Die Jusos legten sich mit ihrer SPD an, tingelten durch Talkshows und die Republik, gaben einfach keine Ruhe. Gut so. Sie haben den Streit zurück in die Politik gebracht.

Das Streiten als Grundlage für eine funktionierende Demokratie wird immer rührselig beschworen. Die Jusos haben das mit ihrer NoGroKo-Kampagne ausprobiert. Und gezeigt, wie schmerzhaft dieser Streit ist, wenn man ihn nicht nur mit fordert, sondern öffentlich ertragen muss.

Bis heute dürfen die SPD-Mitglieder darüber abstimmen, ob sie eine neue Große Koalition wollen. Aber egal wie das Ergebnis ausgeht, die Kampagne hat die deutsche Demokratie vorangebracht. Denn in den vergangenen Monaten hat die Jugendorganisation der SPD ihre Partei, die bei der Bundestagswahl das schlechteste Ergebnis ihrer jüngeren Geschichte erreicht hatte, öffentlich gezwungen, Rechenschaft abzulegen über das, was in der großen Koalition verhandelt werden soll. Die Jusos haben nicht zugelassen, dass die Parteispitze die ausgehandelten Kompromisse nur als Erfolge feiert, sondern sie auch verteidigen muss. Als die SPD-Führung sagte: Aber schaut mal die Posten! Da sagten die Jusos: Schaut auf die Inhalte. Und sie haben nicht nur den Parteivorstand, nicht nur die SPD-Mitglieder, sondern jeden politisch Interessierten in Deutschland erreicht.

Denn die Jusos karrten ihren Vorsitzenden Kevin Kühnert monatelang durch Deutschland, streamten ihre übervollen Veranstaltungen ins Netz. Sie setzten ihn zu Maybritt Illner, die ihn Kleinert nannte. Sie platzierten ihn bei Markus Lanz, der ihn fragte, ob er seine Eltern bei politischen Fragen um Rat bitte. Kühnert wurde von ihnen zum Kevin gemacht, aber er nutzte die Aufmerksamkeit, um sich mit seiner Meinung immer wieder in die öffentliche Wahrnehmung zu prügeln: Die Jusos sprachen über Klimaschutz, der im Koalitionsvertrag zu kurz komme, über sachgrundlose Befristung, die nicht vollständig abgeschafft wurde, wie ursprünglich von der SPD versprochen.

Mit dem Dauergetingel, der Aufdringlichkeit, der Weigerung, es jetzt auch mal gut sein zu lassen, zwangen die Jusos sich auf und schafften es so, die große Koalition, die langweiligste politische Konstellation, die Deutschland zu bieten hat, zu einem Symbol für die Ab- und Einnickdemokratie zu machen, die ihre Partei und das ganze Land ergriffen hat.

Demokratie stirbt nicht, weil zu viele demokratische Wahlen stattfinden. Sondern wenn sie zu vielen egal sind.

Niemand kann wissen, wie ein Koalitionsvertrag ausgesehen hätte, wenn die Jusos nicht monatelang ihre Parteispitze geärgert hätten. Aber es kann kein Zufall sein, dass gerade dieser Koalitionsvertrag dazu geführt hat, dass die Union plötzlich eine Führungsdebatte führt und die SPD der Union das Finanzministerium abgeluchst hat. Der Druck der Basis hat zum harten Verhandeln angespornt. Und die Junge Union fühlte sich von den Jusos ermutigt und forderte einen Generationenwechsel auch in der eigenen Partei.

Wie nebenbei lösten die Jusos mit ihrem Aufstand eine Debatte aus über junge Menschen in der Politik. Sie stritten darüber, was ein guter politischer Kompromiss ist, wo man Abstriche machen muss, wenn man gemeinsam politisch etwas erreichen will. Ein Jugendverband, der normalerweise nur medial wahrgenommen wird, weil Parteichefs und -chefinnen ihnen für einen engagierten Wahlkampf danken, oder weil sie mal wieder fordern, Gras zu legalisieren, wurde plötzlich als möglicher Faktor für ein Ende von Merkels Kanzlerschaft diskutiert. Aber auch wenn die SPD-Mitglieder am Sonntag den Koalitionsvertrag ablehnen und es Neuwahlen geben wird – Demokratie stirbt nicht, weil zu viele demokratische Wahlen stattfinden. Sondern wenn sie zu vielen egal sind.

Gut möglich, dass dieser Aufstand der Jungen die SPD Zustimmung gekostet hat, eine Umfrage sieht sie schwächer als die AfD. Aber jahrelang mussten sich die Parteien vorwerfen lassen, sie würden sich nicht genug streiten, nicht genug unterscheiden. Die Jusos haben den Streit zurück in die Bundespolitik getragen.

Das tut weh, ja. Aber auch gut.