Die einen gehen nicht zur Wahl, weil sie so frustriert sind. Die anderen regen sich über genau diese Einstellung auf. Drei junge Stimmen aus Italien über ihr Land

Italiens Jugend ist frustriert. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 32 Prozent, drei Viertel der 18-bis- 35-Jährigen müssen noch bei ihren Eltern wohnen. Und nach einer Jugendstudie des Thinktanks Istituto Toniolo sind die jungen Italiener besonders schlecht auf die etablierten Parteien zu sprechen. Sie machen die Führungsschicht verantwortlich dafür, dass ihre Jobaussichten miserabel sind und sie immer später auf eigenen Beinen stehen können.

Knapp 40 Prozent der jungen Italiener wollen deshalb gar nicht wählen. Und wenn sie am 4. März zur Wahl gehen, dann werden wohl viele für die junge, populistische Fünf-Sterne-Bewegung stimmen. Wir haben einen Nichtwähler, einen Anhänger der Fünf-Sterne-Bewegung und eine junge Italienerin, die sich über ihre desinteressierten Freunde aufregt, zu ihrem Frust befragt.

"Mein Freund denkt an seinen Job und seine Hobbys – nicht an den Wahlkampf."
Alessia Smania © Hanna Gieffers

Alessia ist 18 Jahre alt, wohnt im Dorf Castello di Godego bei Venedig und macht dieses Jahr Abitur

"Mein Freund ist eingeschlafen, als wir uns vor ein paar Wochen die TV-Debatte angeschaut haben. Er denkt hauptsächlich an seinen Job und seine Hobbys und interessiert sich nicht dafür, wie es mit unserem Land weitergeht. Er hat das Gefühl, dass seine Stimme eh nichts ändert. In einem Zeitungsartikel habe ich gelesen, dass sieben von zehn Erstwählern nicht zur Wahl gehen wollen.

Ich sehe es als meine Pflicht, mich zu informieren und wählen zu gehen. Es ist das erste Mal, dass ich das kann, natürlich mache ich das. Es frustriert mich, dass viele Leute in meinem Alter nicht wählen gehen wollen. Von anderen Bekannten habe ich gehört, dass sie einfach das nehmen, was ihre Eltern wählen. Wie kann man so bequem und blind sein? Meistens kommt dabei die populistische Partei Lega raus. Andere lassen ihren Frust über das aktuelle System heraus, indem sie die Fünf-Sterne-Bewegung wählen. Diese Partei randaliert zwar gegen das System, ist aber auch populistisch und hat vor allem keine Vision für Italien. Ich gebe auf jeden Fall meine Stimme ab, ich weiß nur nicht, wo ich mein Kreuz mache. Keine der großen Parteien hat gute Vorschläge für mich und meine Freunde, die kleinen Parteien sind zu unbedeutend.

Ich bin Deutsch-Italienerin, meine Mutter kommt aus Stuttgart. Die deutsche Fernsehdebatte zwischen Merkel und Schulz fand ich toll, die beiden waren sehr höflich und haben die andere Person ausreden lassen. In Italien sind die Ideen der Politiker nicht so klar. Ich hatte Probleme, die Wahlprogramme auf den Internetseiten zu finden und ihre Vorschläge zu verstehen. Statt der Inhalte sind nur die Köpfe wichtig.

Die konservative Partei Forza Italia richtet ihren Wahlkampf ganz nach dem Ex-Premier Silvio Berlusconi aus, obwohl er wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde und deshalb gar nicht kandidieren darf. Der Wahlkampf ist zu einer TV-Show geworden, in der es nur um Oberflächlichkeit geht. Ich schaue mir nun weiter die Wahlprogramme an oder spreche mit meinen Eltern über die aktuellen Entwicklungen. Beim Abendessen diskutiere ich oft mit meinem Vater, wir haben ganz unterschiedliche politische Ansichten. Er will eine Zentrumspartei wählen, ich bin eher links. Wahrscheinlich werde ich mich kurz vor der Wahl für die Partei entscheiden, die ich am wenigsten schlimm finde.

Wie meine Zukunft hier in Italien aussehen soll, weiß ich nicht. Ich mache bald Abitur und diskutiere oft mit meinen Freundinnen auf dem Schulhof. Viele haben Angst davor, später keinen Job zu finden. Alle strömen deshalb zur Uni. Auch wenn sie gar nicht genau wissen, wo sie später arbeiten möchten. Bislang ist dieser Frust noch nicht in Wut umgeschlagen, nur das Gefühl von Resignation macht sich breit. Wenn ich nicht einen Freund und mein Pferd Mela hier hätte, würde ich ins Ausland gehen zum Studieren.

Jetzt plane ich, in Padua Politikwissenschaften zu studieren. Ich würde gerne später als Politikerin arbeiten. Vielleicht kann ich so vom Inneren einer Partei heraus Dinge in Italien verändern. Anfangen würde ich mit der Bildungspolitik. Wir müssen in den italienischen Schulen zu viel stumpf auswendig lernen und werden zu wenig zum eigenen Denken angeregt."

"Viele meiner Freunde finden keinen richtigen Job, auch wenn sie studiert haben."
Alessandro Catanzaro © Privat

Alessandro ist 26 und studiert Kommunikationswissenschaften in Perugia

"Mir geht es relativ gut – wenn ich mein Leben mit dem von Freunden und Bekannten vergleiche. Ich kann studieren, meine Eltern sind Ärzte und unterstützen mich finanziell. Ich habe das Gefühl, dass mein Leben in den richtigen Bahnen verläuft. Doch für viele meiner Freunde ist das nicht der Fall. Ihre Eltern haben weniger Geld. Das größte Problem, für das bislang keine italienische Partei eine Lösung gefunden hat, ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Sie liegt bei 32 Prozent.

