Junge Frauen schweigen über Schwangerschaftsabbrüche, als seien die immer noch ein Makel. Dabei spricht jetzt sogar der Bundestag darüber. Lasst uns auch wieder reden.

Als ich zum ersten Mal über Abtreibung sprach, war ich noch ein Kind. Meine Mutter erzählte mir, wie sie mit 28 Jahren ungewollt schwanger geworden war. Sie steckte damals mitten im Referendariat, lebte in einer WG und hatte gerade erst ein Kind bekommen, meinen Bruder. Noch ein Kind traute sie sich nicht zu.

Als sie mir das erzählte, war ich vielleicht acht Jahre alt. Ich fand es damals schade, nicht noch eine ältere Schwester zu haben. Oder wäre es ein Bruder gewesen? Trotzdem hatte ich keine Zweifel daran, dass das, was meine Mutter getan hatte, richtig war. Weil meine Mutter so selbstverständlich über ihren Abbruch sprach, stellte ich auch später als Teenager oder junge Erwachsene nicht infrage: Frauen entscheiden selbst, ob sie Mütter werden wollen oder nicht.

Wir sprechen über Männer und Frauen, die wir lieben oder geliebt haben. Darüber, was uns aufregt und was uns erregt. Warum nicht über reproduktive Selbstbestimmung?

Meine Mutter blieb mehr als zwanzig Jahre lang die einzige Frau, die mir je von ihrem Abbruch erzählt hat. Mich macht das stutzig. Denn im Schnitt beenden jährlich etwa 100.000 Frauen in Deutschland eine Schwangerschaft, die meisten davon in meiner Altersgruppe zwischen 25 und 30. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis müsste es Fälle geben. Rein statistisch. Doch ich kenne keinen. Abends in der Bar diskutieren wir über das Scheitern der SPD oder die Nachteile der Pille. Wir sprechen über Männer und Frauen, die wir lieben oder geliebt haben. Darüber, was uns aufregt und was uns erregt. Aber über reproduktive Selbstbestimmung? Höchstens, wenn es um das Abtreibungsverbot in Polen geht. 

Dabei bewegen sich auch hier Frauen sowie Ärztinnen und Ärzte in einem legalen Graubereich. Schwangerschaftsabbrüche sind seit 1995 unter bestimmten Bedingungen straffrei, aber nicht legal. Auch das Werben für Abtreibungen ist laut deutschem Gesetz verboten. Ein Umstand, den viele vergessen hatten, bis die Frauenärztin Kristina Hänel vergangenes Jahr "wegen unerlaubter Werbung für Abtreibungen" zu 6.000 Euro Strafe verurteilt wurde.

An diesem Donnerstag wird zum ersten Mal seit mehr als zwanzig Jahren wieder im Bundestag über den Paragrafen 219a, der das Werben für Abbrüche verbietet, diskutiert. Fast ein bisschen anachronistisch wirkt es, dass in derselben Sitzung, in der die FDP über freien Cannabiskonsum diskutieren will, auch ein Paragraf zur Debatte steht, der 1933 vom NS-Regime erlassen wurde. War unser Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen lange nicht so fortschrittlich, wie wir geglaubt haben?

Die große Masse der Frauen schweigt

Jedenfalls sind meine Freundinnen und ich nicht die einzigen, die darüber schweigen. "Heute wird wieder weniger über Schwangerschaftsabbrüche geredet", sagt Regine Wlassitschau vom Bundesverband Pro Familia. Pro Familia berät zu Liebe, Sex, Partnerschaft, Familienplanung – und, das ist gesetzlich vorgesehen, auch zu Schwangerschaftsabbrüchen.

Wlassitschau beobachtet zwei Dinge: Viele Frauen, die heute in die Beratung kommen, seien schlecht informiert, wüssten zum Beispiel nicht, dass sie sich zwar für einen Abbruch entscheiden können, aber trotzdem eine Straftat begehen. Und sie sagt: "Das Klima hat sich geändert, viele Frauen sprechen nicht mehr offen über ihren Abbruch." Es gebe eine kleine aktive Minderheit, die sich einsetzt, zum Beispiel, um sich mit der Gießener Frauenärztin Hänel zu solidarisieren. "Das sind aber nicht viele, die große Masse der Frauen schweigt", sagt Wlassitschau.

Sprechen wir also nicht mehr darüber, weil es nicht nötig ist?

"In den Siebziger- und Achtzigerjahren haben Frauen, wenn sie abgetrieben haben, häufig aus einem feministischen Impuls gesagt: Ich mach das und ich sag das auch, um zu zeigen, dass es mein Recht ist. Viele, gerade jüngere Frauen, berichten heute nicht mehr offen über Abbrüche", sagt auch die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Kirsten Kappert-Gonther, die sich für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen einsetzt und mehr als zwölf Jahre als Psychotherapeutin gearbeitet hat. Aus ihrer Arbeit als Therapeutin kenne sie viele Geschichten junger Frauen, die noch unter einem Schwangerschaftsabbruch leiden und niemanden haben, mit dem sie darüber reden können. "Es gibt einen Rückzug ins Private", sagt auch sie.

Dabei haben sich die Reproduktionsrechte, seitdem Frauen in den Siebzigern mit "Mein Bauch gehört mir"-Transparenten auf die Straße gegangen sind, verbessert: Seit 1995 gilt, dass Frauen auch ohne Notlage bis zur zwölften Woche straffrei abtreiben dürfen, seit 2015 gibt es die Pille danach rezeptfrei, und nun wird im Bundestag die Abschaffung des Paragrafen 219a diskutiert. Eigentlich könnte man denken, es gäbe heute weniger Stigmatisierung als früher. Warum sprechen wir heute dennoch weniger offen darüber als früher?

