Kirsten, 55, Krankenschwester

Meine beiden Abtreibungen liegen schon mehr als 15 Jahre zurück, noch immer leide ich darunter. Bei meiner ersten Abtreibung war ich 36 Jahre und hatte schon einen Sohn. Eigentlich sprach nichts dagegen, ein zweites Kind zu bekommen. Mein Partner und ich hatten gute Berufe, wir verdienten genug, waren in einer festen Beziehung. Aber mein Partner hat mich dazu gedrängt, abzutreiben. Erst später habe ich verstanden, dass er große psychische Probleme hat und sich einem Kind nicht gewachsen gefühlt hat.

"Ein Bild werde ich nie vergessen: eine Frau, die nach der Abtreibung mit ihrem Rucksack alleine zum Bahnhof marschiert ist. Genau so ist eine Abtreibung: sehr, sehr einsam."
Kirsten, 55

Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass mein Partner sagt: Wir schaffen das gemeinsam. Alleine habe ich mich nicht stark genug gefühlt, um zu sagen: Ich mach das einfach. Viel Zeit für eine Entscheidung blieb uns nicht, weil ich schon in der zehnten Woche war, als ich von der Schwangerschaft erfuhr. Also trieb ich ab.

Ich habe auf die Vollnarkose verzichtet, um mich dem Verlust bewusst auszusetzen. Wenn das Kind sterben muss, dann muss ich das jetzt aushalten, so dachte ich. Schlimmer als der Eingriff war für mich aber, zu sehen, wie viele Frauen im Krankenhaus darauf warteten, ihre Schwangerschaft zu beenden, viele von ihnen ohne Begleitung. Ich werde nie vergessen, wie eine Frau nach der Abtreibung mit ihrem Rucksack alleine zum Bahnhof marschiert ist. Genau so ist eine Abtreibung: sehr, sehr einsam.

Ein paar Jahre später hat sich die Situation wiederholt: Wieder habe ich eine Schwangerschaft gegen meinen Willen abgebrochen. Diesmal blieb mir die Reaktion meines Partners noch unverständlicher. Denn mein neuer Partner und ich hatten uns ein Kind gewünscht. Ich habe sogar Medikamente genommen, um die Wahrscheinlichkeit der Empfängnis zu erhöhen. Als ich dann tatsächlich schwanger wurde, wollte er das Kind nicht haben. 

"Wenn wir jetzt verunglücken, das würde mir überhaupt nichts ausmachen."
Kirsten, 55

Das Dilemma war das gleiche wie einige Jahre zuvor. Ich wollte das Kind, doch traute mir nicht zu, es ohne die Unterstützung meines Partners zu bekommen. Eine Freundin redete mir gut zu: Bekomm’ es, wir schaffen das zusammen. Sie bot an, sich mit mir um das Kind zu kümmern. Aber ich wollte es nur mit meinem Partner bekommen. Ich glaube, er hatte sich in dem Moment schon von mir entfernt. Kurze Zeit später waren wir nicht mehr zusammen.

Als wir am Tag der Abtreibung im Auto auf dem Weg in die Klinik nach Wiesbaden saßen, war es sehr glatt. Ich dachte nur: Wenn wir jetzt verunglücken, das würde mir überhaupt nichts ausmachen. Ich war am Boden zerstört und er war eiskalt. Direkt nach der Abtreibung hat er mich noch mit zu einem beruflichen Termin geschleppt. Dann haben wir den Wocheneinkauf gemacht. Für ihn war die Sache gelaufen. Ich glaube nicht, dass er sich heute überhaupt noch daran erinnert, dass er heute eigentlich ein Kind hätte. Ich denke noch oft an die beiden Kinder, die ich hätte haben können. Eine schöne große Familie, wie ich sie mir gewünscht habe.

Als gläubiger Mensch stellt man sich bei Abtreibungen auch die Schuldfrage: Habe ich ein Leben auf dem Gewissen? Wird Gott mir vergeben? Damals war ich noch Mitglied einer evangelischen Freikirche, auch heute glaube ich noch an Gott. Mit der Seelsorgerin unserer Kirche konnte ich zum Glück offen sprechen. Mir hat es sehr geholfen, ein Trauerzeremoniell mit ihr am Grab meines Vaters zu machen. Ich habe einen Brief geschrieben und vergraben.

Dieses Glück, sich zu verabschieden, haben nicht viele, es fehlt an Angeboten. Für Frauen, die eine Fehlgeburt hatten, gibt es Trauerbegleitung und Selbsthilfegruppen. Für Frauen, die abgetrieben haben und darunter leiden, gibt es: nichts. Dabei können diese Frauen genauso um ihr ungeborenes Kind trauern. Stattdessen gibt es immer noch viel Stigmatisierung. In Internetforen ist die Stimmung sehr feindlich: Mörderin, näh' doch dein Loch zu, solche grauenhaften Dinge müssen Hilfesuchende da lesen.

Deshalb biete ich Frauen auf entsprechenden Foren im Internet meine Unterstützung an. Wir reden dann im Chat über ihre Gefühle. Ich bin kein Therapeut, aber ich kann den Frauen sagen: Ich kenn' die Scheiße. Und: Du darfst trauern.