Wenn die Eltern alt werden, sollte man gewisse Dinge klären. Unser Autor hat seinem Vater 24 Fragen gestellt, die Kinder ihre Eltern fragen sollten, bevor sie sterben.

Tod

Wenn man klein ist, sind Mama und Papa unsterblich. Aber auch Eltern werden alt, und es gibt einen Punkt in der Eltern-Kind-Beziehung, an dem gewisse Dinge geklärt werden müssen. Einen Punkt, an dem man anerkennen muss: Ja, Mama und Papa werden sterben. Und ich muss jetzt mit ihnen darüber sprechen. Über Patientenverfügung, Testament und Hospiz. So ein Gespräch kann aber auch ein Anlass sein, mit den Eltern darüber zu sprechen, was sie bereuen, wie sie auf ihr Leben schauen und das ihrer Kinder. Für die ZEIT-ONLINE-Serie "Der Tod ist groß" haben wir uns 24 Fragen überlegt, die Kinder einmal mit ihren Eltern besprechen sollten. Und unser Autor hat sie seinem Vater gestellt. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Mein Papa feiert bald seinen 76. Geburtstag, ich bin 27 Jahre alt. Er ist so spät Vater geworden, weil er katholischer Priester war – bis er sich in meine Mutter verliebt hat. Nach meiner Geburt hat er in seinem neuen Jobs nur halbtags oder freiberuflich gearbeitet. So konnte er sich um mich und den Haushalt kümmern, während meine Mutter als Ärztin den Großteil des Geldes nach Hause gebracht hat. Mein Papa und ich haben deshalb viel Zeit miteinander verbracht und stehen uns sehr nah.

Mein Vater ist für sein Alter erstaunlich fit, fährt jeden Tag Fahrrad. Ich verdränge, dass er die Lebenserwartung seines Jahrgangs schon um zehn Jahre überschritten hat. Ich habe das Gefühl, dass er hundert Jahre alt werden könnte. Aber ich weiß, dass das ein kleines Wunder wäre.

Mein Vater hat immer noch die Ausstrahlung eines Priesters: ruhig, reflektiert, verständnisvoll. Nachdenklich, wie er ist, gehe ich davon aus, dass er übers Altern und Sterben schon viel nachgedacht hat. Da ich mit ihm immer über alles reden kann, kostet es mich keine Überwindung, ihm die Fragen zu stellen. Für das Gespräch muss ich ihn allerdings anrufen, er wohnt 400 Kilometer von mir entfernt.

Sohn: Papa, wovor hast du Angst, wenn du ans Altern denkst?

Vater: Ich habe Angst, dass ich nicht mehr selbstbestimmt agieren kann, sondern abhängiger von anderen werde. Ich fürchte mich davor, körperlich eingeschränkt zu sein und manches nicht mehr zu können, wie Wandern, Reisen oder meine Freundschaften pflegen.

Sohn: Kann ich etwas tun, um dir die Angst zu nehmen?

Vater: Nein. Diese Angst gehört zu mir, weil es mir so wichtig ist, selbstbestimmt zu leben. Was du tun kannst, ist, den Kontakt zu halten. Mir zeigen, dass es gut ist, dass es mich gibt.

Sohn: Gibt es etwas, was du gerne noch mit mir erleben würdest?

Vater: Ich würde gerne mit dir durchs Erzgebirge wandern, wo ich geboren wurde. Ich möchte mit dir diesen Ort erleben, dir weitergeben, was er für mich bedeutet. Du und ich waren so oft zusammen wandern, das gehört einfach zu meinem Leben mit dir dazu. Vor allem aber möchte ich miterleben, dass du ein Kind bekommst und ich Opa werde. Es wäre ein schönes Gefühl, zu wissen, dass die Familienlinie weitergeht.

Sohn: Gibt es etwas, was du mir noch sagen willst?

Vater: Das Wichtigste habe ich dir schon gesagt: Dass ich froh bin, dass es dich gibt. Dass du mein Leben verändert hast, ohne es zu wissen. Ich habe trotzdem schon etwas aufgeschrieben, das ich dir hinterlassen werde.

Sohn: Bereust du etwas?

Vater: Ein Freund wurde von einem Zug erfasst, vielleicht war es Selbstmord. Ich wünschte, ich hätte es verhindern können. Auch wenn mir klar ist, dass ich es nicht wissen konnte. Von meinen bewussten Entscheidungen bereue ich keine. Ich bin froh, dass ich katholischer Priester geworden bin. Und ich bin froh, dass ich diesen Beruf später aufgegeben habe, um eine Familie zu gründen.

Sohn: Wärst du gern noch einmal jung?

Vater: Nein. Das war eine einmalige Zeit. Ich habe gerne gelebt als Kind und Jugendlicher, aber alles hat seine Zeit. Nur innerlich möchte ich jung bleiben.

Sohn: Wirst du manchmal hektisch, wenn du merkst, dass du älter wirst, oder kannst du deinem Altern mit Ruhe entgegenblicken?

Vater: Hektisch werde ich auf keinen Fall, dafür bin ich nicht der Typ. Aber ich wünsche mir noch genügend Zeit und Antrieb, um meinen Besitz aufzuräumen und auszumisten: alte Briefe, Unterlagen, Dias, Bücher. Da spüre ich einen gewissen Druck, denn ich will dir keine vollen Schränke hinterlassen.

Sohn: Merkst du manchmal, dass gewisse Sachen dein Körper nicht mehr mitmacht? Was empfindest du dann?

Vater: Ich gehe jedes Jahr ein Stück Jakobsweg. Zuletzt musste ich ihn abbrechen, weil ich starke Schmerzen im Knie bekam. Das betrauere ich, aber ich sehe es als eine Aufgabe, zu akzeptieren, dass ich mit 75 Jahren keine dreihundert Kilometer mehr gehen kann. Inzwischen bin ich dankbar, dass ich noch kleinere Wanderungen unternehmen kann.