Viele meiner Freunde finden keinen richtigen Job, auch wenn sie studiert haben. Sie müssen im Unternehmen ihrer Eltern mitarbeiten, haben schlecht bezahlte Aushilfsjobs, mit denen sie nur 400 Euro im Monat verdienen oder werden nur für 20 Stunden in der Woche angestellt. Wenn ich in einem Restaurant essen gehen will, müssen einige absagen, weil sie gerade nicht genug Geld haben. Ich bin mir sicher, dass es unseren Eltern besser ging, als sie in unserem Alter waren. Das macht mich unheimlich traurig und wütend.

"Ich habe Angst um Italien"

Ich gehe aus Frust nicht wählen. Die italienische Politik macht mich krank, die leeren Wahlversprechen der Politiker habe ich satt. Jeder weiß, dass sie diese nicht halten werden. Sie überbieten sich in Ankündigungen, wie stark sie die Steuern senken wollen oder wie sie am besten 500.000 illegale Migranten schnellstmöglich rauswerfen wollen. Es ist, als wollten die Parteien mir einen Ferrari verkaufen, dabei haben sie eigentlich nur Schrottkisten im Laden.

Bei den letzten Wahlen habe ich die Fünf-Sterne-Bewegung gewählt, um gegen das System zu protestieren. Ich hatte damals schon die Schnauze voll von den alten Parteien und ihrer Vetternwirtschaft, die das Land lähmt. Aber auch die Politiker der Fünf-Sterne-Bewegung haben mich enttäuscht. Die neue Bürgermeisterin von Rom gehört zum Beispiel dieser Partei an, die Stadt versinkt noch stärker im Müllchaos als vorher. Außerdem gab es Cyberangriffe auf die Website der Bewegung, mit der jeder über die Parteilinien abstimmen kann. Das finde ich sehr gefährlich für unsere Demokratie.

Ich habe Angst um Italien. Was wird aus einem Land, das seiner Jugend so wenige Möglichkeiten bieten kann? Auch wenn es sich drastisch anhört: Ich denke, dass Italien gerade einen langsamen Tod stirbt."

"Ich bekomme für meine Steuern so wenig zurück vom Staat."
Luca © Privat

Luca ist 29 Jahre alt, wohnt in einem Dorf bei Turin und arbeitet in der Sportbranche

"Ich frage mich jeden Monat, wozu ich Steuern zahle. Ich bekomme so wenig zurück vom Staat. Und es ist immer noch häufig der Fall, dass viele öffentliche Aufträge per Vetternwirtschaft vergeben werden. Die traditionellen Parteien stehen für mich für die Vergangenheit Italiens, die Fünf-Sterne-Bewegung bedeutet die Zukunft. Viele der alten Politiker sind korrupt, haben nur ihren eigenen Vorteil im Kopf und stecken mit der Mafia unter einer Decke. Sie haben das Land heruntergewirtschaftet – und es zu einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 32 Prozent geführt. Wenn eine Partei es schafft, diese Situation zu ändern, dann ist es die Fünf-Sterne-Bewegung.

Meine Stimme ist mehr als ein Zeichen des Protests. Ich glaube an die Bewegung, weil ihre Politiker gute Ideen haben. Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein gutes Instrument, um die Wirtschaft in Italien anzukurbeln. Ich selbst habe einen Job, ich brauche das Geld nicht. Aber es wäre eine Starthilfe für die vielen jungen Arbeitslosen. Einige italienische Medien wollen uns weismachen, dass diejenigen, die es bekommen, dadurch faul werden. Erste Experimente in Finnland bestätigen, dass das nicht so ist.

Außerdem finde ich es gut, wie die Bewegung die Demokratie neu belebt. Jeder Italiener kann auf ihrer Website rousseau.movimento5stelle.it Vorschläge für Gesetze einreichen und an Abstimmungen über die Parteilinie teilnehmen. Entscheidungen werden basisdemokratisch über diese Plattform getroffen. Mein Vater nutzt diese Möglichkeit schon. Er hat zwar noch keine eigene Idee vorgeschlagen, aber stimmt über die von anderen ab. Diese direkte Art Einfluss nehmen zu können gefällt mir. Ich habe Lust, das bald auch zu machen.

Da ich erst seit Kurzem hinter der Bewegung stehe, war ich 2007 noch nicht dabei, als sie auf Marktplätzen offene Proteste gegen Korruption in der Politik organisiert haben. Aber dieses Gefühl, Teil einer großen Bewegung zu sein, die gerade beginnt, muss toll gewesen sein. Endlich haben wir jungen Leute in Italien wieder eine Stimme. Dass Luigi Di Maio mit nur 31 Jahren antritt, um neuer Ministerpräsident Italiens zu werden, finde ich gut.

Wenn ich wie Nostradamus die Zukunft voraussehen könnte, dann sähe sie so aus: Die Fünf-Sterne-Bewegung wird die meisten Stimmen erhalten. Da sie aber mit keiner anderen Partei eine Allianz eingehen will, wird Di Maio nicht Ministerpräsident werden. Stattdessen wird die konservative Partei Forza Italia von Silvio Berlusconi zusammen mit der sozialistischen Partei Partito Democratico koalieren und die nächste Regierung bilden – in einer Art großen Koalition. Ich hoffe trotzdem, dass der Erfolg der Fünf-Sterne-Bewegung das politische System in Italien verändern wird."