Für manche ist es nicht mehr als ein schwarzer Fleck, für andere ein schlimmer Verlust: Zu jeder abgebrochenen Schwangerschaft gehört eine Frau, hier erzählen zwei.

Derzeit wird im Bundestag wieder über die rechtliche Grundlage von Schwangerschaftsabbrüchen diskutiert. Wir widmen diesem Thema deshalb einen Schwerpunkt auf ZEIT ONLINE. Hier erzählen zwei Frauen ihre Geschichten, die deutlich machen, wie unterschiedlich die Umstände und Gefühle bei einem Abbruch sein können.

Alice, 22, Studentin

Den ersten Schwangerschaftstest machte ich alleine. Negativ. Mein Freund war beruhigt, aber ich hatte immer noch ein komisches Gefühl: Das war keine normale Verspätung der Periode. Meine Brüste taten weh, der Bauch fühlte sich hart an. Schließlich besorgte mein Freund mir doch einen zweiten Schwangerschaftstest aus der Apotheke. Positiv. Wir waren beide so überfordert: Fuck. Oh mein Gott. Was machen wir jetzt?

Wir ließen den positiven Test im Badezimmer liegen und gingen einkaufen. Tiefkühlpizza zum Abendessen. Dann haben wir geredet. Wir waren erst seit drei Monaten zusammen, frisch verliebt und hatten noch nie ernsthaft über Familienplanung gesprochen. Mein Freund konnte es den ganzen Abend lang noch gar nicht fassen, aber er sagte gleich: Egal, was du tun willst — ich werde deine Entscheidung akzeptieren.

"Ein Kind hätte überhaupt nicht in dieses Leben gepasst. Und wir hätten auch dem Kind nicht bieten können, was wir uns für ein Kind wünschten."
Alice, 22

Ein paar Minuten lang haben wir uns vorgestellt, wie das wäre, ein Kind zu bekommen: Irgendwie romantisch, wir zwei, total verliebt, dazu ein kleiner Fratz, der uns fürs Leben miteinander verbindet. Aber dann waren wir uns sehr schnell einig, dass ich abtreiben würde. Auch wenn wir Unterstützung von unseren Eltern bekommen hätten, wäre es eine Katastrophe gewesen. Ich war zu dem Zeitpunkt 19 Jahre, gerade mit dem Abi fertig und arbeitete aushilfsweise auf Montage. Ich freute mich auf das Studium, mein Freund war schon mittendrin. Er hätte abbrechen und Geld verdienen müssen, ich hätte gar nicht erst angefangen, zu studieren. Ein Kind hätte überhaupt nicht in dieses Leben gepasst. Und wir hätten auch dem Kind nicht bieten können, was wir uns für ein Kind wünschten.

Unsere gemeinsame Entscheidung fiel noch am selben Abend, doch danach zog sich die Abtreibung unendlich in die Länge: Ich hatte keinen festen Frauenarzt, einen Termin zu bekommen dauerte und schließlich zögerte der Frauenarzt die Abtreibung noch mal hinaus. Der Fötus sei etwas unterentwickelt. Unklar, ob er es schaffe, eine Abtreibung wäre dann nicht notwendig. Ich sollte eine Woche später noch mal kommen.

Zu dem Beratungsgespräch bei Pro Familia, das man vor jeder Abtreibung machen muss, sind wir zusammen gegangen. Ich verstehe schon, wieso man das machen muss. Aber meine Entscheidung stand ohnehin schon fest. Als uns die Unterstützungsmöglichkeiten erklärt wurden, dachte ich: Das weiß ich alles. Gebt mir einfach diesen Schein, damit ich endlich abtreiben kann.

Während der ganzen Zeit meiner kurzen Schwangerschaft war ich angespannt und ungeduldig, wollte nur, dass es einfach vorbei ist. Nach vier Wochen Warterei war es endlich so weit. Da war ich schon im dritten Monat. In der Klinik hat der Arzt einen letzten Ultraschall gemacht, ich habe auch hingeschaut. Erkennen konnte ich aber nichts. Ich sah einfach einen schwarzen Fleck.

"Moralische Bedenken hatte ich nie."
Alice, 22

Das mag hart klingen, aber ein schwarzer Fleck auf einem Monitor, der seit ein paar Wochen existiert, ist für mich noch kein Kind. Ich verstehe den Fötus eher als einen Organismus, der in mich hineinwächst. Das zu verhindern, ist mein gutes Recht. Es ist immer noch mein Körper und mein Leben. Moralische Bedenken hatte ich also nie. Angst machten mir nur die Narkose und mögliche Komplikationen: Was, wenn ich danach nie mehr Kinder bekommen kann?

Unsere Familien wissen von der Abtreibung nichts. Meine Eltern sind nicht gegen Abtreibungen, aber ich hatte einfach nicht das Gefühl, ihre Hilfe zu brauchen. Die Eltern meines Freunds sind sehr religiös und hätten sicherlich ein größeres Problem damit gehabt. Ich bin froh, dass wir diese Entscheidung zusammen, aber unabhängig von unseren Familien getroffen haben. Genauso möchte ich irgendwann, wenn ich so weit bin, ein Kind großziehen: in eigener Verantwortung.

Mein Freund und ich sind heute, zwei Jahre später, immer noch zusammen und sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Für unsere Beziehung war der Schwangerschaftsabbruch keine Zerreißprobe. Im Gegenteil: Er hat uns gezeigt, dass wir es ernst miteinander meinen und uns vorstellen können, ein gemeinsames Kind zu bekommen. Nur eben nicht sofort.