Sie studieren, aber danach reicht es nur für einen Kellnerjob und ein Zimmer bei Mama: Wie geht Italiens Jugend damit um, dass ihre Heimat ihr keine Chance gibt?

An ihrem ersten Arbeitstag verließ Mariangela Grandoni den Schreibtisch der Sekretärin auf der Station für Orthopädie nicht. Klingelten die Patienten nach der Pflegerin, hoffte sie, dass sie nicht zu ihnen geschickt wird, und klammerte sich an die roten Plastikordner mit den Patientenakten. Sie hatte Kopfschmerzen, so vieles war neu, so viele Wörter verstand sie nicht.

Die ersten Wochenenden in Hamburg saß die 26-jährige Italienerin allein auf dem Bett im Schwesternheim und dachte an ihre Samstagabende in Bologna: Sie hatte sich mit Freunden in den Studentenbars der Stadt getroffen, gequatscht, gelacht. Heute vor zwei Jahren kam sie in Deutschland an, um im Evangelischen Amalie Sieveking-Krankenhaus als Pflegerin zu arbeiten. Das Krankenhaus suchte nach Fachkräften, auch im Ausland. "Ich wollte endlich auf eigenen Beinen stehen", sagt sie. Aber in ihrem Heimatland ging das nicht.

"Das Land blutet langsam aus"

Am Sonntag wählt Italien ein neues Parlament. Doch obwohl das Land auf einem Index zur Generationengerechtigkeit in Europa mittlerweile den vorletzten Platz belegt, obwohl die Jugendarbeitslosigkeit bei 32 Prozent liegt, war die Lage der Jungen nur ein Randaspekt des Wahlkampfs. Deshalb wollen immer mehr von ihnen weg: 2016 wanderten fast 25.000 junge Italienerinnen und Italiener mit Universitätsabschluss ins Ausland aus, fast doppelt so viele wie noch vor 17 Jahren. Volkswirte schätzen, dass diese Emigration Italien rund ein Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr kostet. Mariangela ist ein kleiner Teil dieses Prozentpunktes.

Mariangela Grandoni, 26, wäre gern in Italien geblieben. Heute arbeitet sie als Pflegerin in Hamburg. © Hanna Gieffers für ZEIT Campus ONLINE

"Ich bin sauer und frustriert, dass der italienische Staat uns jungen Leuten so wenige Möglichkeiten gibt", sagt sie. Sie hat bereits gewählt, per Briefwahl aus Deutschland. Aber dass ihre Stimme etwas ändert, glaubt sie nicht. Aus ihrem Jahrgang sind drei Absolventen nach England gegangen, drei weitere arbeiten jetzt in Deutschland. "Das Land blutet langsam aus", sagt sie.

Mariangela ist dafür mitverantwortlich, aber sie wäre gern in Italien geblieben. Sie ging nicht aus Überzeugung, nicht, weil sie wollte, sondern weil sie keine Wahl hatte.

Auf 40 Plätze kamen manchmal 30.000 Bewerberinnen und Bewerber.

Nach drei Jahren Studium der Pflegewissenschaft in Bologna musste sie zurück in ihr altes Kinderzimmer ziehen, in ein Dorf mit 6.000 Einwohnern, weil sie keinen Job fand. "Meine Eltern haben 20.000 Euro für mein Studium gezahlt", sagt sie. "Nach dem Abschluss zurückzuziehen, hat sich nach Versagen angefühlt." Sie jobbte als Kellnerin und nahm an Auswahltests für Stellen in öffentlichen italienischen Krankenhäusern teil. Doch auf 40 Plätze kamen manchmal 30.000 Bewerberinnen und Bewerber. Für die Tests mietete der Staat Turnhallen an, um alle Bewerber unterzukriegen. Mariangela bekam nur Absagen. In Italien gibt es fast keine offenen Stellen, in Deutschland werden Pfleger gesucht. Eine unscheinbare E-Mail war Mariangelas Rettung. Eine Agentur schrieb sie an, sie habe einen Job für sie. In Hamburg.

Sie gehen nicht freiwillig

Fünf Monate lang büffelte sie acht Stunden am Tag deutsche Grammatik. Lernte Vokabeln wie "Steckbecken" oder "Kopfteil des Bettes". Sie bestand die B2-Sprachprüfung. Geht sie heute, zwei Jahre nach ihrem ersten Arbeitstag, durch den Flur ihrer Station 2E, grüßt sie jeden. Im Stationszimmer sitzt jeder Handgriff. Und nur noch ein leichter Singsang und hier und dort ein vergessener Artikel verraten, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Aber wenn sie von ihren Wochenenden in Bologna erzählt, fängt ihre Stimme noch heute an zu zittern und ihre Augen verschwimmen. "Ich vermisse meine Freunde", sagt sie. Sie fährt alle drei Monate nach Italien, um Freunde und Familie zu besuchen. Die Sehnsucht wird weniger, aber sie geht nicht ganz weg.

"90 Prozent der 18- bis 29-Jährigen denken, dass Auswandern eher eine Notwendigkeit ist als eine freiwillige Entscheidung", sagt Alessandro Rosina. Rosina ist Sozialwissenschaftler an der Katholischen Universität Mailand, er analysiert seit 2011 in der wichtigsten Jugendstudie des Landes die Stimmung junger Italienerinnen. Rosina sagt: Eine Abwärtsspirale hat eingesetzt. Die geringen Möglichkeiten und Chancen verhinderten die Selbstverwirklichung der jungen Italiener, viele müssten ihre Erwartungen nach unten schrauben. "Selbst gut ausgebildete Leute finden keinen Job, der ihren Qualifikationen entspricht."