem heilberuflichen Wissen und dem persönlichen Kontakt in der Apotheke, können die Apotheker/innen unterstützen, verantwortungsvoll eine Entscheidung über die Abgabe im vorliegenden Einzelfall zu treffen." Und an Mädchen unter 14 Jahren sollte die Pille danach ohne Einverständnis eines Erziehungsberechtigten gar nicht abgegeben werden, lautet die Empfehlung.

Auch die Gesundheitswissenschaftlerinnen um Daphne Hahn fordern im pro familia magazin eine Überarbeitung der Leitlinien: "Eine eindeutige rechtliche Regelung kann Divergenzen in der Vergabepraxis, wie beispielsweise bei der Abgabe an Minderjährige, reduzieren und somit einen barrierearmen Zugang unterstützen."

Hahn glaubt, dass jedoch auch der Umgang vieler Ärzte mit den Patientinnen genauso problematisch sei wie der der Apotheker: "Viele Frauen berichten, dass es sehr unangenehm war, beim Frauenarzt ein Rezept für die Pille danach zu holen, weil sie das Gefühl hatten, verurteilt zu werden", sagt Hahn.

Petra Thürmann vom Helios Klinikum Wuppertal betont, dass die Garantie einer gewissenhaften Beratung durch einen Gynäkologen nicht immer und zu 100 Prozent gegeben sei. "Woher wissen wir denn, dass die Patientin nicht vielleicht einfach in der Sprechstunde ein Rezept am Tresen rübergeschoben bekommt? Und auch bei der Aufklärung über Wirkung und Nebenwirkung des Präparats sind schließlich nicht alle Ärzte Weltmeister."