Vor Kevin Kühnert haben sie Respekt: Drei junge AfD-Wähler sprechen über ihre Erwartungen an die große Koalition und über die Arbeit der Partei, die sie gewählt haben.

Die AfD sitzt jetzt seit fast einem halben Jahr im Parlament – und seit Kurzem steht fest, wer Deutschland regieren wird: Eine neue große Koalition unter Angela Merkel. Heute unterzeichnen die Union und die SPD den Koalitionsvertrag. Deshalb wollte ZEIT Campus ONLINE wissen, was die drei AfD-Wähler, die wir seit der Bundestagswahl bereits zweimal zu ihrer Entscheidung befragt haben (zum ersten Mal direkt nach der Bundestagswahl, zum zweiten Mal kurz vor Weihnachten), von der neuen großen Koalition halten. Verfolgen sie die Arbeit der AfD im Bundestag? Und wenn ja, wie bewerten sie sie? Die Antworten der drei haben wir protokollarisch festgehalten. Ihre Aussagen spiegeln ihre Meinung wider, nicht die der Redaktion.

Dario, 23, Jurastudent und AfD-Mitglied aus Stralsund:

"Obwohl ich absolut nichts von der großen Koalition halte, freue ich mich darüber, dass die AfD eine starke Opposition zur Regierung stellt. Klar, die Oppositionsführerschaft der AfD hat vor allem Symbolwert, aber ich hoffe, dass die AfD das weiterverfolgen wird, was sie bisher gemacht hat: Missstände anprangern, die andere Parteien nicht ansprechen oder sich nicht trauen anzusprechen. 12,6 Prozent bedeuten zwar nur begrenzte Macht, aber ich hoffe, dass sich andere Parteien gezwungen sehen werden, zu handeln. Auf diese Weise würde ein Teil der Politik der AfD übernommen werden.

Das funktioniert ja jetzt schon ganz gut: Ich schaue mir ab und an die Livestreams der Debatten im Bundestag an und finde es sehr gut, dass die AfD-Fraktion so gut wie immer vollzählig anwesend ist. Das sendet auch an die anderen Parteien ein Signal. Ich freue mich auch, dass die AfD den Vorsitz des Haushaltsausschusses hat. Sie sollte helfen, Ausgaben zu überprüfen, die am Ende sonst im Schwarzbuch des Steuerzahlers landen könnten. Ich habe vor Kurzem erst gelesen, dass die Bundeswehr nicht einsatzfähig sei für langfristige Einsätze – da frage ich mich, wohin fließt denn das Geld? Solche Aspekte sollten meiner Meinung nach von der AfD im Haushaltsausschuss kontrolliert werden. Peter Boehringer wird das sicherlich gut meistern als Vorsitzender. Seinen in der Kritik stehenden Kommentar "Merkelnutte" hätte ich selbst allerdings so nicht gewählt.Ich denke, dass sich die Sprache noch weiter verhärten und wir unbequem bleiben werden. Das gehört zu einer guten Oppositionspartei dazu. Ich denke, dass die AfD unserer Demokratie sehr gut tun wird.

"Das Engagement von Kevin Kühnert fand ich beachtlich."

Die Koalitionsverhandlungen fand ich ermüdend: Ich sehe in Angela Merkel keine Eigenschaften, die ein Staatsoberhaupt ausmachen, sie hat keine langfristige Vision. Ich glaube, dass deswegen auch viele Jugendliche resignieren. Die SPD hat ihr Versprechen, nicht in eine große Koalition einzutreten, gebrochen. Das fand ich sehr schade, da die Jusos so stark in dem Versprechen aufgegangen sind und am Ende doch nicht berücksichtigt wurden. Sie haben eine Riesenkampagne gegen die große Koalition geführt und das Engagement von Kevin Kühnert fand ich beachtlich. Das muss man den Jusos lassen. Das schreckt aber auch ab: Mir zeigt das wieder, dass die Stimme der Jugend nicht gehört wird. Bei der AfD hingegen wird meiner Ansicht nach sehr auf die Jugend gesetzt. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich unter anderem aktiv bei der Jungen Alternative engagiere.

Den Koalitionsvertrag sehe ich als von Angela Merkel erzwungen an. Er offenbart ganz deutlich, dass ihr kritische Selbstreflexion fehlt und zum Wohle des eigenen Machterhaltes alles geopfert wird. Nachhaltige Lösungsansätze für Deutschland gibt es meiner Ansicht nach nicht. Stattdessen wurde wochenlang über Dinge wie den Familiennachzug diskutiert, der meiner Meinung nach unser Land weiter destabilisieren wird. Das von der SPD immer wieder thematisierte Thema der Pflege war dann nach der Wahl offenbar auch nicht mehr so wichtig wie angekündigt, stattdessen – das war mein Eindruck – zerlegt sich die ehemalige Partei des deutschen Arbeiters wegen Personaldebatten. Der SPD-Führung kann man zumindest attestieren, dass sie die schwache Position der Kanzlerin ausgenutzt hat und postentechnisch alles rausgeholt hat, um so viele Genossen wie möglich abzusichern. Ich sehe die große Koalition 2018 als eine Koalition des Opportunismus, der Heuchelei und des Rückschrittes."