Medizinisch mag ein Schwangerschaftsabbruch mittlerweile ein Routineeingriff sein. Psychisch ist er es nicht.

Fragt man das Kappert-Gonther, sagt sie: "Weil es relativ gut läuft. Unsere Gesellschaft hat sich in einem Kompromiss eingerichtet, durch den Abbrüche zwar nicht legal, aber straffrei sind." Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen wollten, werden seit den Neunzigern gut versorgt. Paragraf 218a schreibt die Beratungspflicht vor. Auch gab es immer genügend Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche machen, obwohl sie es nicht müssen. Weil die Versorgung klappte, verstummten die Frauen erst öffentlich und dann privat. Sprechen wir also nicht mehr darüber, weil es nicht nötig ist?

Nein. Denn ZEIT ONLINE hat für diesen Themenschwerpunkt Frauen von ihren Abbrüchen erzählen lassen. Und sie berichten nicht von Selbstbestimmung, sondern von Verheimlichung vor der Familie, Beleidigungen im Internet und einsamen Entscheidungen. Sie wollen nicht erkannt werden, weil sie sich schämen. Medizinisch mag ein Schwangerschaftsabbruch mittlerweile ein Routineeingriff sein. Psychisch ist er es nicht.

Keine Frau treibt gerne ab

Keine Frau treibt gerne ab. Und fast jede Frau stellt sich vor einem Abbruch Fragen, die quälen: Hätte ich das verhindern können? Habe ich mich auf den falschen Mann oder die falsche Verhütungsmethode eingelassen? Ist es okay, dass mir mein Job, meine Ausbildung oder mein Studium wichtiger sind? Gibt es überhaupt den richtigen Zeitpunkt? Was würden meine Eltern, mein Partner sagen, wenn sie es rausfinden? Was, wenn ich es bereue?

Frauen werden beschimpft und verurteilt

Weil Frauen sich nicht trauen, offen über ihre Zweifel, Ängste oder Schmerzen vor einem Abbruch zur reden, müssen sie diese Fragen allein für sich beantworten. Oder sie suchen im Internet nach Hilfe. Hier teilen viele Frauen ihre Erfahrungen. Hier werden die Frauen aber auch von Abtreibungsgegnern aufs Schlimmste beschimpft und verurteilt, so berichten es jedenfalls einige, mit denen wir gesprochen haben.

Ein Schwangerschaftsabbruch ist eben keine Blinddarm-OP, die alle okay finden. Sondern er ist immer noch ein Makel, ein peinlicher, schmerzhafter und politisch umstrittener Eingriff in den weiblichen Körper. Ein Makel, der auf das Individuum, die einzelne Frau, abgewälzt wurde. Doch je weniger wir darüber sprechen, dass Schwangerschaftsabbrüche schmerzhaft, widersprüchlich und trotzdem notwendig sein können, desto gesellschaftsfähiger wird die Haltung der Abtreibungsgegner.

Warum fragst du nicht einfach?

Und ein Schwangerschaftsabbruch bleibt nur so lange eine persönliche Entscheidung, wie die politischen Entscheider sie ermöglichen. Und solange sich genügend Ärzte finden, die freiwillig gegen das Gesetz verstoßen und Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Dass schon bald nicht mehr alle Frauen so problemlos versorgt werden wie bisher, befürchtet zumindest Kappert-Gonther. Sie geht davon aus, dass Ärzte sich in Zukunft seltener bereit erklären werden, Abbrüche zu machen. "Der gesellschaftliche Impuls, zu sagen: Mir macht das zwar keinen Spaß, aber ich mach das, weil ich es für richtig halte, hat nachgelassen." In Kappert-Gonthers Heimatwahlkreis Bremen kommen die Ärzte, die in der medizinischen Stelle von Pro Familia heute Abbrüche durchführen, wieder aus den Niederlanden. Deutsche Ärzte, die Abtreibungen machen, fanden sich nicht mehr.

All das können wir nur durch Reden ändern. Im Bundestag über die Gesetze und in der Öffentlichkeit, wie hier in den nächsten Wochen bei ZEIT ONLINE, und im privaten Kreis darüber, warum Frauen sich schämen, über ungewollte Schwangerschaften zu sprechen. Darüber, dass manche Frauen noch Jahre später unter ihrer Entscheidung leiden. Darüber, dass es auch Frauen gibt, die abtreiben, weil es gerade einfach nicht passt. Darüber, dass manche Frauen ihre Entscheidung dem Partner verheimlichen, dass andere es von ihm abhängig machen. Wir könnten fragen, woran das liegt und ob das richtig ist. Und wir könnten mit Männern reden, die gerne Vater geworden wären oder erst Jahre später von einem Abbruch ihrer Partnerin erfahren haben und darunter leiden. So sehr, dass wir nach mehrwöchiger Recherche keinen einzigen finden konnten, der bereit war, mit uns darüber zu sprechen. Deshalb suchen wir immer noch nach Männern und Frauen, die ihre Geschichten erzählen wollen.

Den Anfang habe ich an Weihnachten bei meiner Mutter gemacht. Ich habe ihr von meiner Verwunderung darüber erzählt, dass ich außer ihr keine andere Frau zu kennen scheine, die schon mal eine Schwangerschaft abbrechen musste. Und dass ich das gar nicht glauben könne. Die Antwort meiner Mutter: Wenn du dir nicht sicher bist, warum fragst du sie nicht einfach?